Tiefe Zweifel an der Effizienz - DER SPIEGEL
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Briefe

Tiefe Zweifel an der Effizienz
• aus DER SPIEGEL 52/2001
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Tiefe Zweifel an der Effizienz

Nr. 50/2001, Titel: Pisa-Studie: Die neue Bildungskatastrophe - Sind deutsche Schüler doof?

Den deutschen Schülern wurde bei der Pisa-Studie mangelnde Cleverness attestiert. Die Zukunft wird zeigen, ob Minister und Lehrer diese besitzen.

REUTLINGEN CHRISTOPH PLESS

Nee, die deutschen Lehrer und ihr System sind doof, nicht die Schüler. Diese und die volkswirtschaftliche Zukunft sind die Leidtragenden der Unfähigkeit der deutschen Kultusministerkonferenz samt Kollegen.

LEFKAS (GRIECHENLAND)

NORBERT ROTHLACH

Das Beamtenrecht verkörpert in hohem Maße eine Fessel für Kreativität und Gestaltungsmöglichkeiten, lädt aber die wichtigsten Protagonisten in der Schule, nämlich die Lehrer, zu Phantasien über Stress und die Notwendigkeit des verbeamteten Müßiggangs ein, was sich letztendlich zu einem Syndrom von wechselseitiger Demotivierung auswirkt. Das deutsche »Bildungshaus« - wenn man es renoviert, so muss es von Grund auf geschehen. Dazu gehört die Abschaffung des Beamtenrechts für Lehrer.

SINZIG (RHLD.-PF.) WERNER DINKELBACH

Ich bin eine von Deutschlands doofen Schülern. Meine Fähigkeiten reichen gerade dazu aus, diesen Brief zu formulieren. Ich möchte Sie nämlich etwas fragen: Sind finnische, japanische und koreanische Schüler von Natur aus einfach klüger? Und sind wir von Natur aus einfach dümmer? Oder kann es sein, dass wir alle gleich intelligent sind, da alle menschliche Wesen, und unser Schulsystem den Unterschied ausmacht? Ihr Titel sollte vielleicht eher heißen: Sind deutsche Lehrer doof? Aber halt, nein, das wäre ja viel zu eigenständig gedacht und gibt garantiert eine Note Abzug. Mindestens.

REUTLINGEN EVA CHRISTINA WALTER Als Vater dreier Kinder, Mann einer Lehrerin und geprägt von bitteren Erfahrungen durch einen Schulwechsel von einem Bundesland in ein anderes, hege ich tiefe Zweifel an der Effizienz des deutschen Schulsystems. Brauchen wir in einem zusammenwachsenden Europa angesichts konkurrierender zentralistischer Systeme wie Frankreich 16 Kultusminister? Wie viele Mitarbeiter beschäftigt ein Kultusministerium? Wie viele Lehrer könnte man dafür einstellen?

BERNKASTEL-KUES (RHLD.-PF.) DR. MARTIN QUARZ

Gebt den Kindern die Freude am Lernen wieder, dann werden wir auch die Früchte ernten. Dieses gilt insbesondere für die Eltern, die der Schule einen größeren Vertrauensvorschuss einräumen müssen.

HEIDESHEIM ERNST TÖDTEMANN-PIEGSA

Warum gleich auf der Schule herumhacken und dabei die erste Instanz, die den Grundstock für Bildungsbewusstsein legt, auslassen - nämlich die Eltern? Spätestens meine Generation (die Siebziger) hat das Lesen verlernt und ihre Bücherregale voll gestapelt mit Videokassetten. Der damit verbundene Niveauabfall macht sich in allen Medien immer stärker bemerkbar - prägnant ausgedrückt: Ohne Lesen keine Kreativität, ohne Kreativität kein Geist, ohne Geist lebenslang RTL II. Generationsvererbte Bildungsunlust kann - und muss - keine Schule dieser Welt aufholen.

NEU WULMSTORF (NIEDERS.) GERRIT PREUß

Ich glaube nicht, dass alle Schüler doof sind, sondern dass die erzieherischen Kompetenzen gesamtgesellschaftlich verflachen. Gleichzeitig steigen die beruflichen Anforderungen an und rekurrieren auf Eigenschaften wie Leistungsbereitschaft, Disziplin, Kommunikationsfähigkeit et cetera. Die Basis wird im Elternhaus vorbereitet, aber wer hat noch Einsicht in die Notwendigkeit und die Zeit, sich und den Nachwuchs zu bilden? Und wozu haben wir uns denn vom Bildungsbürgertum emanzipiert?!

WESTERLAND KARIN JOST-STENGER

Als Lehramtsstudentin kann ich schon jetzt absehen, dass ich dazu gezwungen werde, zum Fachidioten zu werden, statt praxisnah unterrichten zu können, wie es die Pisa-Ergebnisse wohl dringend fordern.

MÜNSTER SVENJA SCHWARZER

Die Studie zeigt, dass in den schulisch erfolgreichen Ländern die Arbeit der Lehrer hoch geschätzt und nicht diffamiert wird. Es wird wohl wenig Staaten geben, in denen Lehrer so missachtet, ja teilweise sogar verachtet und mit bösen Allgemeinplätzen überhäuft werden, wie es bei uns nur zu oft geschieht.

WUNSIEDEL (BAYERN) PATRICIA STEINKIRCHNER

Wozu gibt es eine Schulpflicht? Eltern, finanziell leidgeprüft, sind gezwungen, immer mehr Arbeitsleistung zu erbringen, um die Familie durchzubekommen.

FULDA UWE SCHÄFER

Die schlechten Noten verdienen nicht die 15-jährigen Schüler. Wenn Fußballer schlecht spielen, ist doch auch der Trainer schuld. Das Thema ist nicht neu, wurde nur jahrzehntelang unter dem Teppich gehalten. Woher kommen denn die gut drei Millionen Analphabeten?

AHNATAL (HESSEN) WOLFGANG RINGSLEBEN

Wie ein roter Faden zieht es sich durch den ganzen Bericht - schuld sind die schlecht Deutsch sprechenden Ausländer und das soziale Umfeld. Weit gefehlt, halte ich Ihnen dagegen! Wir wohnen an der französischen Grenze und bringen unsere drei Kinder (10, 8 und 5 Jahre) täglich dort zur Schule und zum Kindergarten. Der Grund ist sehr einfach. Sie sollen Europa (er)leben und die Sprache ihres Nachbarn erlernen. Die Kinder sind ganztägig in der Schule versorgt. Das Ausländerproblem existiert im selben Maße wie bei uns, aber das ganze Schulsystem ist straffer und effektiver. Die zweisprachige Schule ist seit sechs Jahren Bestandteil des Schulsystems. Warum können die Verantwortlichen nicht einfach mal zu ihren Nachbarn schauen, anstatt einen Sündenbock zu suchen. Es ist das System, das krankt, nicht die Ausländer oder die soziale Umgebung.

LÖRRACH (BAD.-WÜRTT.) STEFANIE DRECHSLE

Ein Faktor ist sicherlich die mangelnde Qualitätskontrolle der Lehrer. Engagierte Lehrer erfahren häufig wenig Unterstützung; so bezeichnete mein letzter Schulleiter Kollegen, die am Wochenende für die Schule arbeiteten, als »schön blöd«!

WILHELMSHAVEN FRAUKE SAGER

Ich stimme Ihnen fast ausnahmslos zu, denn dass gerade sozial schwache Kinder absolut mangelhaft gefördert werden, ist wohl die bedenklichste aus der Pisa-Studie gewonnene Erkenntnis. Dass deutsche Schulen sich jedoch vornehmlich mit der Förderung besonders begabter Kinder befassen, ist eine glatte Lüge. Ich habe an einem Gymnasium fast nur Frust über langweiligen und durch mangelnde Anforderungen gekennzeichneten Unterricht erfahren. Ein Ausnahmefall, werden viele sagen. Nein, denn ich kenne viele Betroffene und spreche für alle jene, die so über ihre Schulen denken. Wie sollen wir hier etwas bewegen, wenn uns schon jetzt die Lust dazu genommen wird?

HEIDELBERG HANNES ROGLER

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