Teuflisches Puzzle - DER SPIEGEL
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FRANKREICH Teuflisches Puzzle

Wer hinter dem Massenmord von Auriol stand, ist noch immer nicht ermittelt. Die Täter gehören zu einer gaullistischen Geheimpolizei.
• aus DER SPIEGEL 34/1981
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Der Mordtrupp stürmte das Landhaus gegen 18.30 Uhr. Ihre Gesichter hatten die Gangster mit Masken verhüllt.

Der Mann, den sie entführen wollten, war jedoch nicht zu Hause. Statt dessen trafen sie auf seine Familie: Sohn, Schwiegereltern, einen Freund und die Ehefrau. Und die entdeckte unter den Banditen einen Mann, den sie zu kennen glaubte: Jean-Bruno Finochietti, Lehrer an einer Grundschule.

Die Bande sah sich enttarnt. Ihr Anführer befahl: »Liquidiert sie alle. Es bleibt uns keine Wahl - die oder wir.« Mit einem Schürhaken schlug eines der Bandenmitglieder dem acht Jahre alten Jungen den Schädel ein. Finochietti stach »dem röchelnden Kind dreimal ins Herz«.

Nach dem Gemetzel transportierten Bandenmitglieder die fünf Leichen in eine 70 Kilometer vom Tatort entfernte Höhle. Kumpane warteten auf das eigentliche Opfer: auf Jacques Massie, 41, einen Polizeibeamten.

Gegen drei Uhr morgens betrat er sein Haus. Die Verschwörer stachen mit Messern auf ihn ein. Er flüchtete, doch vor seinem Haus durchschnitt ihm Finochietti die Kehle.

Zwei Tage nach dem Massaker wurde Jean-Bruno Finochietti festgenommen. Beim Verhör stellten ihm die Fahnder eine Coca-Cola-Flasche auf den Tisch. Darauf deutlich sichtbar: seine Fingerabdrücke.

Die Flasche stammte aus dem Haus, der Lehrer gestand. Auch seine vier Komplizen, darunter ein ehemaliger Psychologie-Student und ein Ex-Fremdenlegionär, wurden gefaßt. Doch vier Wochen nach dem Massaker von Auriol, einer Ortschaft südwestlich von Marseille, suchten die Fahnder noch immer das Motiv, die Lösung für das »teuflische Puzzle« ("Le Point").

Der Befehl zur Hinrichtung des Polizisten, so verrieten die Untersuchungshäftlinge, sei »von oben gekommen«. Sie nannten einen mysteriösen Monsieur »Z«, einer glaubte im Auftrage des französischen Spionagedienstes SDECE zu morden. Die Täter redeten Wirres von einem Anschlag auf den Bürgermeister von Marseille, Innenminister Gaston Defferre, wofür sie zwei Millionen Franc erhalten sollten, und von Verbindungen zu korsischen Terroristen.

Die französische Presse wartete mit allerlei Enthüllungen auf: »La Marseillaise« wollte vom Waffenhandel mit Türken und Roten Brigaden wissen.

Patrice Chairoff, Autor des Bestsellers »B ... comme barbouzes«, deutete auf eine Spur nach Wien zu einem gewissen Gilbert, der mit einem Waffenhändler in Liechtenstein und Massie zusammenarbeitete. Von Rauschgifthandel und Export von Land Rovers ins afrikanische Gabun war die Rede, unversehens geriet der bisher unaufgeklärte Mord an einem angeblichen Liebhaber der Frau des Staatschefs von Gabun ins Spiel.

Mit Gewißheit konnten die Fahnder bisher eines ermitteln: Mordopfer Jacques Massie und seine Mörder waren alte Bekannte. Sie gehörten dem »Sac« (Service d''action civique) an, einem von den Gaullisten 1958 für den Kampf gegen De-Gaulle-Gegner aufgestellten »Bürgerdienst«. Sac-Führer Jean Debizet wurde festgenommen, denn Massie war vorübergehend als Sac-Chef des Departements Bouchesdu-Rhone sein Untergebener.

Alles Weitere vermuten die Fahnder in Marseille nur: Massie habe während seiner Sac-Zeit möglicherweise nicht allein für den Sac gearbeitet, sondern mehr noch auf eigene Rechnung - mit Unterschlagungen und Erpressungen.

Nach Streit mit seinen Kumpanen über Unregelmäßigkeiten hätten diese Verrat befürchtet, der Polizist habe Kassetten mit Telephongesprächen und sonstige Sac-Geheimnisse sichergestellt. Mögliches Mordmotiv also: Der Sac-Trupp wollte an diese Unterlagen.

Die Aktionsgruppe Sac, notierte der »Nouvel Observateur«, bewegt sich »an der Kreuzung zwischen Unterwelt, Polizei, Politik und Geschäftswelt«. Ihre mehrere tausend Mitglieder seien an »mehreren hundert Affären« beteiligt gewesen. S.105

Da zog der Gangster Christian David 1966 zunächst seine Sac-Mitgliedskarte, dann seine Pistole und erschoß einen Polizeikommissar. Zwei Jahre später wurde der Sac-Chef von Grenoble ermordet. Er war einmal Chauffeur und Leibwächter des späteren Präsidenten Pompidou.

In Marseille entdecken Gendarmen eine Falschgeld-Druckerei - mehrere Sac-Aktivisten werden festgenommen. Ein Journalist wird in Toulouse erschossen; der Auftraggeber des Attentats ist ein Sac-Chef.

»Wir waren die Armee des Generals«, erinnert sich der ehemalige Sac-Führer Georges Renaud. Als de Gaulle Algerien die Unabhängigkeit gewähren wollte und sich die Algerien-Franzosen mit Teilen des Militärs gewalttätig widersetzten, bekämpfte der Sac die Widersacher im Untergrund - eine konspirative Truppe am Rande und zuweilen auch außerhalb der Legalität, der vom Staatschef allerlei nachgesehen wurde.

»Über viele Jahre und offensichtlich bis vor einigen Monaten war es einer Beförderung in der Polizei nicht abträglich, wenn man dem Sac angehörte«, behauptet der »Nouvel Observateur«. Nach Schätzungen des Sac-Kenners Patrice Chairoff sackten die Mitgliedszahlen dennoch ab, tatsächlich einsatzbereit seien heute noch an die 1500 Mann.

Die von Massie geführte Sac-Einheit in Marseille und Umgebung umfaßt etwa 150 Mitglieder. »Ein Viertel Strolche, genauso viele Polizisten, die andere Hälfte Postbeamte, Eisenbahner und Krämer, die auf der Suche nach Sensationen sind«, so der »Nouvel Observateur«.

Für den ehemaligen Innenminister Christian Bonnet sind die Sac-Leute heute weitgehend »fragwürdige Existenzen, Träumer einer vergangenen Welt«, nicht Mitglieder einer politischen Organisation, sondern eher eines »Dienstleistungsbetriebes«.

Zwar erklärte Charles Pasqua, ehemaliger Sac-Vizechef und Manager des gaullistischen Kandidaten Jacques Chirac, im letzten Präsidentschafts-Wahlkampf, der Sac habe seit de Gaulles Rücktritt »keine Daseinsberechtigung mehr«. Aber noch im letzten Wahlkampf klebten die Sac-Aktivisten für Chiracs gaullistische Sammlungspartei RPR Plakate.

S.105Landhaus des ermordeten Massie.*

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