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Theater der Grausamkeit

Der Sport-Philosoph Gunter Gebauer über den Freitod des Fußball-Torwarts Robert Enke
Von Gunter Gebauer
• aus SPIEGEL Chronik 54/2009
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Traum im Profisport ist der unfehlbare und unzerstörbare Athlet. Wenn er alle besiegt, gehört er zu den Größten und wird zum Mythos. Um ihn bildet sich eine Gemeinde; sie gibt ihm übernatürliche Züge; er wird ihr Heiliger. Sie unterstützt ihn bedingungslos, identifiziert sich mit ihm und füllt ihr Leben mit Objekten seines Kults an.

Robert Enke wurde von seiner Gemeinde als eine Persönlichkeit verehrt, wie sie ins Tor gehört: einer, der das Haus sicher behütet, groß und männlich zwischen den Torpfosten, den Zugang versperrend, ein Garant gegen Unheil und Katastrophen.

So muss sich Robert Enke selbst als verlässlichen Hüter gesehen haben: für seinen Verein, für sein Land, für seine Familie, die er vor bösem Geschick schützen wollte. Im Sport kann man erfahren, dass man das Unglück manchmal nicht abwenden kann. Fast alle Athleten schwören sich nach der Lektion des ersten Misserfolgs, dass er ihnen kein zweites Mal passieren wird: Sie werden nie wieder eine Schwäche zeigen!

Wenn der zuvor Gefeierte ein zweites Mal versagt, schlägt die Stunde der Ankläger. Nachdem sie ihn großgeschrieben und sich seine Erfolge selbst zugerechnet haben, können sie ihn endlich aus tiefstem Herzen demütigen. Ein Torwart, der unsicher wird, ist ein Geschenk für die Zyniker in den Medien und auf den Rängen. Wenn sein Versagen mit einer psychischen Erkrankung zusammentrifft, kann es über seine Kräfte gehen.

Ein einziges Mal hatte Robert Enke das Unheil nicht vor der Tür seines Hauses anhalten können. Seine kleine Tochter war im Krankenhaus gestorben, während er neben ihr eingeschlafen war. Als er dann seine Adoptivtochter bedroht sah, diesmal nicht durch einen Erschöpfungsschlaf, sondern durch die Lähmung seiner Kräfte, und er zum zweiten Mal als Hüter seines Hauses zu versagen drohte, warf er sich vor den Zug.

Der Fußball gilt als ein Muster unmittelbarer Verständlichkeit. Doch er ist nichts im Vergleich zu der brutalen Direktheit des Bildes eines Menschen, der von einem Zug überfahren wird. Im Sport ruft es den Jubel der Anhänger einer Mannschaft hervor, wenn sie den Gegner überfährt. In der Sprache der Sieger heißt es, dass man die andere Mannschaft plattmacht, zerfetzt, in Stücke reißt.

Profifußball ist heute ein Theater der Grausamkeit; er bietet ein Spektakel der Erhöhung für die Sieger, an dem sich die Zuschauer, Journalisten und Funktionäre hochziehen. Niederlagen sind symbolische Vernichtung, die fähig ist, den Gedemütigten über das Spiel hinaus zu zerstören.

Im erbarmungslosen Blick der triumphierenden Gegner und ihres schreibenden Gefolges wird der Verlierer abgestraft, als Flasche, Null, Versager. Verlierer werden ausgemustert, verkauft, verliehen; sie sind Fehleinkäufe, Konkursmasse - Spielerschrott, der gerade gut genug ist, von der Presse entsorgt zu werden, um mit der Abwrackprämie neues Spielermaterial einzukaufen. Bis in die Nachrufe von Robert Enke ziehen sich die Fußabdrücke dieses Denkens.

Jeder im Stadion weiß, dass der Mythos der Unfehlbarkeit und Unbesiegbarkeit nicht stimmt. Wer an einem Tag der große Held ist, dessen Bild kann am nächsten Tag in tausend Stücke zerspringen. Das Idol wird dann zu einem Götzenbild, das öffentlich zerstört wird. Vor diesem Publikum und diesen Medien, die sich symbolische Tode ohne Ende herbeiwünschen, tritt mit einem Mal der wirkliche Tod von Robert Enke auf.

Ein Tod als Folge einer Depression ist vielen Zuschauern und Journalisten als Angstvorstellung oder als Realität schon begegnet, ihnen selbst, ihrer Familie oder im Bekanntenkreis. Jetzt ist unter den Opfern ein Heros des Sports mit einem großgewachsenen, kraftvollen Sportlerkörper, der zerstückelt daliegt - eine Szene wie in einem antiken Mythos. Dass ein großer Torhüter zu den Verzweifelten und Überfahrenen gehört, macht die ganze Misere des Spitzensports mit einem Schlag sichtbar: Die Grausamkeit gegenüber den Schwachen ist ein Mittel der Steigerung der Lust am Sport. Fast alle haben sich daran mit Freuden beteiligt - das Spiel gibt ihnen die Erlaubnis dazu.

Zum ersten Mal sehen die Beteiligten jetzt die Folgen ihrer Lust am Fußball in ihrer ganzen Schrecklichkeit. Sie sehen das Unglück auf dem Gesicht der Witwe; es ist der reine Jammer. Sie sagt in ihren Worten ihre Angst und ihre Liebe, wie die Angst stärker wurde als ihre Liebe. Das wollten die Fans nicht. Ihre grausamen Aktionen sind für sie Teil eines Spiels; eigentlich sind sie von der Überzeugung durchdrungen, dass der Sport gut, dass der Fußball eine Welt der Freundschaft sei.

Was das Spektakel um Robert Enkes Tod so bemerkenswert macht, ist nicht seine schiere Größe, die nichts als ein Rekord ist. Es ist der Moment des Erschreckens über die Unmenschlichkeit des Sports. Schlagartig wird klar, dass der Fußball nicht nur Tore und Punkte, sondern auch Opfer produziert. Wer eben noch zu einer wilden Meute gehört hat, zeigt jetzt Bestürzung und Ergriffenheit. Es ist, als ginge eine Welle der Hilfsbereitschaft durch die Gemeinde der Fans, die Mannschaften, den Fußballverband.

Mit der Ehrung des Opfers, so ehrlich und ergriffen sie in diesem Augenblick auch gefühlt ist, wird der Zug der Zeit nicht aufgehalten. Jeder weiß insgeheim, dass dies nicht geht und dass man es auch nicht wünscht. Man will die Erschütterung durchleben, in sich gehen, aber ihr doch nicht nachgeben: Der Fußball erträgt keine Schwäche. Kein professioneller Sport erträgt sie.

Während Verbandspräsident Theo Zwanziger auf der Trauerfeier in Hannover kluge, warnende Worte spricht, haben die Takte im Maschinenraum nicht aufgehört zu schlagen; sie sind nur vorübergehend ganz leise geworden. Das Fußballsystem wird bald wieder auf volle Touren kommen; es muss wieder Fahrt aufnehmen, um seine gewaltigen Kosten einzuspielen.

Eine Katastrophe mag ein moralisches Defizit anzeigen - geschäftlich wird sie sich rechnen. Nicht nur für die Presse, auch für den Fußball. Eines seiner Opfer ist gefeiert, das Gewissen beruhigt worden. Robert Enkes Leben mit seinen vielen Rückschlägen, mit seiner Nähe zu seiner Familie, sein Tod im Augenblick des ersten großen Erfolgs brachte ihn in eine solche Nähe zu den Zuschauern, dass sie dem Profifußball angewidert den Rücken zukehren könnten. Es ist gerade noch gutgegangen. Nun kann es weitergehen. Das nächste Jahr ist WM-Jahr.

Der Autor ist Professor für Philosophie an der Freien Universität Berlin.

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