Hausmitteilung Titel
Datum: 26. Dezember 1988 Betr.: Titel
Vor vierzehneinhalb Jahren platzte der größte und sensationellste Ost-West-Spionagekrimi, der die Bundesrepublik in ihrer jetzt nahezu vierzigjährigen Geschichte erschütterte. Im Sommer 1973 verbrachte Kanzler Willy Brandt seinen vierwöchigen Urlaub in dem norwegischen Sommerhaus seiner Frau Rut bei Hamar. Mit ihm reisten einer seiner engsten Vertrauten, der Kanzlerreferent Günter Guillaume, samt Ehefrau Christel, obwohl beide schon damals der Ost-Spionage verdächtig waren. Seinem wahren Auftraggeber, dem DDR-Ministerium für Staatssicherheit (MfS), lieferte das Agenten-Duo Guillaume aus Norwegen Kopien der Kanzlerakten einschließlich geheimster Nato-Unterlagen.
Ein Dreivierteljahr später, am 6. Mai 1974, stürzte Brandt wegen der Affäre Guillaume. Die Eheleute kamen 1975 nach einem abenteuerlichen Indizienprozeß (beide blieben vor Gericht verschlossen wie Austern) für sechs Jahre hinter Gitter, ehe sie von Ost-Berlin ausgelöst wurden. Jetzt erst kommt Licht in den Spionage-Thriller von damals.
Dem SPIEGEL wurde ein Exemplar jener Guillaume-Erinnerungen zugespielt, deren Niederschrift der deutsch-deutsche Spion schon vor zwei Jahren abgeschlossen hatte, die seither vom MfS unter Verschluß gehalten wurden und auf die seine bundesdeutschen Häscher, an der Spitze der damalige Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Günther Nollau, mit Spannung warten - auch wenn sie kaum damit rechnen können, daß Guillaume seine Führungsoffiziere und Zwischenträger verrät.
Dementis aus dem Osten, mißtrauische Bestätigungen seitens der Spionenjäger im Westen sind voraussehbar. Ebenso aber ist die Authentizität der Aufzeichnungen unzweifelhaft, die propagandistischen Verbrämungen der Ghostwriter im MfS sind unschwer auszumachen. Darum dokumentiert der SPIEGEL die Erinnerungen des Günter Guillaume (Seiten 14, 22).