Hausmitteilung Titel
Datum: 8. Juni 1981 Betr.: Titel, Hess
Der Journalist sei »der papierne Sklave des Tages«, »der Diener des Augenblicks«, schrieb Friedrich Nietzsche. Das war damals, 1871, als Anklage gemeint. Doch ein Vierteljahr vor seinem Zusammenbruch, 1889, wollte auch er nur »Augenblicke, die ich göttliche Eidechsen nenne, ein wenig« festmachen. Mehr versucht der Journalist nicht. Zarathustra: »Und sind nicht solchermassen fast alle Dinge verknotet, dass dieser Augenblick alle kommenden Dinge nach sich zieht?«
Nietzsche, »Der Prophet des 20. Jahrhunderts«, der gerade jetzt wieder so faszinierend wirkt, weil er sich als Mischung aus Anarchismus, Prophetentum und Ästhetik darstellt, der »ein Nietzsche für Grüne und Alternative« ist, muss ein Thema für Journalisten sein. Auch wenn er, ein »neuer Sokrates« (der Dominikaner Yves Le Gal), von den Journalisten, der Journalistik und den Journalen nicht viel hielt: »Seht mir doch diese Überflüssigen! Krank sind sie immer, sie erbrechen ihre Galle und nennen es Zeitung« (Zarathustra).
»Im Journal kulminiert die eigentümliche Bildungsabsicht der Gegenwart: wie ebenso der Journalist, der Diener des Augenblicks, an die Stelle des grossen Genius, des Führers für alle Zeiten, des Erlösers vom Augenblick, getreten ist« ("Über die Zukunft unserer Bildungsanstalten").
»Die allgemeine Vergröberung des europäischen Geistes, ein gewisses täppisches Geradezu, welches sich gern als Geradheit, Redlichkeit oder Wissenschaftlichkeit rühmen hört: das ist die Wirkung des demokratischen Zeitgeistes und seiner feuchten Luft: noch bestimmter - es ist die Wirkung des Zeitunglesens« (Aus dem Nachlass).
»Es sind nicht die Schlechtesten und die Geringsten, die wir dann als Journalisten und Zeitungsschreiber in der Metamorphose der Verzweiflung wiederfinden« ("Über die Zukunft unserer Bildungsanstalten").
Vor 23 Jahren hat der SPIEGEL seinen ersten Nietzsche-Titel veröffentlicht (5/1958), in dem er über die Manipulationen der Nietzsche-Schwester Elisabeth Förster berichtet hat. Ein Leser schrieb damals: »Der Nietzsche-Artikel ist das beste Wesentliche, was der SPIEGEL seit langem gebracht hat.«