Timide Abendländer
Eine außereuropäische, mit dem stärksten kontinentalen Imperium rivalisierende Macht, wie die USA, als entscheidenden Führungs- und Stabilisierungs- und Sicherheitsfaktor auf dem Kontinent fixieren zu wollen, ist auf die Dauer einfach ungeschichtlich, unfruchtbar und gefährlich. Es bedeutet den klaren Verzicht auf eine europäische Lösung. Sie kann und soll nicht gegen die USA versucht oder gefunden, sie muß aber von Europa selbst geleistet werden. Sie schließt ein echtes europäisches Arrangement mit der Sowjet -Union ein ...
Gegen den Rückzug der Streitkräfte beider Lager führt die regierungsoffiziöse »Diplomatische Korrespondenz« als stärkstes Argument an, daß der Westen dabei militärisch hoffnungslos ins Hintertreffen geraten würde, weil nämlich die westlichen Truppen einige tausend, die sowjetischen einige hundert Kilometer zurückgehen, wenn sich beide hinter die Grenzen ihrer Territorien zurückziehen würden. Darüber wird ein aufwendiges Lamento gemacht.
Wollen denn diese klugen oder verzweifelten Lamentierer die physische und politische Weltkarte ändern? Müssen wir denn nicht anerkennen, daß die Sowjet-Union besten und zumutbaren Falles sich bis hinter die Ostgrenze Polens zurückzieht und dann legitimerweise sich auf ihrem eigenen Territorium befindet? Wollen diese timiden Abendländer im Ernste und in aller Zukunft verkennen, daß die natürliche und legitime Ostgrenze der Vereinigten Staaten einige Kilometer vor der Ostküste der USA liegt?
Sollten wir nicht einmal ernsthaft den Gedanken fassen, mit einem großen, deswegen niemals ungefährlichen Nachbarn zusammenleben zu müssen, und die Normalisierung dieses Zusammenlebens, soweit es an uns liegt, mit äußerster Behutsamkeit - mit Rückhalt an der freien Welt - vorzubereiten? ...
In einer atomaren Bewaffnung der westlichen Länder des europäischen Kontinents sieht Kennan die Aussichten für einen russischen Rückzug aus Mitteleuropa vielleicht schon aus Gründen rein militärischer Vorsicht ein für allemal schwinden.
Einen offenen militärischen Angriff auf Europa hält Kennan für die am wenigsten wahrscheinliche Gefahr ... Er wendet sich dagegen, daß bei Schaffung einer zu diskutierenden militärisch verdünnten und möglicherweise atomfreien Mittelzone wir unentrinnbar in einen östlichen Sog hineingezogen oder das Opfer einer auf den Westen einwirkenden Infiltration würden.
Wollten wir uns resignierend einem solchen für unabwendbar gehaltenen Faktum beugen, so müßte die Geschichte die Politiker längst darüber belehrt haben, daß dieses Schicksal durch rein militärische Hilfe von außen auf die Dauer nicht aufzuhalten wäre.
Die endgültige, heute nur höchst ungern ins Auge gefaßte, fast zum Tabu erklärte, aber auf die Dauer wohl unausweichliche, unser aller Mut und Nüchternheit erfordernde Alternative kann wohl nur lauten: mit einem großen, auch bei positiver Wandlung seiner weltanschaulich-politischen Ideologien immer gefährlichen Nachbarn ein Politisches Arrangement zu suchen.