Hausmitteilung Titel
Datum: 6. April 1987 Betr.: Titel
SPIEGEL-Reporter Hans-Joachim Noack, 46, hat »eine ganze Menge Verständnis« für Menschen, die sich ihren übermächtigen Wunsch nach einem Kind notgedrungen auf dem Umweg über die Retorte erfüllen lassen. Vor sieben Wochen ist er selber erstmals Vater geworden - »endlich«, so sagt er, aber »in vivo«.
Noack hat die Praxis und Problematik der Befruchtung »in vitro« (vitrum, lat. = das Glas) in der Bundesrepublik erkundet. Er sprach mit Befürwortern und Kritikern dieser modernen Biotechnik. In der Kieler Universitätsklinik für Frauenheilkunde konnte er jetzt den Vollzug einer »In-vitro-Fertilisation, einer Retortenzeugung, mit anschließendem »Embryo-Transfer« beobachten. Er sah es mit gemischten Gefühlen: Respekt und Erschrecken vor der Prozedur, die von den Medizinern und einer medizinisch-technischen Assistentin »mit cooler Routine« ausgeführt wurde.
Noacks Reportage (Seite 258) ist Teil des SPIEGEL-Titels dieser Woche, der über den dramatischen Prozeß um das amerikanische Leihmutter-Baby »M.« berichtet und über die neuesten Entwicklungen im Problemkreis Leihmütter, Samenspender und Retortenkinder informiert.
Es ist der dritte Titel zum Thema, bei dem unweigerlich ein Echo aus der negativen Utopie von der »Schönen neuen Welt« nachhallt. »Fortschritt oder Frevel?« fragte 1978 der SPIEGEL-Titel zur Geburt des ersten Retortenbabys (in England). Die Frage galt auch noch beim Titel über »Die Babymacher« 1986: »Sind Babymacher und Gentechniker unterwegs in Aldous Huxleys schöne neue Welt der Menschenzüchtung?« Und sie gilt weiterhin: »Babys nach Maß« - ein maßloser Fortschritt? (Siehe Titel Seite 250.)