Test per Pest - DER SPIEGEL
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Pornographie Test per Pest

Daß Porno-Versender gemeinhin mehr versprechen, als sie halten, weiß ein Berliner Bürger nach einem Privat-Test. Doch nun weiß er nicht, wie er ein halbes Hundert Test-Firmen wieder los wird.
• aus DER SPIEGEL 1/1972
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Der Absender trug den Verlust mit Fassung: »Gut 150 Mark mit Porto und sonstigem sind draufgegangen. Und der Briefträger hat mich von Tag zu Tag anzüglicher angegrient.«

Verschwundenes Geld und verschmitztes Grinsen waren das vorläufige Resultat eines nicht unbedingt repräsentativen Privat-Tests, mit dem der Berliner Bürger Wolfgang Winter*, 43, die Bonität von 109 deutschen und skandinavischen Porno-Versendern abklopfen wollte.

Nach Schluß seines Fünf-Wochen-Experiments wußte es der Tester: »Wer sich von Porno-Inseraten verlocken läßt, läuft nur dann kein Risiko, wenn er lediglich Prospekte anfordert, die gratis angeboten werden,«

Aus St.-Pauli-Blättern sowie aus einem 234-Seiten-Katalog mit dem Titel »Porno- und Sex-Information 71« hatte sich der Berliner 109 verheißungsvolle Anzeigen herausgesucht, die von mutmaßlich kleinen Firmen aufgegeben worden waren. Begründung: »Die Großen wagen sich doch nicht mehr an die scharfen Sachen heran; die sind doch schon viel zu etabliert.«

Mit dem Kugelschreiber verfaßte Winter 109 Bestellungen. Er steckte insgesamt 140 Mark in Beträgen zwischen fünf und 25 Mark in 17 Umschläge. Dazu gab er noch rund elf Mark für Internationale Antwortscheine (Stück 60 Pfennig) sowie für Briefmarken aus, die er 18 anderen Briefen beilegen mußte. Die übrigen 74 Adressaten hatten auf Vorkasse verzichtet.

76 Schreiben gingen an deutsche Adressen, 33 an skandinavische Post-Boxes ab. Eine Woche später wußte der Absender schon, daß Postbeamte gemeinhin schneller als Porno-Dealer arbeiten. Er bekam neun Briefe (mit ihnen eine Fünf-Mark- sowie eine Zehn. Mark-Einlage) zurück, weil die Empfänger unbekannt waren.

Obwohl mithin hundert Briefe die Inserenten erreicht hatten, gingen in den folgenden vier Wochen nur 46 Sendungen bei dem Besteller ein. Neun kamen von Absendern, die er überhaupt nicht angeschrieben hatte. 54 Bestellungen blieben ohne Antwort. Von Winters 15 Geldbriefen wurde knapp die Hälfte (sieben) ohne Empfangsbestätigung oder gar Gegenleistung vereinnahmt. An den 55 Mark, die der Berliner dadurch einbüßte, war freilich nur eine deutsche Firma mit fünf Mark dabei.

* Der Name wurde von der Redaktion geändert.

Für erhaltenes Geld lieferten nur acht Firmen, freilich in unterschiedlicher Qualität. Als relativ redlich erwiesen sich zwei dänische Dealer: Der »Star-Versand« aus Bagsvaerd trennte sich für 25 Mark von zwei bunt-betulichen Pornoheften namens »Prince« und »Dream«. Aus Höjbjerg schickte die Firma »Swedano« ein Exemplar der als »sensationelle Neuheit« ausgewiesenen Monatsschrift »Erotischer Zwang«, in der es allerdings weitaus gezwungener als erotisch zuging.

Die restlichen Geldempfänger (jeweils fünf Mark) sandten Porno auf Dias, Photos und in Mini-Magazinen. Und wie die 38 Sex-Versender, die ohne Vorkasse ihr Angebot unterbreiteten, geizten auch sie nicht mit bunten Prospekten, in denen zumeist für Produkte der Film-Firmen Climax und Private geworben wurde.

Die Skandinavier boten hauptsächlich Magazine, Dias und Filme feil. Die Deutschen wetteiferten in der Anpreisung von zumeist Eßbarem und Umschnallbarem, das samt und sonders die »Ehehygiene« fördern sollte -- einschließlich einer »Partykerze« namens »Jonny«.

Deutsche wie dänische Handelsleute schätzen gleichermaßen die Methoden, den kassierten Fünfmarkschein durch einen hektographierten »Gutschein« zu ersetzen. So machte sich die Firma »Starex Boger« in Apenrade erbötig, den beigelegten Fünfmark-Bon jederzeit zu verrechnen, freilich nur »beim Kauf unserer Waren im Werte von mindestens 20 Mark«. Starex-Vorschlag: die Hefte mit den Titeln »Frauen unter der Peitsche« sowie »Die grausame Herzogin« zu jeweils zehn Mark.

Die merkwürdigste Sendung erreichte den Berliner Tester aus dem württembergischen Dorf Holzgerlingen. Ein im Porno-Katalog unter dem Namen »Distributor« Werbetreibender ("Tolle Möglichkeiten. Sof. Auskunft f. DM 5,--») meldete sich als ein Ralf Seibold und übersandte nebst vorgedruckter Zahlkarte unter anderem: Prospekte für Mittel gegen Potenzschwäche, für einen Intimspray ("Liebe mit Geschmack«, wahlweise Pfefferminz, Banane, Pfirsich), zur Erheiterung des Kunden einen photokopierten Zeitungsausschnitt ("Affe im Gerichtssaal"), ein Kapitalanlage-Angebot samt dazugehörigem Vertragsformular sowie neben weiteren Werbepapieren als einzige Gegenleistung für die eingesandten fünf Mark ein Paar Schnürsenkel.

Distributor Seibold zählt, wie Recherchen ergaben, zur Gruppe der nebenberuflichen Sex-Verteiler in der Bundesrepublik, deren Zahl und Namen niemand kennt.

Der Berliner Winter ist gleichwohl dem schwäbischen Freizeit-Händler weniger gram als seinen anderen Testpartnern aus der Porno-Branche: »Schnürsenkel kann man immer gebrauchen, aber von Porno habe ich mittlerweile die Nase voll.«

Erst von seinem amüsierten Briefträger erfuhr Winter »zu meinem Schrecken, daß die Sache für mich noch längst nicht ausgestanden ist«.

So ist es in der Tat: Wer einmal in der Kartei eines aufstrebenden Sex-Versands steht, wird viele Jahre lang mit Werbesendungen eingedeckt. Selbst die Liquidation einer Firma läßt die Prospekt-Flut keineswegs versiegen: Lustlos gewordene Porno-Händler pflegen ihre Kunden-Kartei stets an die noch aktive Konkurrenz zu verhökern.

Das Angebot des Briefträgers, er würde die an Winter adressierte Lust-Reklame übernehmen, sobald er pensioniert sei, wirkte angesichts dieser strengen Porno-Bräuche wenig tröstlich.

Porno-Verfolgter Winter: »Bis dahin sind es noch elfeinhalb Jahre.«

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