Tiergarten oder Techno - DER SPIEGEL
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DEMONSTRATIONEN Tiergarten oder Techno

Kulturkampf um die Love Parade: Eine Klage soll verhindern, daß eine Million Musik-Fans Berlins größten Park verwüsten.Mit zehn Millionen Mark Steuereinnahmen ist die Love Parade ein Wirtschaftsfaktor für die Stadt
Von Manuel Schumann
• aus DER SPIEGEL 23/1997
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der beißende Gestank von Urin und der grellbunte Plastikmüll auf den Wiesen waren noch das Geringste, »am schlimmsten fand ich die seltsame Stille«. Wenn sich Arnulf Conradi, Verleger und Neu-Berliner Bildungsbürger, an den 15. Juli vergangenen Jahres erinnert, kommt ihm das Grausen.

Während seiner morgendlichen Radfahrt durch den Großen Tiergarten beleidigten nicht nur Müll, Mief und zertrampelte Sträucher die Sinne des Schöngeistes. Auch das Gezwitscher war verstummt, die Vögel waren geflohen.

Rund 750 000 Teilnehmer der Love Parade, der größten Techno-Party der Welt, hatten am Wochenende zuvor Berlins größten Park arg verunstaltet. 40 Lastwagen mit je 15 000 Watt starken Beschallungsanlagen waren Stunde um Stunde durch Berlins zentrale Grünanlage gezogen. Die wogenden Massen der Tänzer hatten eine Spur der Verwüstung hinterlassen.

In sechs Wochen nun will die »Raver-Familie« (Szene-Jargon) erneut zusammenkommen, und wieder soll auf der Straße des 17. Juni gefeiert werden, mitten im Tiergarten. Bei sonnigem Wetter werden bis zu eine Million junger Leute erwartet. Doch diesmal ist Tiergarten-Fan Conradi wild entschlossen, den Park zu schützen: »Dieser Wahnsinn darf sich nicht wiederholen, dagegen werden wir klagen.«

Im Kulturkampf um Deutschlands größte Fete steht der Umweltschutz zur Debatte, aber nicht nur. Neben dem Streit um Müll, Lärm und Gestank ziehen Conradi und seine Mitstreiter auch gegen das Selbstverständnis der Techno-Vermarkter zu Felde. Dürfen sich die Veranstalter des massenhaften Tanzvergnügens auf die Demonstrationsfreiheit berufen? Zählt die Kaufkraft der Techno-Tänzer mehr als die ästhetischen Empfindungen gutbürgerlicher Spaziergänger?

Für seinen Abwehrkampf hat Conradi den passenden Anwalt gewonnen. Peter Raue, stadtbekannt durch sein Engagement im Honoratiorenklub »Verein der Freunde der Nationalgalerie«, will gerichtlich die Verlegung des Spektakels erzwingen. Herhalten im Kampf für den Tiergarten muß die einjährige Philine Partsch-von Bismarck.

Das adlige Kleinkind wohnt gleich neben dem Tiergarten, und seine Eltern werden klagen, daß für ihren Sprößling Schlafstörungen und Angstzustände zu befürchten seien. Unter den Klägern ist allerdings auch der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). In Berlin hat er das Recht, stellvertretend für die Allgemeinheit den Schutz der Natur einzuklagen.

Die Aktivisten des BUND schätzen, daß pro Raver allein ein Liter Urin in den Parkboden sickert, die Grünanlage also im vergangenen Sommer mit über 750 000 Litern Jauche belastet wurde. Gleichzeitig hat die Berliner Stadtreinigung etwa 150 Tonnen Müll rund um die Tanzroute eingesammelt. Kosten: circa 170 000 Mark.

Das war noch nicht alles. Hinzu kam der Flurschaden. Horst Porath (SPD), Baustadtrat im zuständigen Bezirksamt, hat ausrechnen lassen, wie viele Sträucher ramponiert, Teiche verschmutzt und Wiesen festgetrampelt wurden. Verursachte Kosten: 231 000 Mark. Darum begrüßt Porath die Klage.

Wenn die Kritiker sich durchsetzen, müßten die Organisatoren die Parade als private Veranstaltung bei seiner Behörde beantragen. »Und dann«, sagt er, »würde ich die Genehmigung nicht geben.«

Eben das wollen die Love-Parade-Gegner erreichen. Anwalt Raue wird zunächst im Namen der Bismarcks und der Umweltschützer beim Senat und im Bezirksamt beantragen, die Love Parade nicht als politische Demonstration anzuerkennen, was bislang Jahr für Jahr der Fall war. Die Behörden sollen das Tanzfest vielmehr als kommerzielle Veranstaltung werten.

Doch Innensenator Jörg Schönbohm (CDU), der sich sonst bei jeder Gelegenheit als Vertreter des gesunden Volksempfindens präsentiert, will dabei nicht mitspielen. Er werde Raues Antrag nicht nachkommen, kündigte er an. Dagegen wird Raue versuchen, eine einstweilige Anordnung zu erwirken, welche die Tanzdemo im Park verbietet.

»Ich bin nicht gegen die Love Parade. Ich bin nur dagegen, daß sie durch unseren schönsten und größten Park führt«, beteuert Conradi und wünscht dem Massentanz die Verlegung ins urbane Niemandsland: »Warum gehen sie nicht auf den Flughafen Tempelhof oder auf die Avus?«

Dabei ist die Diskussion darüber, ob die lautstarke Liebesparade wirklich der politischen Meinungsbildung dient, so alt wie die Veranstaltung selbst. Zu Recht: 1989 begann es mit dem Motto »Friede, Freude, Eierkuchen«. Das hatte sich der Diskjockey (DJ) »Dr. Motte« alias Matthias Roeingh flugs ausgedacht, um mit damals noch 150 Leuten auf dem Kurfürstendamm rumhopsen zu dürfen.

Mittlerweile kommen 5000mal soviel Menschen, und die Love Parade ist ein erstklassiges Geschäft für die Veranstalter geworden. Die Organisationskosten von 800 000 Mark tragen größtenteils die Sponsoren von Camel und der ARD. Für jeden Musik-Lkw werden Startgebühren erhoben. Und wieviel die geschützte Marke »Love Parade« den Machern mit T-Shirts, CDs oder dem Getränkeverkauf einbringt - darüber schweigen sich Roeingh und die Mitarbeiter seiner Veranstaltungsfirma planetcom lieber aus.

Trotzdem firmiert das Spektakel weiter als Demo. Die diesjährige Parole ist wohl vor allem auf Ecstasy-Konsumenten gemünzt: »Let the sun shine in your heart«. DJ Dr. Motte, 36, erläutert: »Wir wissen, daß die Erde und wir aus der Sonne geboren sind, und öffnen als Kinder der Sonne unsere Herzen.« Ralf Regitz, 33, Geschäftsführer von planetcom, will dabei sogar Roman Herzogs Wünsche erfüllt sehen: »Wir machen genau das, was der Bundespräsident kürzlich in seiner Rede angemahnt hat: Nicht ständig wehklagen, sondern optimistisch in die Zukunft schauen.«

Das macht sich auch Senator Schönbohm zu eigen: »Hier trifft sich die Jugend Europas und ist glücklich.« Vor allem aber wollen die Stadtväter nicht auf die 110 Millionen Mark verzichten, die mit der Invasion der Raver nach Schätzung des Wirtschaftssenats beim letzten Mal in der Stadt blieben. 10 Millionen Mark davon flossen in die Steuerkasse der Stadt. Die Love Parade ist ein Wirtschaftsfaktor geworden wie jedes andere Unternehmen auch. Da macht der von Überschuldung geplagte Senat gern Zugeständnisse und läßt hinterher den Dreck wegräumen.

Aber könnten die Raver nicht doch woanders feiern? Auch darauf hat Regitz die passende Antwort: »Wir müssen auf die Straße des 17. Juni. Das ist die sicherste Strecke für unsere Leute.« Im »Fall einer Panik« könnten die Massen links und rechts in den Park verschwinden.

Kowitz
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