Teuflische Ungeheuer - DER SPIEGEL
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TERRORISMUS Teuflische Ungeheuer

Empörung über die Todesschüsse auf IRA-Aktivisten in Gibraltar - warum versuchten die Briten nicht, die unbewaffneten Attentäter festzunehmen? *
• aus DER SPIEGEL 11/1988
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An der Dubliner Hauptpost trugen sich Hunderte in Kondolenzlisten ein. In vielen Orten der Republik Irland zogen Mahnwachen auf. Nördlich der Grenze, in der britischen Provinz Ulster, hißten Katholiken schwarze Fahnen. Manchmal schlug Trauer in Gewalt um: Aufgebrachte Demonstranten zündeten Busse in Belfast an. Jugendliche warfen Molotow-Cocktails auf Polizeistationen und offerierten den Beamten höhnisch »Tickets nach Gibraltar«.

In der britischen Kolonie an der Südspitze Spaniens hatten Sicherheitskräfte drei IRA-Aktivisten getötet - und in beiden Teilen Irlands durch ihren rücksichtslosen Einsatz Empörung ausgelöst. Denn die »Kampfeinheit« der IRA - zwei Männer und eine Frau - war unbewaffnet gewesen, als sie gestellt wurde. Augenzeugen berichteten, daß die drei mit gezielten Todesschüssen praktisch hingerichtet worden seien.

Die Exekution des Terrorkommandos machte deshalb mehr Schlagzeilen als das geplante, aber verhinderte Attentat. Irische Nationalisten konnten die für das vergangene Wochenende vorgesehene Heimführung der Leichen in eine politische Demonstration umwandeln. Statt die Särge auf einem der zahlreichen Flüge Gibraltar-London-Belfast zu transportieren, wartete man auf einen Direktflug der irischen Aer Lingus von Malaga nach Dublin, um den Trauerzug

anschließend über die geteilte Insel nach Belfast geleiten zu können: Die Märtyrer sollten britischen Boden nicht berühren.

»Die Erschießung unbewaffneter Zivilisten ist für diese Regierung unakzeptabel«, erregte sich der irische Premier Charles Haughey, das sei die »Taktik von Terroristen und Gangstern«. Abgeordnete bedrängten ihn, angesichts der Londoner »Politik der gezielten Todesschüsse« die Zusammenarbeit mit britischen Sicherheitskräften bei der Terrorismusbekämpfung auszusetzen.

Dabei hätte der Fall, ohne die fatalen Todesschüsse, als besonders erfolgreiches Beispiel internationaler Kooperation bei der Bekämpfung des Terrorismus gewertet werden können.

Im November 1987 waren den spanischen Behörden am Flughafen von Malaga die Nordiren Mary Parkin, Daniel McCann und Sean Savage aufgefallen - die drei reisten mehrmals unter verschiedenen Namen ein und aus.

Die Spanier beobachteten die Verdächtigen und stellten vergangenen Monat fest, daß Mary Parkin jeden Dienstag nach Gibraltar fuhr. An diesem Tag findet vor der Residenz des Gouverneurs die traditionelle Wachablösung statt - derzeit dient dort das erste Bataillon des Royal Anglian Regiment, einer Einheit, die vorher in Nordirland stationiert gewesen war. Der Schluß lag nahe, daß die Iren die Gelegenheit für einen Anschlag ausspähten.

Die Spanier gaben den Tip an die Briten weiter, und die kamen den Terroristen schnell auf die Spur: McCann und Savage galten als IRA-Mitglieder, gegen die zur Zeit allerdings nichts Konkretes vorlag. McCann, 30, wurde verdächtigt, ein Führer der »Belfast Brigade« der IRA zu sein, der 26 Morde seit August 1986 angelastet werden.

Am vorletzten Freitag reisten McCann und Savage erneut über Malaga nach Spanien ein, diesmal zusammen mit Mairead Farrell, 31, einer IRA-Aktivistin, die zehn Jahre hinter Gittern gesessen hatte. Die drei zogen in ein Hotel in Torremolinos und mieteten drei Autos.

Ein Wagen sollte am Sonntag, wenn im Zentrum von Gibraltar stets freie Parkplätze zu finden sind, in der Nähe der Gouverneurs-Residenz abgestellt werden und so einen Platz für den Zeitpunkt der Wachablösung am Dienstag sichern. Den zweiten Wagen hatten die IRA-Terroristen mit Sprengstoff und Zeitzünder in eine fahrende Bombe verwandelt und zunächst in Marbella geparkt. Das dritte Auto diente dem Kommando für Fahrten zwischen Spanien und Gibraltar.

Dort landete am vorletzten Sonntag eine Hercules-Maschine der Royal Air Force mit einer Gruppe sportlicher junger Männer - Angehörigen der Elitetruppe SAS (Special Air Services), die auch in Nordirland im Einsatz ist. Die SAS-Leute lauerten im Zentrum von Gibraltar auf ihre Opfer. Ohne viel Federlesens stellten und erschossen sie McCann, Savage und Mairead Farrell, als die drei ihren Renault 5 geparkt hatten und zu ihrem zweiten Wagen jenseits der Grenze spazieren wollten.

Britische Zeitungen feierten den Einsatz der »Hitmen in T-Shirts« ("Daily Express"): »Sie schwebten im Morgengrauen ein, putzten die Bomber weg und flogen vor Sonnenuntergang wieder aus.« Für die geheimnisumwitterten SAS-Kommandos, rechtfertigte die Zeitung die Killer-Aktion, seien »alle normalen Regeln des Kriegs ausgesetzt«.

Vor allem werden keine Gefangenen gemacht. Die dem Filmhelden James Bond zugeschriebene »Lizenz zum Töten«, die SAS-Männer haben sie. Ohne Überlebende kommen keine lästigen Fragen auf, wie nach der Erstürmung der von Terroristen besetzten iranischen Botschaft in London 1980 durch ein maskiertes SAS-Kommando.

Damals erzählte der einzige überlebende Terrorist, der sich zunächst unerkannt unter die befreiten Geiseln gemischt hatte, wie seine Kameraden kaltblütig erschossen wurden, nachdem sie ihre Waffen bereits weggeworfen und mit weißen Kopfkissen ihre Kapitulation angezeigt hatten. Seitdem hat kein Terrorist mehr seine Begegnung mit der Spezialtruppe überlebt.

Der Londoner »Star« selbstgerecht über die offenbar von oben zum Abschuß freigegebenen IRA-Terroristen in Gibraltar: »Die teuflischen Ungeheuer bekamen, was sie verdienten.«

Solche Begeisterung war den Spaniern zuwider. Die Madrider Zeitung »El Pais« kritisierte den Abschluß der Aktion als »schwerste Verletzung des Moralkodex und der Gesetzesgrundlagen jeder zivilisierten Gesellschaft«.

In London warnte SDP-Führer David Owen, daß es für niemanden eine »Rambo-Lizenz zum Töten« geben dürfe. Die Regierung aber pries den Einsatz in Gibraltar als großen Erfolg. Kritische Anfragen von Labour-Abgeordneten im Unterhaus schmetterte Premierministerin Margaret Thatcher ab: Die einzigen, die eine »shoot to kill«-Politik praktizierten, seien die Kämpfer der IRA. _(Szene aus einem Spielfilm. )

Szene aus einem Spielfilm.

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