Teure Tests - DER SPIEGEL
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Frankreich Teure Tests

Der Widerstand gegen die nuklearen Pläne von Präsident Chirac wächst. Selbst die Mehrheit der Franzosen ist gegen sie.
• aus DER SPIEGEL 32/1995
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Im Elysee-Palast stritten zwei alte Bekannte - politische Gegner, aber Studienfreunde - letzte Woche über eine Schicksalsfrage der Nation: die atomare Abschreckungsmacht »Force de dissuasion«. Als der gaullistische Staatspräsident Jacques Chirac, 62, den früheren sozialistischen Premierminister Michel Rocard, 64, auf der Freitreppe des Palasts verabschiedete, war das Lächeln beiderseits frostig: Der seit fast zwei Jahrzehnten bestehende Rechts-Links-Konsens über die von General de Gaulle geschaffene nationale Abschreckungsdoktrin ist dahin.

Mit dogmatischem Starrsinn beharrt Chirac auf seiner »unwiderruflichen« Entscheidung, von September bis nächsten Mai die unterirdischen Atomversuche auf dem südpazifischen Atoll Mururoa wiederaufzunehmen. Aber die internationale Mobilmachung gegen die Bombentests, die Paris in diesem Ausmaß überrascht hat, plagt den Gaullisten zunehmend.

Die Sozialisten, die in der Ära Mitterrand nie dagegen aufgemuckt hatten, daß ihr Chef mit 86 Atomexplosionen weitaus häufiger testete als seine Vorgänger de Gaulle, Pompidou und Giscard d'Estaing, machen heute mit Kommunisten und Ökologen Front gegen Chiracs neogaullistische Abschreckungsdoktrin. Die Bombenversuche würden Frankreichs Ansehen in der Welt »katastrophal schaden«, sagte ein Sozialistensprecher vorige Woche; die »dissuasion« sei mit Ende des Kalten Kriegs überholt und werde von der jungen Generation nicht mehr akzeptiert.

Zum Schrecken der Gaullisten gibt eine Mehrheit der Franzosen den Genossen recht. In einer letzten Mittwoch von der Zeitung Le Parisien veröffentlichten Umfrage - der ersten umfassenden zu diesem Thema seit Chiracs Atomdekret vom 13. Juni - sprachen sich 56 Prozent der Franzosen gegen die Tests aus; 60 Prozent wünschen, daß Chirac seine Entscheidung rückgängig mache.

Die täglichen Ausbrüche einer durch Chirac ausgelösten, nie erlebten Frankophobie erhalten in Frankreichs Medien allmählich einen so festen Platz wie der Wetterbericht. »Was wird das erst geben, wenn die Tests beginnen?« sorgte sich ein Radio-Kommentator.

Vorige Woche schloß Australien demonstrativ die französische Firma Dassault, die 40 Flugzeuge des Typs Alpha Jet für mehr als eine Milliarde Mark verkaufen wollte, aus dem Kreis der Anbieter aus; ein Hieb mit Symbolkraft: Firmengründer Marcel Dassault war ein großer Förderer des jungen Chirac.

Die Australier verzögern zudem französische Diplomatenpost und lassen die unter der Trikolore fahrenden Schiffe bei der Entladung warten. Wirtschaftsriesen wie Matra oder Lyonnaise des eaux leiden ebenso unter Boykottmaßnahmen wie der kleine elsässische Schuhfabrikant LemaItre.

Vorige Woche eskalierten die Aktionen gegen Frankreich. Paris rief seinen Australien-Botschafter zum Rapport an die Seine zurück und drohte, australische Uran- und Kohle-Importe zu blockieren.

Eine »fast totale Isolierung Frankreichs« beobachtete die International Herald Tribune bei einem Forum der Vereinigung südostasiatischer Nationen (Asean) im Sultanat Brunei. Japans Außenminister Yohei Kono prangerte den Pariser »Verrat« an den nichtnuklearen Nationen an, sein Washingtoner Kollege Warren Christopher rief das demokratische Frankreich - in einem Atemzug mit der Diktatur China - auf, ein Testmoratorium zu erlassen.

In Manila verbrannte ein philippinischer Senator vor der französischen Botschaft inmitten einer Menge junger Demonstranten (Transparentaufschrift: »Yes to French kisses, no to French nukes") seine Hermes-Krawatte. In Japan wollen 316 Industrie-Unternehmen ihre Wirtschaftsbeziehungen zu französischen Partnern auf Eis legen.

Ende Juni hatte Chirac noch intern gewitzelt, er könne »damit leben, wenn Neuseeland mir sechs Monate schmollt«. Jetzt bedrängt ihn vor allem die vom Export abhängige Luxusindustrie mit Hiobsbotschaften. Die Champagnerfirma Moet & Chandon büßte in Australien 20 Prozent Umsatz ein. Die linke Liberation seufzte im Hinblick auf die Boykottschäden für Frankreichs Ökonomie: »Teure Tests«.

Chiracs Atomsolo bringt auch Brüssel in Bedrängnis. Der Vertrag zur Gründung der Europäischen Atomgemeinschaft verpflichtet in Artikel 34 Mitglieder, in deren Hoheitsgebiet »besonders gefährliche Versuche« stattfinden, eine Stellungnahme der Kommission einzuholen. Erstrecken sich die Auswirkungen auf die Hoheitsgebiete anderer Mitgliedstaaten - das Mururoa-Atoll in Französisch-Polynesien liegt nur 1100 Kilometer von der britisch verwalteten Pitcairn-Insel entfernt -, ist gar die Zustimmung der Kommission erforderlich.

Auf zwei Abmahnungen der Umwelt-Kommissarin Ritt Bjerregaard vom 20. Juni und 18. Juli reagierte Paris vorvergangene Woche flau: Frankreich werde die Kommission über Strahlenmessungen auf dem laufenden halten.

Um eine offene Kraftprobe mit dem unter Chirac schwieriger gewordenen Euro-Partner zu vermeiden, denkt Brüssel daran, Paris eine Hintertür zu öffnen: Der Atomvertrag beziehe sich auf zivile Kernnutzung, Frankreich aber teste Waffen. Doch 1957 hatte Maurice Faure, Pariser Mitunterzeichner des Vertrags, bestätigt, daß der Artikel 34 für alle gefährlichen Atomversuche gelte.

Chirac will den Test-Trouble aussitzen. Er kann auch kaum anders. Denn der Gaullist hat bei seinem Atomentscheid so viel persönliches und nationales Prestige investiert, daß ihm ein Rückzug nach kaum drei Monaten Amtszeit jede Glaubwürdigkeit rauben würde. Zu allem Überfluß kam jetzt ein Schnitzer ans Tageslicht, den nicht nur die Grünen als Provokation empfinden: Ex-General Jean-Claude Lesquer, der als Geheimdienstler vor zehn Jahren die Versenkung des Greenpeace-Kutters »Rainbow Warrior« inszeniert hatte, wurde zum Großoffizier der Ehrenlegion ernannt.

In einer trotzigen Gegenoffensive will Paris nun seine Politiker und Diplomaten in alle Welt ausschwärmen lassen, um den Testgegnern entgegenzutreten.

Um eine neue Offenheit bemüht, lüftete die Regierung erstmals das Geheimnis um alle bisherigen Kernwaffenexplosionen - seit dem ersten Feuerball über der Sahara im Februar 1960 waren es 204.

Andere Chiracianer üben sich in Härte. Regierungssprecher Francois Baroin beschuldigte die Staaten des Südpazifik, sie wollten Frankreich in ihrer Region wirtschaftlich »destabilisieren«. Gaullistenpremier Alain Juppe gab die Durchhalteparole aus, Frankreich führe seine Atompolitik mit »Klarheit und Entschlossenheit« fort.

Nur 25 Prozent der Franzosen befürworten laut Umfrage die neuen Tests, obwohl die doch Frankreichs Rolle als Weltmacht sichern sollen. Mit dem Ende des Ost-West-Konflikts sei für viele Franzosen die »Abschreckung überflüssig geworden«, analysierte Meinungsforscher Stephane Rozes den Verfall des gallischen Atomkonsens.

Ungewollt half der Staatschef den Atomtestgegnern. Anfang voriger Woche beschloß der in Versailles zusammengetretene Kongreß - Senat und Nationalversammlung - eine von Chirac durchgedrückte Verfassungsänderung, die Volksabstimmungen künftig für neue Bereiche, etwa Erziehung und Wirtschaftspolitik, erlaubt. Die Sozialisten wollen die Reform nun als erste nutzen und ein Referendum erzwingen. Thema: Chiracs Atomtests.

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