Texas, Paris - DER SPIEGEL
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Texas, Paris

Mit der hausgemachten Seifenoper »Chateauvallon« konkurriert das französische Fernsehen erfolgreich gegen »Dallas« und »Denver-Clan«. *
• aus DER SPIEGEL 7/1985
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Die Frisur hat sie von Sue Ellen Ewing, das energische Kinn von Marilee Stone, der Amazone aus dem texanischen Ölkartell, und von Ende dieser Woche an wird sie fast so mächtig sein wie Alexis Colby im fernen Denver: Florence Berg, die Heroine des neuen französischen Serials »Chateauvallon«.

Vergangenen Freitag, in der sechsten Folge, ist ihr Vater gestorben. Vom alten Antonin Berg erbt Florence ein regionales Zeitungsmonopol und damit die Schaltzentrale in einem Provinz-Filz, der Intrigen und Spannung für 20 weitere Fortsetzungen garantieren soll.

Ein »Dallas a la francaise« hatte Pierre Desgraupes, der damalige Chef des staatseigenen Fernsehkanals »Antenne 2«, versprochen, nachdem Kultusminister Jack Lang gegen den »Kulturimperialismus« von der Southfork-Ranch zu Felde gezogen war. 1982 hatte eine Umfrage ergeben, daß die Franzosen nichts lieber sehen als ausgerechnet »Dallas": nämlich reiche Leute, die sich schlecht benehmen.

Also wurde die Vorlage aus Texas in Paris umgemodelt und mit ein bißchen Kulturhistorie verbrämt. In Frankreich heißen derartige Soap-operas »Feuilletons«, Parallelen zu den gleichnamigen literarischen Gesellschaftspanoramen von Balzac oder Dumas liegen nahe. Auch für »Chateauvallon« wurde eine Edelfeder engagiert: Die Oberaufsicht über die Drehbücher hat der Prix-Goncourt-Preisträger Georges Conchon.

Zumindest bei den französischen Zuschauern ist das Kalkül aufgegangen, scheinen sich die Produktionskosten in der Rekordhöhe von 20 Millionen Mark gelohnt zu haben. Trotz starker Konkurrenz (der erste Kanal bringt zur gleichen Zeit publikumswirksame Show-Sendungen und die neue Privat-Station »Canal Plus« meist attraktive Spielfilme) warten seit Anfang Januar regelmäßig mehr als 15 Millionen Franzosen freitags um 20.35 Uhr auf die neuen Lieb- und Machenschaften des »Chateauvallon«-Clans.

Bereits in der ersten Stunde gab es einen Mord. Einer von Bergs Angestellten, Redakteur seiner »Depeche republicaine«, wurde Opfer eigener Recherchen. Er kam einem Bauskandal auf die Spur. Verwickelt sind nicht nur der Stadtrat Philippe Berg, das schwarze Schaf der Familie, sondern vor allem auch der Bürgermeister von Chateauvallon, zugleich Staatssekretär und Liebhaber von Florence Berg.

Die französische Innenpolitik ist nicht gerade arm an nie aufgeklärten Affären

und Skandalen. Wohl deshalb bleibt der Hinweis vor jeder Sendung, Ort und Handlung seien frei erfunden, ungewöhnlich lange auf dem Bildschirm stehen.

Ein Chateauvallon mit rund 200 000 Einwohnern irgendwo am Ufer der Loire gibt es auf der realen Landkarte tatsächlich nicht. Auch keine »Depeche republicaine«. Aber eine »Depeche du Midi«, herausgegeben vom Staatssekretär Jean-Michel Baylet, der noch vor Beginn der Serie gegen mögliche Verwechslungen protestierte, sogar mit einer einstweiligen Verfügung drohte.

Zuviel der Aufregung. Denn das Euro-Dallas gibt mehr Auskunft über das Massenpublikum der Grande Nation als über deren Bourgeoisie, die ihren Charme immer noch abschirmt, ihren diskreten.

Denkt das gemeine Volk »Reichtum«, denkt es »Kaviar« - denkt wiederum der Serienautor und läßt die teuren Fischeier schon in der Eröffnungssequenz anliefern. Weil ein Renault-Arbeiter nicht wissen muß, wie derlei Delikatessen verpackt werden, kommt der Kaviar in Apfelsinenkisten. Auch was »man« bei einem Stehempfang anzuziehen hat, weiß die Plebs nicht. Also treten die Gäste der Bergs am hellichten Tag im Smoking an. Hauptsache, es stinkt nach Geld.

Während dieses Empfangs wird der unbequeme Enthüllungsjournalist verschleppt und umgebracht. Seltsamerweise warten seine Mörder bis zum nächsten Morgen, um die Leiche vor dem Herrensitz der Bergs ins Wasser zu werfen. Handlung und Licht wollen in dieser Serie einfach nicht zusammenpassen. Auch sonst laufen die Figuren mit mindestens drei Schatten herum, obwohl doch nur eine Sonne scheint. Und es fällt auf: In Chateauvallon ist es nie Nacht.

Aber solche Ungereimtheiten sind weniger dem Drehbuch als den Produzenten anzulasten. Alle bisher 26 Serienteile wurden nämlich - ein Novum in der Fernsehgeschichte - ausschließlich mit Videokameras gedreht, was Nachtaufnahmen durch größeren technischen Aufwand kompliziert und teuer macht. Vorteil: Die üblichen Produktionszeiten konnten fast halbiert werden. Das jedoch führte bei insgesamt 220 Schauspielern (jede Folge verzeichnet drei Dutzend namentliche Rollen), 15 Drehbuchautoren, drei Regisseuren und zwei kompletten Regie-Teams zu einem Durcheinander, das nicht einmal vom Handlungsdickicht der fertigen Seifenoper übertroffen wird.

Zuweilen wurden Szenen umgeschrieben, die dann nicht mehr zu bereits abgedrehten Fortsetzungen paßten. Einer der Regisseure hat schon nach einer Folge aufgegeben, etliche Schauspieler wurden gefeuert, und auch der Rest wußte oft genug nicht, wie es weitergehen sollte.

Dallas a la francaise - so einfach scheint das gar nicht zu sein. Vor allem fehlt der Gemeinschaftsproduktion (neben den Franzosen sind die Schweiz, Luxemburg, Großbritannien und Italien beteiligt) das wichtigste dramaturgische Element jeder US-Erfolgsserie: die Reklamespots.

Selbst wenn die Werbung ausgespart bleibt, verdanken doch »Dallas« und »Denver-Clan« eben diesen ungeliebten Unterbrechungen ihre permanenten Spannungshöhepunkte. Das Publikum muß vor dem Fernsehapparat festgehalten werden, bis nach dem Colgate-Lächeln J. R. seine Zähne wieder bleckt.

Die gallische Presse ist sich in der Kritik einig wie selten: »Hoch lebe das französische Gähnen«, schrieb der konservative »France-Soir«, und die linke »Liberation« fand nur einen »Schrei des Entsetzens«. Dennoch steigen die Einschaltquoten bis auf 40 Prozent. Möglicherweise ist es ja nur patriotischer Trotz, der die Franzosen jeden Freitagabend vor den Bildschirm treibt.

Mehr als unterschwellig arbeitet die Serie mit nationalistischen Ressentiments: Der Name Berg klingt deutsch, wenn nicht jüdisch. Und den Gegenpart zu diesem ebenso mächtigen wie intriganten Clan übernimmt die Familie Kovalic: jugoslawische Emigranten, die mit nicht minder dreckigen Methoden die Herrschaft über das Provinzstädtchen an der Loire erkämpfen wollen.

So »hundertprozentig franco-französisch« ("Liberation") ist »Chateauvallon« also gar nicht. Gebechert zum Beispiel wird wie in Dallas. Aber nicht etwa Cognac. Auch die Bergs trinken Whisky, den allerdings ohne Eis. Ein Zugeständnis an den internationalen Markt?

Unter dem Titel »Fortune and Power« (Reichtum und Macht) versucht »Antenne 2«, die Serie zu verkaufen: bis nach Japan, Südafrika und in die USA. Die Ewings und Carringtons werden sich für dieses Heimspiel bedanken.

Aber nicht einmal die Verhandlungen mit deutschen Sendern kommen voran. Die drehen lieber ihr eigenes »Dallas« - gut bürgerlich aus der rechtsrheinischen Wohnküche: Hans W. Geissendörfer hat für den WDR eine 52teilige Serie mit dem Titel »Lindenstraße« konzipiert.

Wenigstens Florence Berg, die Schauspielerin Chantal Nobel, hat schon für internationale Beachtung gesorgt. Allerdings nicht als Chefin von »Chateauvallon«, sondern weil sie im Januar an der mörderischen Rallye Paris-Dakar teilgenommen hat.

Sie ist wieder heil zurückgekommen. Die Folgen 27 bis 52, bereits in Auftrag gegeben, können produziert werden.

Hartmut Schulze _(Die »Familie Berg« mit Hauptdarstellerin ) _(Chantal Nobel (sitzend, links). )

Die »Familie Berg« mit Hauptdarstellerin Chantal Nobel (sitzend,links).

Hartmut Schulze
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