Hausmitteilung Titel / Nanny-Staat / Billigmedizin / Serie
Kullmann
Foto: Friedel Ammann / Der SpiegelFür ihre Kinder wollen Eltern nur das Beste. Aber wie viel vom Besten ist gut für das Kind? Für den SPIEGEL-Titel sprach Redakteurin Kerstin Kullmann, selbst Mutter zweier Söhne, mit Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbands, der schilderte, wie sich Eltern zu den Bodyguards ihres Nachwuchses entwickeln und sich in jeden kleinen Streit unter Schülern einmischen. »Sie verhindern damit das eigenverantwortliche Handeln ihrer Kinder. Sie ziehen eine unmündige Generation heran«, sagt Kraus. Froh war Kullmann über einen einfachen Rat des Pädagogen: »Gute Erziehung bedeutet: leichte Hilfestellung bei größtmöglicher Zurückhaltung« (zum Artikel ).
Normalerweise hält sich SPIEGEL-Redakteur Alexander Neubacher an die Gesetze - doch was tun, wenn keine Regeln existieren? Auf der Hauptstraße im niedersächsischen Bohmte gibt es weder Ampeln noch Schilder. Auch Bürgersteige und Zebrastreifen sind abgeschafft. Die Bewohner glauben, dass sich die Autofahrer dann rücksichtsvoller verhalten. Bohmtes Vizebürgermeisterin empfahl Neubacher sogar, mit geschlossenen Augen im dichten Verkehr über die Straße zu gehen, ihm werde nichts passieren. Das Experiment gelang; Neubachers Recherchen über den »Nanny-Staat«, über das Für und Wider von Verboten in einer Gesellschaft, die sich mit immer neuen Regeln das Leben schwermacht, blieben unfallfrei (zum Artikel ).
Das Erste, was SPIEGEL-Reporter Guido Mingels auf dem Gelände der indischen Herzklinik Narayana in Bangalore begegnete, war eine schmutzige Kuh. Das Tier war offensichtlich darum bemüht, indische Klischees zu erfüllen. Im Krankenhaus selbst allerdings herrschten makellose hygienische Verhältnisse. Der Chirurg Devi Shetty, Gründer der Klinik und oft als »Henry Ford der Herzchirurgie« bezeichnet, wendet die Prinzipien der Massenproduktion im Gesundheitswesen an und verschafft so Zehntausenden armen Indern Zugang zu Spitzenmedizin. Während Mingels Shetty im Operationssaal bei einem Eingriff am offenen Herzen beobachtete, ging ihm eine Frage durch den Kopf: »Würde ich mich hier operieren lassen?« Seine Antwort nach einer Woche in Bangalore: »Unbedingt« (zum Artikel ).
Was ist heute sozialdemokratisch? Als Redakteur Stefan Willeke für die SPIEGEL-Wahlserie im Ruhrgebiet nach Antworten auf diese Frage suchte, war es auch eine Reise in seine Kindheit. Er wuchs in Bochum auf, einer traditionell roten Stadt. Im Rathaus regierten Sozialdemokraten, so war es bei Willekes Geburt im Jahr 1964, so war es, als er 1984 Abitur machte. Die Partei des damaligen Ministerpräsidenten Johannes Rau empfand er als Heilsbringerin und verfilzte Clique zugleich. In zuvor ungekanntem Maße bot die Partei Arbeiterkindern Chancen zu sozialem Aufstieg, benahm sich aber gleichzeitig wie eine herrschende Klasse, die ihre Genossen überall mit lukrativen Posten versorgte. Für Willeke war das ein prägendes Erlebnis. »Bis heute«, sagt er, »beobachte ich die SPD mit großem Interesse, habe sie aber noch nie gewählt« (zum Artikel ).