ISRAEL Theater statt Synagogen
Rein äußerlich ist Tommi Lapid ein rundlicher Herr gesetzten Alters, dem manche eine gewisse Ähnlichkeit mit Ariel Scharon nachsagen. Der Mann mit der angeblich größten Klappe Israels sieht eher bieder und harmlos aus. Doch an diesem Enfant terrible der israelischen Politik scheiden sich die Geister wie an kaum einem anderen.
»Spazieren Sie doch herein«, sagt Lapid, 71, in schönstem Deutsch, so wie es ihm das schwäbische Kindermädchen Lisie in Novi Sad beigebracht hat. Dort in Serbien wuchs der Rechtsanwaltssohn in einem großbürgerlichen Haus mit Dienstboten auf.
Und bis heute weiß Lapid, wie man Hof hält. Im Halbstundentakt empfängt er Journalisten, die alle demselben Phänomen auf die Spur kommen wollen: Wie hat es der frühere Talkshow-Star geschafft, sich mit seiner Partei Schinui (Wechsel) ins Spitzenfeld der politischen Klasse Israels zu katapultieren? Laut Umfragen wird Schinui seine derzeit sechs Mandate mehr als verdoppeln und könnte damit am Wahltag auf Platz drei landen - gleich hinter den beiden Traditionsparteien Likud und Arbeitspartei. Einige Kommentatoren sehen in dem Schinui-Chef bereits den »Königsmacher« einer künftigen Regierung.
Ob er den Sprung an die Macht tatsächlich schafft, ist einstweilen offen. Behauptet sich seine Mittelstandsgruppierung am 28. Januar, könnte sie dem voraussichtlichen Wahlsieger Scharon zur Mehrheit verhelfen - auf die ultraorthodoxe Schas-Partei unter ihrem spirituellen Führer Rabbi Ovadia Josef, der bisher kaum eine Gelegenheit ausließ, seinen Koalitionspartner zu erpressen, könnte der Regierungschef dann verzichten.
Für Lapid ginge ein Traum in Erfüllung: die erste säkulare Regierung in der Geschichte Israels. An eine Koalition ohne Beteiligung zumindest einer religiösen Partei hat sich noch kein Premier getraut, nicht einmal Golda Meïr, der 1969 mit der Arbeitspartei nur fünf Sitze zur absoluten Mehrheit fehlten. Lapids Partei hat sich vorgenommen, den Einfluss der religiösen Ultras zurückzudrängen - Motto: »Gebt das Land denjenigen, die dafür arbeiten.«
Mit diesem Slogan zielt Schinui auf die säkulare Mehrheit der Israelis. Ein Viertel der Gesellschaft gilt als religiös, insgesamt fünf Prozent sind Ultraorthodoxe (Haredim). »Die Leute haben es satt, sich von dieser Minderheit ihr Leben vorschreiben zu lassen«, glaubt der Jerusalemer Parteienforscher Reuwen Chasan, »das macht einen Teil des Erfolgs von Schinui aus.«
Die religiösen Dogmatiker sind für Lapid bloße Schmarotzer, die »auf Kosten der übrigen Gesellschaft leben«, weil sie oft nicht arbeiten, keine Steuern zahlen und keinen Wehrdienst leisten. »Eine ultraorthodoxe Familie mit zehn Kindern erhält im Monat 19 360 Schekel an staatlichen Alimenten«, rechnet Schinui in Wahlprospekten vor - fast das Dreifache eines durchschnittlichen Monatslohns.
Staat und Religion will Schinui streng trennen. Alles, was derzeit aus religiösen Gründen in Israel verboten ist, würde erlaubt werden: Geschäfte sollen am Sabbat öffnen, die Busse fahren und El Al wieder fliegen dürfen. Schluss wird gleichfalls damit sein, dass Israels Premier am heiligen Tag der Woche nicht zu politischen Terminen reisen darf.
Auch das Monopol der Diener Gottes beim Personenstandsrecht will Lapid aufbrechen: In Israel werden Trauungen und Scheidungen nur vor dem Rabbinat vollzogen. Selbst Beerdigungen sind, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nur mit frommem Segen möglich.
Lapid selbst geht noch nicht einmal an Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag, in die Synagoge. »Ich habe Gott verloren, als mein Vater 1944 von der Gestapo abgeholt wurde«, sagt er. Während er selbst mit seiner Mutter im Ghetto von Budapest überlebte, wurde sein Vater im KZ Mauthausen ermordet. »Theater und Konzerthallen sind unsere Synagogen«, sagt der Parteichef, der Israel zwar auch als einen jüdischen, zionistischen Staat erhalten sehen will, aber »den Judaismus vor den Ultraorthodoxen retten« möchte.
Sein aggressiver Ton macht ihn für Protestwähler attraktiv. Kritiker werfen dem leidenschaftlichen Provokateur vor, er schüre nicht nur Verachtung für die Ultraorthodoxen, sondern hetze auch gegen Araber und orientalische Juden. Manche Zeitungen vergleichen ihn mit dem österreichischen Rechtspopulisten Jörg Haider.
»Lapid verbreitet Hasspropaganda«, sagt etwa Jossi Gasit von der linken Merez-Partei, die seit jeher eine säkulare Verfassung fordert. Lapid sei ein »Rassist, ein Chauvinist und Schwulenhasser«, kritisieren auch Aktivisten der Arbeitspartei. Sie wissen, dass Schinui vor allem ihnen Anhänger abspenstig macht.
Der Parteichef weist alle Anfeindungen zurück. »Als Holocaust-Überlebender ist es mein Prinzip, keinen Juden zu hassen.« Er ein Rassist? »Ich will gleiche Rechte für alle.« Dass er den ganzen Nahen Osten als »faul, korrupt und rückwärts gewandt« empfindet, hält er für sein gutes Recht: »Ich bin für westliche Werte.«
ANNETTE GROßBONGARDT