PROPAGANDA Tipitipitip
Das Publikum des Dresdner Lichtspieltheaters »Goldenes Lamm«, das gekommen war, um den sowjetischen Film »Wenn die Kraniche ziehen« zu sehen, mußte ein unerwartetes Vorspiel über sich ergehen lassen. Auf der Bühne standen die »Blauen Blitze«, die Agit-Prop (Agitation und Propaganda)-Gruppe der Dresdner Freien Deutschen Jugend (FDJ), und sangen nach der Melodie der eisgrauen Plättstuben-Schnulze »Mariechen saß weinend im Garten« die Moritat vom König Feisal, der nach imperialistischer Liebedienerei sein Leben verwirkt hatte:
In Bagdad regierte ein König,
der verriet sein eigen Land;
er trat einem Angriffspakt bei,
der Bagdad-Pakt genannt.
Sein Volk mußte dafür bluten,
die USA machten Profit,
da jagte das Volk ihn zum Teufel
und den Bagdad-Pakt gleich mit,
Die Besucher des »Goldenen Lammes« bildeten nicht das einzige Auditorium in der »Deutschen Demokratischen Republik«, das auf diese Bänkelsängerweise politisch aufgeklärt wurde. Die späte Einsicht, daß der ranzige Parteijargon der Apparatschiks die Zuhörer bestenfalls zum Gähnen, keinesfalls aber zum Wetteifer beim »Aufbau des Sozialismus« reizt, hat die SED -Propagandisten jüngst veranlaßt, auf der Suche nach neuen werbewirksamen Methoden auf das Repertoire der zwanziger Jahre zurückzugreifen, als die kommunistischen Funktionäre noch Phantasie und mit ihr auch Erfolg hatten.
Bei diesem Rückgriff in die Vergangenheit drängte sich der Gedanke auf, die Agit-Prop-Gruppen, die sich einst als politische Kabaretts einen Namen machten, wieder zum Leben zu erwecken.
Allerdings, die Agit-Prop-Gruppen haben es heute - im Zeichen der SED-Staatspartei - schwerer als in den kampferfüllten Weimarer Jahren, zumal »in den Programmen der Agit-Prop-Gruppen ... sich gegenwärtig solche Probleme widerspiegeln (sollen), wie sie vor der ganzen Partei stehen: Auswertung des V. Parteitages, Steigerung der Arbeitsproduktivität, sozialistische Umgestaltung auf dem Lande, Kampf um eine atomwaffenfreie Zone und gegen die Herrschaft des Imperialismus und Militarismus in Westdeutschland.«
In der Stoff-Kollektion, die das FDJ -Blatt »Junge Welt« seinen Lesern für Agit-Prop-Zwecke anbot, fehlt nicht das Werk der volkseigenen Dichterin Helene Lolf-Hünecke, die sich von den »Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften« (LPG) zu diesem lieblichen Pastorale hatte inspirieren lassen:
Hallo, LPG, Sag: Wie steht's auf den Fluren?
Die, neue Zeit stellt jetzt im Dorf unsere Uhren.
Die Wurst wachst am Stiel und die Küh' sind
zufrieden
Wir hoben für Offenstallbau uns entschieden.
Refrain: Ja, die Partei gab uns die Kraft,
sonst hatten wir das nicht geschafft.
Zur Illustration derart tiefsinniger Werke sollen nach dem Plan der Agit-Prop-Techniker auch die Choreographen beitragen, die zum Ruhme der sozialistischen Volkskunst den »neuen künstlerischen Tanz« entwickelt haben, der »in einer echten Beziehung zu unserem sozialistischen Leben steht und (es) vorwärtsweisend beeinflußt«. Die ersten Lorbeeren erntete dabei das Staatliche Dorfensemble der »DDR«, das eine Tanzsatire schuf: »Die Einzelkuh«. Nach Angaben ihrer Schöpfer »beweist (diese Satire) die Überlegenheit der Kollektivarbeit im Dorf«.
Das Ziel des Volkskunstaufgebots ist es, ein dichtes Netz dieser Agit-Prop-Gruppen zu knüpfen, die in allen Orten und womöglich auch in allen Betrieben eingerichtet werden sollen. Denn »politische Agitation und Propaganda geschieht dort, wo sich das Leben der Menschen in der Hauptsache abspielt: in den Betrieben, auf der Straße, im Wohngebiet«. Und weil »nicht immer Tausende, sondern zumeist weniger, vielleicht fünfzig, manchmal aber auch nur zehn Menschen auf einmal angesprochen werden können«, haben sich die kleinen Agit-Prop-Gruppen mit höchstens zehn Mitwirkenden »"bestens bewährt«.
In Anbetracht solcher Proportionen ist die Erfolgsmeldung zu verstehen, die das Staatliche Volkskunstensemble der »DDR« erstattete: »Beim Sozialistischen Volkskunstaufgebot zu Ehren des V. Parteitages gab es eine starke Beteiligung. Mehr als 100 000 Volkskunstschaffende unserer Republik-verpflichteten sich zu 800 000 Arbeitsstunden ... Ihre Leistungen ergaben einen Wert von zwei Millionen Mark.«
In diesem berauschenden Erfolg ist die Leistung der Schulkinder nicht enthalten, die schon frühzeitig zu Agit-Prop-Amateuren dressiert werden. Zu ihnen gehören die Kinder der Klasse 7 c der Schweriner Heinrich-Heine-Schule, die »durchaus verstanden haben, was uns im sozialistischen Aufbau noch hemmt und wie man es überwinden kann«.
Die »Tribüne«, das Organ des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes, ließ sich von der kindlich-heiteren Art berichten, in der die Schweriner Schüler sich der aktuellen politischen Ereignisse annehmen: »Gerade die Skeptiker (klatschten) am lautesten Beifall, als die fünfzehn Mädchen und Jungen frisch, unbekümmert und sehr sicher sangen:
Tipitipitip, Herr Bundeskanzler,
wann gehen Sie denn endlich 'raus
mit Ihrem Liebling Strauß?
Agit-Prop-Veranstaltung in Dresden: »Und die Kühe sind zufrieden«