Teures Komplott - DER SPIEGEL
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Affären Teures Komplott

Kanadas Ex-Premier Mulroney soll mit Geldern von Airbus, Thyssen und MBB geschmiert worden sein. Waren deutsche Politiker eingeweiht?
• aus DER SPIEGEL 48/1995
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Einführung in die Kunst des sogenannten Weißwurst-Zuzelns gelang schnell und unkompliziert: Behende fischte der bayerische Ministerpräsident Franz Josef Strauß ein Wurststück aus der dampfenden Terrine. Dann stippte er das Ende in süßen Senf und stopfte es seinem Gast aus Kanada zwischen die Zähne - wohl bekomm''s.

Die kulinarische Attacke galt dem kanadischen Geschäftsmann Frank Moores. Strauß hatte Moores und dessen Kumpan, den bayerischen Unternehmer Karlheinz Schreiber, ins Münchner »Spatenhaus« gebeten. Das bierselige Treffen im Stammlokal des Bayern-Fürsten sollte die Verbindungen unter einflußreichen Freunden fördern.

Das Trio einte damals, Mitte der achtziger Jahre, vor allem ein Interesse: Die Herren wollten zum Wohle der bayerischen Wirtschaft den Absatz von Luftfahrtgerät in Kanada fördern. Moores, heute 62, und Schreiber, heute 61, hatten sich als tüchtige Verkäufer in Diensten deutscher Konzerne bei Strauß einen Namen gemacht.

Wie koscher die Connection war, interessiert derzeit die kanadischen Behörden. Aufgeschreckt durch einen SPIEGEL-Bericht (12/1995) und eine Reportage des kanadischen TV-Senders CBC, untersuchen Ermittler Vorwürfe, daß der Flugzeughersteller Airbus Industrie Milliardengeschäfte in Kanada mit verbotenen Zahlungen an den bis 1993 amtierenden Premier Brian Mulroney gefördert habe.

Ebenfalls in dubiose Zahlungen verwickelt sein sollen der ehemalige Luftfahrtkonzern Messerschmitt-Bölkow-Blohm (MBB) und die Essener Waffenschmiede Thyssen Industrie. Mutmaßliche Hintermänner der Aktionen: Moores und der Strauß-Spezi Schreiber.

Airbus und Thyssen sowie Schreiber und Moores dementieren jede Verwicklung in illegale Geldtransfers. Ex-Premier Mulroney nannte die Vorwürfe »falsch und verantwortungslos«.

Wütend verklagte der Ex-Premier seinen liberalen Amtsnachfolger Jean Chretien und drei der beteiligten Ermittler auf 50 Millionen kanadische Dollar (52,5 Millionen Mark) Schadensersatz wegen Rufschädigung. Sollte er mit der in Kanada einmaligen Klage durchkommen, ließ er noch wissen, wolle er die Hälfte des Geldes Wohltätigkeitsverbänden spenden.

Doch ob Kanadas Obdachlose jemals von den Mulroney-Millionen profitieren werden, ist fraglich. Seit Jahren kursieren Gerüchte, daß der konservative Politiker seine Regierungszeit vornehmlich zum eigenen Vorteil genutzt habe. Etliche Affären führten dazu, daß seine Tories nach Wahlen im Oktober 1993 nahezu alle Parlamentssitze verloren.

Unterstützung bekommen Kanadas Ermittler von der Schweizer Bundesanwältin Carla Del Ponte. Die als unerbittliche Mafia-Jägerin bekannte Juristin soll auf Ersuchen der Kanadier in Zürich Unterlagen der Konten sichern, über die zwischen 1986 und 1991 die Zahlungen gelaufen sein sollen.

Das Ersuchen enthält schwere Vorwürfe gegen Moores und Schreiber sowie Mulroney. Danach sollen die beiden Strauß-Freunde mindestens drei Industrie-Geschäfte in Kanada mit Schmiergeldern abgesichert haben.

Fast jedesmal ging es um Milliardenaufträge, und jedesmal sollten offenbar Millionen Dollar die Entscheidungen kanadischer Politiker, Beamter oder Behörden zugunsten der Konzerne befördern. Die Fälle seien Beweis, so die kanadischen Strafverfolger, »eines andauernden Komplotts durch Herrn Mulroney, Herrn Moores und Herrn Schreiber, die kanadische Regierung um Millionen von Dollar öffentlicher Mittel vom September 1984, als Herr Mulroney sein Amt antrat, bis zu seinem Rücktritt im Juni 1993, zu betrügen«.

Nach den bisherigen Ermittlungen der kanadischen Bundespolizei RCMP soll der Flugzeugbauer MBB insgesamt 1,24 Millionen Kanada-Dollar an Schreiber und Moores gezahlt haben. Das Geld war als Provision für zwölf Helikopter deklariert, welche die kanadische Coast-Guard 1986 gekauft hatte.

Der Waffenhersteller Thyssen Industrie versprach der liechtensteinischen Briefkastenfirma International Aircraft Leasing Ltd. (IAL), hinter der Schreiber stecken soll, ein Erfolgshonorar von vier Millionen kanadischen Dollar. Das Geld sollte fließen, wenn Schreiber von der Regierung in Ottawa Zusagen für den Bau einer Panzerfabrik auf der entlegenen Bear-Head-Halbinsel in Neuschottland beschaffen könne. Zwar wurde das Werk nie gebaut, nicht zuletzt weil jüdische Organisationen Waffenexporte in den Nahen Osten befürchteten. Dennoch überwies Thyssen seit Dezember 1987 mindestens 3,9 Millionen Dollar an ein IAL-Konto bei der Verwaltungs- und Privat-Bank (VPB) in Liechtenstein. Was Schreiber mit dem Geld anstellte, so ein Thyssen-Sprecher vergangene Woche, sei nicht Sache seines Unternehmens gewesen.

Der spektakulärste Deal, bei dem die Hintermänner der IAL mitgemischt haben sollen, war der im Juli 1988 vereinbarte Kauf von 34 Jets vom Typ Airbus A 320 durch die damalige Staats-Airline Air Canada. Für das größte Geschäft der kanadischen Luftfahrtgeschichte kassierte die IAL bis 1991 mindestens 11 Millionen US-Dollar an Provision, weitere 8,5 Millionen sollten noch folgen. Das Geld kam von der Pariser Banque Francaise du Commerce Exterieur, der Absender blieb anonym.

Das Geld sollte offenbar nicht lange in Liechtenstein bleiben. »Der RCMP liegen zuverlässige Informationen vor«, heißt es in dem Ersuchen der kanadischen Strafverfolger an Carla Del Ponte, »daß Herr Schreiber diese Provisionen erhielt, um Herrn Mulroney und Herrn Moores zu entlohnen und um sicherzustellen, daß Airbus Industrie einen größeren Auftrag mit Air Canada für die geplante Modernisierung ihrer Flugzeugflotte erhielt.«

Firmenpapiere, die dem SPIEGEL vorliegen, zeigen, daß die IAL offenbar bei weiteren Jet-Verkäufen mitmischen wollte. Laut einer Aufstellung vom März 1989 erhoffte sich die Briefkastenfirma bis zu 46,4 Millionen US-Dollar (rund 65 Millionen Mark) aus Frankreich.

Neben den Millionen für das Air-Canada-Geschäft waren darin enthalten: zwei Millionen Dollar Provision für einen Airbus-Deal mit der kanadischen _(* 1988 im Cockpit eines Airbus A ) _(320. )

Wardair sowie 8,8 Millionen für Airbus-Verkäufe an Canadian Airlines International. Noch einmal 16,1 Millionen sollten dazukommen, wenn die Airlines weitere Jets bestellten.

Der Wirtschaftskrimi wird womöglich nicht auf Kanada beschränkt bleiben. Zwar will Schreiber nicht Eigentümer der IAL sein und nie etwas Illegales getan haben. »Ich habe für mein Land gekämpft, weil es gut zu mir war«, sagt der Kaufmann.

Doch ein ehemals enger Vertrauter Schreibers berichtet, daß der Münchner Geschäftsmann nicht nur kanadische Politiker bedacht habe. Auch seine »Freunde« in Deutschland, so habe Schreiber deutlich gemacht, sollten von den Konzern-Millionen profitieren.

Schreiber sei mehrmals selbst nach Liechtenstein gefahren. Von Konten der VPB habe er dann größere Bargeldsummen abgehoben.

Konto-Unterlagen belegen tatsächlich mehrere Barauszahlungen. So wurden etwa am 3. Januar 1988 in Vaduz 692 500 Schweizer Franken abgehoben. Ein Teil dieses Geldes, behauptet der Schreiber-Vertraute, soll für einen führenden Manager von Thyssen Industrie bestimmt gewesen sein.

Was an diesen Vorwürfen dran ist, müssen jetzt Ermittlungen ergeben. Auch inwieweit Franz Josef Strauß in die Geschäfte verwickelt war, ist unklar. »Ich halte es für unwahrscheinlich, daß er davon gewußt hat«, sagte sein Sohn Max Strauß vorvergangene Woche.

Allerdings galt Strauß senior, der bis zu seinem Tod dem Aufsichtsrat von Airbus Industrie vorsaß, selbst in der Konzernzentrale im französischen Toulouse als Chefverkäufer. Kaum einen Staatsbesuch ließ der Luftfahrt-Begeisterte aus, um den Airbus bei seinen Gastgebern anzupreisen.

Mit Schreiber pflegte Strauß engen Kontakt. Er legte für die Strauß-Familie Millionen in kanadischen Immobilien an, Strauß senior war gerngesehener Gast in Schreibers Domizil.

Ein ehemaliger Aufsichtsrat von MBB ist überzeugt: »Unvorstellbar, daß eine solche Affäre hinter seinem Rücken stattfinden konnte.« Y

Strauß galt in der Airbus-Zentrale als Chefverkäufer

* 1988 im Cockpit eines Airbus A 320.

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