Minister Thront über allem
Die Teilung eines Ministeriums«, klagte Bildungsminister Klaus von Dohnanyi, »ist schlimmer als eine Scheidung.«
Monatelanges Gerangel um Personen und Positionen hat das Hochhaus am Bonner Tulpenfeld in zwei feindliche Lager gespalten und für skurrilen Zwist gesorgt. Begonnen hatte der Bruderzwist im »Brüderministerium« (Ehmke), als Kanzler Brandt im Dezember des vergangenen Jahres Horst Ehmke aus dem Kanzleramt in ein neues Ressort abschob, das aus mehreren Dohnanyi-Abteilungen sowie der Post zusammengebastelte Ministerium für Forschung und Technologie und für das Post- und Fernmeldewesen. Seither gab es in den zehn angemieteten Etagen des Verwaltungsgebäudes zwei Sorten von Staatsdienern: die Dohnanyi- und die Ehmke-Beamten.
Trotz gemeinsamer Fahrbereitschaft weigerten sich Chauffeure, die mit dem Ministerium für Bildung und Wissenschaft sympathisierten, Beamte aus dem Technologie-Ressort zu transportieren. Und als eine ihrer ersten Amtshandlungen schraubten Ehmke-Bürokraten ihrem neuen Chef zuliebe an der Eingangshalle das Namensschild »Bundesminister für Bildung und Wissenschaft« ab und montierten an seiner Stelle »Bundesminister für Forschung und Technologie«. Die Dohnanyi-Plakette rutschte auf Platz drei, noch unter das Schild des Hochhaus-Mitmieters Egon Franke (Ministerium für Innerdeutsche Beziehungen).
Dagegen gewann der Bildungsminister bei der Vergabe der Autonummern. Dohnanyi behielt »nach dem Anciennitäts-Prinzip« (Forschungs-Staatssekretär Volker Hauff) sein dienstliches Kennzeichen BD 23 -- 1, Spalter Ehmke mußte sich mit der Kennziffer BD 24 -- 1 begnügen. Dafür ließ der einstige Kanzleramtsminister »seine guten Beziehungen spielen« (ein Bildungsbeamter), als es darum ging, das Anciennitätsprinzip bei der Numerierung des Haushaltsplans zu durchbrechen. Ehmke erwarb die Nummer 30, Dohnanyis Etat mit der Ziffer 31 rangiert als letztes Ressort.
Unverhoffte Revanche glückte dem im 16. Stockwerk amtierenden Bildungsminister, als ihn ein Telex des Technologen Ehmke aus der 15. Etage erreichte. Weisungsgemäß hatte die im Erdgeschoß untergebrachte Fernschreiberin den Text in den Technologie-Ticker getippt und das Telex -- nach Umwegen über die Postleitungen -- aus dem benachbarten Bildungs-Ticken wieder entgegengenommen. Adressat Dohnanyi mokierte sich öffentlich: »Erste Fortschritte auf dem Gebiet der Kommunikationstechnik, die ein Schwerpunkt der Arbeit der Bundesregierung in dieser Legislaturperiode ist.«
Den Versuch Ehmkes, die schwächsten der ohnehin eher besinnlichen Beamten aus der früheren Zentralabteilung dem Kollegen Dohnanyi zuzuschieben, konnte der Bildungsminister nur mit Mühe vereiteln. Drei Sitzungen einer Verhandlungskommission waren notwendig, um die schlummernden Talente annähernd gerecht zwischen den beiden Ressorts aufzuteilen.
Kaum waren »nach langem Hick-Hack« (Personalratsvorsitzender Beicht) die letzten Beamten einem der beiden Herren zugeschlagen, kündete sich neuer Ärger an: Im kreuzförmigen Neubau in der Bonner Gronau« der im August beide Ressorts aufnehmen soll, war nur Platz für einen Minister. Denn das noch unter CDU-Kanzler Kiesinger geplante Verwaltungsgebäude war für ein Bildungs- und Wissenschaftsministerium samt Forschungs- und Technologieabteilungen, nicht aber für zwei Ressorts konzipiert.
Ein Vorschlag der Bundesbaudirektion, den Kreuzbau so zu teilen, daß die Minister jeweils in einer Hälfte der Chefetage residieren könnten, scheiterte am Veto der Beamten. Sie fürchteten, allzu große Nähe ihrer Ressortchefs könne den Dienstweg arg verkürzen und sie von Informationen und Entscheidungen aussperren. Der Ausbau einer zweiten Chefetage scheiterte am Stabilitätsbewußtsein der Regierungsherren. Der Umbau war mit 1,5 Millionen Mark veranschlagt worden.
Bei einem Flug von Stuttgart nach Bonn, »weit weg von ihren Beamten« (Dohnanyi-Referent Jürgen Burckhardt) einigten sich die Chefs schließlich doch noch über ihren künftigen Standort im vierzehnstöckigen Neubau. Wenn Genosse Dohnanyi, so ihr Verhandlungsergebnis, sich mit einer für 400 000 Mark vergleichsweise preiswert ausgebauten 13. Führungsetage bescheidet, darf er seinen Troß vom 6. Stockwerk aufwärts unter sich vereinigen.
Ehmke dagegen, der den Sprung in das letzte 14, Stockwerk nur unter Zurücklassung einiger Abteilungen in Behelfsunterkünften schaffte, wird mit seinen bestenfalls acht Etagen tiefer arbeitenden Beamten per Aktenlift kommunizieren. Dennoch lobt Thilo Schmidt, Pressereferent im Technologie-Ressort, die Weitsicht seines Herrn: »Dann thront über allen Horst Ehmke.«
* Darsteller Wolfgang Pampel im Volker-Braun-Stück »Die Kipper«.