Hausmitteilung Titel / Türkei / Lindgren
Deutschland erfindet sich neu in diesen Tagen, zum dritten Mal nach Mauerfall und Fußball-Sommermärchen. Wieder geht es darum, nicht mehr so ängstlich, so verbissen und pessimistisch zu sein, stattdessen soll es nun, da immer mehr Flüchtlinge nach Deutschland kommen, menschlicher zugehen, und am besten soll diese Tugend auch noch ansteckend sein, nicht nur in Deutschland, auch im Rest Europas. Selbst Angela Merkel, sonst kühl und abwägend, scheint darauf zu hoffen, und das kann, je nach Standpunkt, Anlass zu Freude oder Verzweiflung sein. Prägende Tage für Deutschland sind es ohne Zweifel, und deshalb beschreibt ein Team von Spiegel-Redakteuren im Hauptstück des Titelkomplexes, wie es zu der überraschenden Wandlung von Merkels Politikstil kam, was sie für Deutschland, für Europa bedeutet. Ebenfalls im Heft: ein SPIEGEL-Gespräch mit Innenminister Thomas de Maizière, er erklärt, warum das deutsche Grundrecht auf Asyl ergänzt werden sollte; und, als Kontrapunkt zur Analyse, eine Liebeserklärung – Cordt Schnibben beschreibt, warum er die Gutmenschen so mag. zum Artikel
Noch vor Kurzem gab es positive Nachrichten aus der Türkei. Das Land galt als demokratische Hoffnung der islamischen Welt, geführt von einem Premierminister, der das Land entschlossen Richtung Europa führte. Der Premier ist heute Präsident, Recep Tayyip Erdoğan, und das Land hat sich unter seiner Herrschaft radikal verwandelt. Sechs Wochen vor den Neuwahlen bahnt sich im Südosten ein Bürgerkrieg an, landesweit mehren sich Anschläge. Hasnain Kazim und Samiha Shafy haben die neue, zerrissene Türkei bereist, Maximilian Popp den Irak, um mit Feinden und Anhängern Erdoğans, mit Oppositionellen zu sprechen. Die Umstände der Recherche waren, wie zu erwarten, nicht günstig. Shafy hatte in Çaykara plötzlich zwei Polizisten als ungebetene Begleiter, Popp wartete im umkämpften Nordirak stundenlang in einem »Safe House« auf einen Anführer und Mitbegründer der PKK, und Kazim recherchierte im Südosten der Türkei, in Diyarbakır, wo kaum ein Tag ohne Anschläge vergeht. Seine Gesprächspartner wussten seine Anwesenheit zu schätzen: »Sie waren froh, dass überhaupt noch jemand unabhängig berichtet, sie sagen, die türkischen Journalisten seien so verängstigt, dass sie sich kaum noch trauten, Kritisches zu schreiben.« zum Artikel
Als Claudia Voigt auf die schwedische Insel Furusund reiste, war sie darauf vorbereitet, am Ende des Tages ernüchtert, vielleicht sogar enttäuscht zu sein. Sie hatte die Gelegenheit, die Frau kennenzulernen, für die »Pippi Langstrumpf« geschrieben worden war. Astrid Lindgrens Tochter Karin Nyman erwartete sie im Ferienhaus der Familie, um über ihre berühmte Mutter und deren Kriegstagebücher zu sprechen, die nun auf Deutsch veröffentlicht werden. Voigt kam es vor, als stattete sie ihrer eigenen Kindheit einen Besuch ab. Einen Tag verbrachte sie in Gesellschaft von Nyman, sprach ausgiebig mit ihr, besichtigte das Ferienhaus und lag mit dem Kopf unter der Holzbank auf dem Balkon, um zu lesen, was die Kinderbuchautorin dort vor über 50 Jahren notiert hatte. Als Voigt zurück aufs Festland fuhr, musste sie zugeben, dass die Lindgren-Welt auch in der Realität beneidenswert idyllisch wirkt. zum Artikel