Hausmitteilung Titel
Datum: 2. Mai 1983 Betr.: Titel
Am Dienstag bot ein Mann namens Weber dem SPIEGEL-Redakteur Heinz Höhne telephonisch acht Hitler-Tagebücher zur Einsichtnahme und Auswertung an - »aus Familienbesitz«, honorarfrei. Der Anrufer, »Mediziner«, wollte mit den Dokumenten, deren Inhalt mit dem Inhalt der vom »Stern« erworbenen Hitler-Tagebücher übereinstimme, am Freitag von Frankfurt nach Hamburg kommen, Ankunft 9.50 Uhr Flughafen Fuhlsbüttel.
Weber kam nicht. Sein Angebot blieb ein Kuriosum unter mehreren ähnlicher Art, die den SPIEGEL letzte Woche erreichten, nicht untypisch für die Wirkungen, die Hitler-Neuigkeiten und Hitler-Enten auszulösen pflegen. Redakteur Höhne, Autor des SPIEGEL-Titels dieser Woche über »Fund oder Fälschung« der »Stern«-Hitleriana, kam auch ohne Webers Zutun zu bemerkenswerten Ergebnissen ("Hitler-Tagebücher: 'Ha, ha, dass ich nicht lache'«, Seite 17).
Höhne, 56, ist als Experte für Hitler und die Geschichte des Dritten Reiches vielfach ausgewiesen. Sein zuerst als SPIEGEL-Serie erschienenes Buch »Der Orden unter dem Totenkopf« gilt als Standardwerk über die SS. Er schrieb eine Canaris-Biographie und, in diesem Jahr, die SPIEGEL-Serie über »Deutschlands Weg in die Diktatur« (auch als SPIEGEL-BUCH »Die Machtergreifung").
Der verderberische Hitler, der fast vier Jahrzehnte nach seinem Tod und der von ihm angerichteten Weltkatastrophe die Welt immer noch heimsucht, ist zum zehntenmal SPIEGEL-Titelfigur. Beim erstenmal, Januar 1964, ging es um die vom Historiker Percy Ernst Schramm herausgegebenen und kommentierten »Tischgespräche« Hitlers. Dazu Rudolf Augstein damals: »Aus Diskussionen mit Studenten glaube ich zu wissen, dass der 'wildgewordene Anstreicher' bei den Jüngeren nicht mehr verfängt ... Schramm stellt uns einen Hitler vor, von dem die Jüngeren für möglich halten, dass es ihn gegeben hat.«
1967 konnte der SPIEGEL nach neuen Forschungen über »Die Abstammung Hitlers« aufklären, 1973 Werner Masers Untersuchung über einen neu entdeckten Hitler-»Aufriss über meine Person« veröffentlichen. 1977 war ein Titel über das besorgniserregende »Geschichtsbild unserer Kinder« fällig: »Hitler, wie er nicht war.« Schon 1966 druckte der SPIEGEL Hitlers letzte »Lagebesprechungen« im Berliner Führerbunker vom April 1945. Die Dokumente stammten aus Privatbesitz - ein Fund, keine Fälschung.