ITALIEN Tiefes Dekolleté
Das hätten Ella, Pia und Titti nie gedacht: Vittorio Emanuele, der eigene Bruder, zerrt sie vor Gericht.
Nach Mamas Tod, Anfang vorigen Jahres, hätten sie deren Konten geplündert, Familienschmuck unterschlagen und kostbare Möbel verscherbelt, behauptet Prinz Vittorio Emanuele. Sogar ein antikes Pianoforte sei verschwunden.
Die Schwestern dagegen, was Wunder, ziehen über den bösen Bruder her. Der habe seinerzeit das wunderschöne Schloss Merlinge in der Nähe von Genf der Mutter »für ein Butterbrot« abgeluchst und so das Erbe geschmälert. Er schulde ihnen dafür, das sei auch Mamas letzter Wunsch gewesen, einen pekuniären Ausgleich. Stattdessen, so keilten die drei adligen Damen in Interviews zurück, habe der undankbare Sohn bis heute nicht einmal seinen Anteil an den Kosten für Mutters Beerdigung beglichen - läppische 4000 Euro.
»Traurig, traurig«, meldete sich darauf ihr Neffe, der Vittorio-Emanuele-Spross Emanuele Filiberto, 30. Die Tanten führten sich auf »wie Leute aus der Unterschicht«. Dabei seien sie doch Königskinder.
Solch familiärer Zoff weckt in Italien die Freude auf eine spektakuläre Spätheimkehr: Nach 56 Jahren lässt die Republik die verbannten Stammhalter der Savoyen-Dynastie wieder ins Land - und schon winkt eine Frischzellenkur für Klatschkolumnen und Salongeschichten.
Am 6. Juni 1946 gingen der neunjährige Vittorio Emanuele und seine drei Schwestern, Kinder des letzten italienischen Königs Umberto II., in Neapel an Bord des Kreuzers »Duca degli Abruzzi« und verließen mit ihrer Mutter, Königin Maria José, Italien. Umberto folgte sieben Tage später im Flugzeug. Das Volk hatte mit Mehrheit gegen die Monarchie votiert.
Per Verfassungsartikel wurde dem Königspaar und allen männlichen Nachkommen verboten, jemals italienischen Boden zu betreten. Hab und Gut der Familie wurden eingezogen. Von der Savoyer-Sippe wollte die Republik nichts mehr wissen.
Denn Umbertos Vater, Vittorio Emanuele III., ein konstitutioneller Monarch mit Rechten wie heute etwa ein Staatspräsident, hätte 1922 die Machtübernahme Benito Mussolinis verhindern können, was er aber nicht wollte. Im Gegenteil, er trug das Regime des Duce bis zum Zusammenbruch mit, die faschistischen Rassengesetze beispielsweise setzte er mit seiner Unterschrift in Kraft. Als alles vorüber war, machte er sich aus dem Staub und ließ sich in Portugal nieder.
Der Bann über die Savoyer hielt über ein halbes Jahrhundert. In diesem Sommer wurde das Verdikt nach fünfjähriger Debatte vom römischen Parlament mit breiter Mehrheit aufgehoben. Eine Volksabstimmung hätte das Ganze noch stoppen können. Doch dazu kam es nicht. Nach Ablauf der Frist kann Vittorio Emanuele, 65, mit Sohn und Frau endlich heim: per Schiff zurück nach Napoli, wenn möglich schon in ein paar Tagen.
An der Mole des Königlichen Yachtclubs würde dann ein Cabrio stehen und ihn durch die jubelnde Menge ins Hotel Vesuvio fahren, wo seine Anhänger auf ihn warten werden. Dann will er, in Bälde, den Papst und Berlusconi sehen und eine Art »Botschafter Italiens in der Welt« werden.
Und natürlich wird er auch die Klatsch-Erwartungen erfüllen: Das Gehäme über die Blaublut-Familie gehört schon fast wie-
der zum guten Ton, beim Cocktailempfang ebenso wie beim Vorstadtfriseur. Trinkt seine Gattin Marina Doria, 67, aber »perfekt geliftet«, wie manche wissen wollen, wirklich zu viel Weißwein und Champagner mit Eis? Sind die Absätze der Schweizer Keksfabrikantentochter und einstigen Wasserski-Meisterin zu hoch, ihre Dekolletés zu tief?
Und erst der junge Emanuele Filiberto: Mit dem passenden Faible für vollbusige Starlets und PS-starke Wagen, groß und blauäugig, ist er schon jetzt der Schwarm der Regenbogenpresse.
So wird auch schnell vergessen und vergeben sein, unter Hochglanz-Schnappschüssen von Bällen und Benefiz-Galas begraben, was viele Italiener dem Savoyer-Chef Vittorio Emanuele so lange übel nahmen: Als Industrieberater half er einst, Kampfhubschrauber an den Schah von Persien und andere Drittwelt-Herrscher zu verkaufen, und war in manche undurchsichtige Geschichte verwickelt. Hin und wieder ermittelten auch Staatsanwälte - freilich stets ohne Erfolg.
Im Sommer 1978 zum Beispiel geriet er mit einer Gruppe junger Segler aneinander, wobei seine Durchlaucht ein amerikanisches Schnellfeuergewehr in den Händen hielt. Nach einem kurzen Wortwechsel krümmte sich ein junger Deutscher, der auf einem Nachbarboot schlief, mit einem Bauchschuss, an dem er Monate später starb. »Aus humanitären Gründen« zahlte Vittorio Emanuele etwas Geld. Von jeglicher Schuld am Tod des 19-jährigen Primaners wurde er von einem Pariser Gericht freigesprochen - nach einem umstrittenen Prozess, der 13 Jahre dauerte. Am Ende bekam er sechs Monate auf Bewährung wegen illegalen Waffenbesitzes.
Auch politisch tat sich der Monarchen-Spross auf seine Art hervor, etwa wenn er das italienische »Republikchen« und seine Repräsentanten verspottete. Die Rassengesetze Mussolinis dagegen fand er »gar nicht so tragisch«. Literaturnobelpreisträger Dario Fo nannte ihn dafür einen »Tölpel« und »Einfaltspinsel«.
Heute hat auch Fo nichts mehr gegen die späte Heimkehr des eher schlicht gestrickten Prinzen: Von solchen Leuten gebe es derart viele im Lande, dass auch Vittorio Emanuele das Recht habe, dabei zu sein. HANS-JÜRGEN SCHLAMP
* Mit Hitler (l.) und Mussolini (halb verdeckt hinter Hitler).