Teures Gold aus dem Ozean - DER SPIEGEL
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Teures Gold aus dem Ozean

Wiederaufarbeitung und Endlagerung von Kernbrennstoffen *
• aus DER SPIEGEL 15/1986
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Das große Versprechen wurde schon in der Geburtsstunde der zivilen Atomindustrie in den fünfziger Jahren gegeben: Atomminister, Atomindustrie und Wissenschaftler verkündeten, das Abfallproblem könne und werde gelöst werden. 30 Jahre später sind die Versprechungen noch die gleichen, ihre Einlösung genausoweit entfernt wie damals.

In den Abklingbecken der Kernkraftwerke, in Zwischenlagern und in den Wiederaufarbeitungsanlagen La Hague (Frankreich) und Sellafield (England) sammeln sich unterdes die strahlenden Rückstände des Atomzeitalters. So viel radioaktives Material in Form von abgebrannten Reaktorbrennstäben ist dort schon aufgehäuft daß alles zusammen einer Strahlungsquelle von mehr als zwölf Milliarden Curie entspricht - das würde ausreichen, alle Bürger der westlichen Industrienationen zu töten.

Noch gibt es nirgendwo in der westlichen Welt ein Endlager, das bereit wäre, den strahlenden Müll aus den Wiederaufarbeitungsanlagen oder auch die unaufgearbeiteten Brennelemente direkt vom Reaktor aufzunehmen.

Zweck der Wiederaufarbeitungsanlage im bayrischen Wackersdorf ist es, das noch verwendbare Uran und das (im Reaktor entstandene) Plutonium aus den verbrauchten Brennelementen herauszulösen. Auf diese Weise, so argumentieren die Vertreter der Atomindustrie, müßte weniger strahlender Müll endgelagert werden, und zugleich würde wertvoller Brennstoff wiedergewonnen. Der so gewonnene Brennstoff freilich dürfte etwa zehnmal so teuer sein wie das derzeit auf dem Weltmarkt angebotene Uran. Diese Art der Brennstoffrückgewinnung gleicht dem Versuch, Gold (das ja auch im Meerwasser in Spuren vorhanden ist) aus den Ozeanen zu gewinnen. Das Meeresgold wäre zwar genauso wertvoll wie jenes aus südafrikanischen Goldminen, aber die Gestehungskosten überstiegen den Wert um ein Vielfaches.

Die Manager der großen Chemiekonzerne in Amerika und Europa haben - nach einigen teuren Fehlversuchen - schon lange erkannt, daß mit der Wiederaufarbeitung kein Geschäft zu machen ist. Die Herolde der freien Marktwirtschaft fanden plötzlich, daß dies eine Aufgabe für den Staat sei. Der Staat gab die Aufgabe weiter an die Betreiber der Kernkraftwerke: Die Energieunternehmen riefen dafür die Deutsche Gesellschaft für Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen (DWK) ins Leben.

Als Modell für die in Wackersdorf geplante Atomfabrik der DWK, die, frühestens von 1992 an, jährlich 350 Tonnen abgebrannte Brennstäbe aufarbeiten soll, dient eine kleine Anlage im Kernforschungszentrum Karlsruhe. Dort wird seit etwa 15 Jahren Uran und Plutonium im Forschungsbetrieb wiederaufgearbeitet: etwa zehn Tonnen im Jahr. Schon jetzt fallen in der Bundesrepublik jährlich über 300 Tonnen abgebrannter Brennstäbe an.

Die meisten der bislang errichteten kommerziellen Wiederaufarbeitungsanlagen wurden schon von schweren Pannen heimgesucht, einige wieder geschlossen. Auch in der französischen Anlage La Hague, der einzigen Atomfabrik, die derzeit in größerem Maßstab kommerzielle Wiederaufarbeitung von Leichtwasser-Reaktorbrennstoff vornimmt, kam es wiederholt zu schwerwiegenden Zwischenfällen. Sogar die Mini-Anlage in Karlsruhe blieb davon nicht verschont - sie mußte, nach einem Zwischenfall im Mai 1980, für mehr als zwei Jahre stillgelegt werden.

Mittlerweile scheinen jedoch die meisten westlichen Industrieländer der direkten Endlagerung den Vorzug geben zu wollen. Die abgebrannten Brennstäbe sollen dabei - nach einigen Jahren des Abklingens der größten Radioaktivität in Zwischenlagerbecken - in Glas oder Kunstfelsen eingeschmolzen und dann in Salzstöcke oder tiefe Felsformationen verbracht werden. Die Wiederaufarbeiter der DWK halten dem entgegen, daß durch ihr atomares Recycling die Radioaktivität des Atommülls stark verringert, also der Müll gleichsam entschärft werde: Endlagerstätten für den Atommüll aus ihrer Anlage müßten nur noch 1000 Jahre lang bewacht werden anstatt der zu erwartenden 500000 Jahre bei direkter Endlagerung.

Zwar werden solche Zahlen von den wissenschaftlichen Kronzeugen der direkten Endlagerung bezweifelt. Aber dieser Disput, meinte die Düsseldorfer »Wirtschaftswoche« in einer Serie über den teuren Atomstrom, sei ohnehin »zu vernachlässigen": »Denn auch tausend Jahre Verwaltung, Bewachung und Sicherung von Atommüll in Salzstöcken oder anderen Kavernen sind über den Strompreis wohl nicht finanzierbar.«

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