HEILIGES LAND Teufel im Leib
In der russischen Nomenklatura ist Alexij II. ein überaus wichtiger Mann. Der Patriarch von Moskau und ganz Russland, Metropolit von Tallinn, Estland, St. Petersburg und Nowgorod wacht als Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche über 75 Millionen Gläubige. Bei seinem Besuch im Heiligen Land, das erwartete Alexij II. selbstverständlich, würde ihn schon am Flughafen Ben- Gurion eine hochrangige Delegation der Israelis begrüßen.
Doch als Seine Heiligkeit die Gangway hinuntergeschritten war, stand vor ihm nur ein kleiner weißhaariger Mann in Freizeithosen und Windjacke - aber weit und breit kein Minister, kein Oberrabbiner. Über die russische Botschaft monierte der empörte Würdenträger, dass zu seinem Empfang nur ein »einfacher Angestellter« des Religionsministeriums erschienen sei.
Der Patriarch irrte. Israel sandte ihm nicht irgendeinen Bürodiener, sondern den höchsten Vertreter, den der Judenstaat für die Konkurrenz-Religion zu bieten hat - den Christenbeauftragten Uri Mor, 64.
Mor, selbst Jude und studierter Islamwissenschaftler, hat einen der undankbarsten Jobs in Israels Regierung. Seine Klientel ist eine Minderheit, die sich ausgerechnet im Land ihres Ursprungs im Niedergang befindet. Der Kampf um Macht und Einfluss findet zwischen Juden und Muslimen statt. Die christlichen Kirchen spielen bloß eine Zuschauerrolle.
Nur 2,1 Prozent der Bewohner Israels sind Christen, die meisten von ihnen Araber palästinensischer Herkunft und damit Bürger zweiter Klasse. Kein Christ - und kaum ein Muslim - bekleidet in der Hierarchie des jüdischen Staates ein höheres Amt. Die liebsten Christen sind den Israelis jene, die reichlich Geld in die Kassen bringen: Jesus-Gläubige stellen den Großteil der jährlich rund zwei Millionen Touristen.
Von seinen wechselnden ultraorthodoxen Religionsministern sieht sich Mor häufig im Stich gelassen. Die Super-Frommen dürfen weder eine christliche Kirche betreten noch einen Würdenträger treffen, der mit einem Kreuz geschmückt ist.
Dafür gibt es Mor. So wie der Sabbat-Goi (Nicht-Jude) für die Strenggläubigen die verbotenen Arbeiten am heiligen Samstag erledigt, ist der säkulare Mor sozusagen der Christen-Goi für seinen Minister und für die jüdischen Orthodoxen überhaupt, die sich die christlichen Teufel möglichst weit vom Leib halten wollen.
Mor fährt notfalls auch am Sabbat zum Flughafen, und er hat kein Problem, eine Kirche zu betreten. Zwar achtet er darauf, sich nicht vor einem Kreuz fotografieren zu lassen - aber nur, um Ärger mit seinem Minister zu vermeiden. Auf seinem Schreibtisch stapelt sich Post von Patriarchen, Priestern und Nonnen aus der Gemeinde der rund 15 000 Auslandschristen, deren Aufenthaltsgenehmigung abgelaufen ist, die Ärger mit dem Zoll und sonstige Alltagssorgen plagen.
Derzeit hält Papst Johannes Paul II., der am 20. März erstmals das Heilige Land besucht, den Christenbeauftragten auf Trab. Mit Sicherheitsleuten hat Mor jeden Zentimeter gecheckt, an dem sich der Heilige Vater bewegen wird. Er hilft, die Logistik für die komplizierte Visite zu organisieren und musste sogar noch den Sonderstempel der israelischen Post genehmigen.
Mors Haupteinsatzgebiet ist die Jerusalemer Altstadt, wo Christen, Juden und Muslime auf engstem Raum nebeneinander leben. Um die Besitzrechte, die im »Status quo« noch aus osmanischer Zeit festgeschrieben sind, geht der ständige
Kleinkrieg, und die Christen finden sich häufig als Unterlegene wieder.
Mal fehlt einem griechischen Mönch plötzlich die Zelle, weil die Moschee nebenan einfach eine Mauer versetzt hat, mal besetzt eine jüdische Religionsschule die Ruine eines mittelalterlichen Pilgerhospizes, dessen Ausgrabung noch Axel Springer gefördert hatte.
Mors komplizierteste Aufgabe ist die Lösung von Konflikten um die Grabeskirche, den heiligsten Ort der Christenheit in Jerusalem, an dem sich die letzten Stationen des Leidenswegs Christi befinden. In fragiler Balance teilen sich sechs Konfessionen - Griechisch-Orthodoxe, Armenier, Syrer, römische Katholiken, Kopten und Äthiopier - das von Konstantin dem Großen gegründete Gotteshaus.
Selbst kleinste Reparaturen bleiben häufig aus, weil sie als Angriff auf den Status quo gelten, den der jüdische Staat ebenso zu überwachen hat wie die Sicherheit in der Kirche. Bis heute konnte Uri Mor beispielsweise keinen Notausgang durchsetzen, der dringend gebraucht wird, um den Besucheransturm zu bewältigen.
Kürzlich floss gar Blut. Die Kopten hatten für das Heilige Jahr 2000 fein verzierte Triumphbögen aufgestellt, die sie leichtfertig an der Grenzmauer zum äthiopischen Kloster befestigten. Mor: »Als die Äthiopier den ersten Nagel in ihrer Mauer entdeckten, ging der Kampf los.«
In diesem Fall konnte der engagierte Beamte mit einem Kompromissvorschlag helfen, doch oft genug ist er machtlos - wie in Nazaret, wo die israelische Regierung entgegen seiner Warnung just auf dem Platz vor der katholischen Verkündigungskirche den Bau einer Moschee genehmigte. Um das geplante Gotteshaus gibt es nun regelmäßig Streit zwischen den Glaubensgemeinschaften.
Mors begrenzte Autorität entspricht der Schwäche seiner Klientel. Während die Muslime in Nazaret von Anfang an mit Massengebeten und einem Protestzelt ihre Interessen bekundeten, beschwerten sich die Christen erst nach gewaltsamen Übergriffen, als im Grunde alles schon entschieden war.
Dass Mor jedoch keiner ist, der Jesu Beispiel folgt und die andere Backe hinhält, bewies er dem russischen Patriarchen. Als der sich auch noch beschwerte, sein Rückflug habe sich wegen israelischer Kontrollen verspätet, steckte Mor den Journalisten seine Version: Der Pilot habe warten müssen, weil einige aus der Christen-Delegation noch nicht an Bord waren. Sie fanden sich im Duty-free-Shop am Spirituosenregal. ANNETTE GROßBONGARDT
* Oben: vor der Grabeskirche in Jerusalem; unten: bei einerAudienz im Vatikan am 15. Februar.