Tod eines Dieners - DER SPIEGEL
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STRAFVOLLZUG Tod eines Dieners

Weil die Behörden sämtliche Alarmsignale missachteten, wurde in einer Thüringer Haftanstalt ein 16-jähriger Gefangener zu Tode gequält.
• aus DER SPIEGEL 36/2002
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Die Sporttasche war schnell gepackt. Ein paar Kleidungsstücke, die Zahnbürste, seine geliebten Asterix-Hefte. Dann hetzte Roland Bergmann, 16, mit seiner Mutter Ingrid, 42, zum Bahnhof im thüringischen Sondershausen. Bis 15 Uhr musste sich der Junge in der Jugendstrafanstalt Ichtershausen melden: sechs Monate Haft wegen Diebstahls. Der Strafvollzug sollte Bergmann auf den rechten Weg führen.

Die Nachricht vom Ende des Erziehungsprojekts überbrachte der Anstaltspfarrer fünf Wochen später, im Oktober 2001. An der Haustür schilderte er der Mutter knapp den tragischen Ausgang: Ihr Roland habe sich in der Zelle umgebracht.

Die Wahrheit brauchte, bis sie ans Licht kam, noch vier Tage länger: Zellengenossen sollen den Jungen zu Tode gequält haben. Seit vergangenem Donnerstag müssen sich drei Angeklagte vor dem Landgericht Erfurt verantworten. Zweien wirft die Staatsanwaltschaft Mord vor, dem dritten unterlassene Hilfeleistung.

Der Prozess wird eine Folter auch für die Landesregierung, denn der Tod des Jugendlichen ist nur der tragische Höhepunkt einer ganzen Serie von Gewalttätigkeiten in der veralteten und lange Zeit chronisch überbelegten Anstalt Ichtershausen. Anwälte, Richter, Justizbedienstete und Abgeordnete hatten immer wieder über unhaltbare Zustände in dem Jugendknast geklagt, doch die Landesregierung unternahm so gut wie nichts.

Warnsignale gab es reichlich. So drehte der Dokumentarfilmer Rolf Teigler im Frühjahr 2000 in der Haftanstalt den Streifen »Outlaws«. Er weiß von brutalen Kämpfen um die besten Plätze in der Hackordnung: »Unterdrückung heißt, andere zu bestehlen, sie wie Diener, wenn nicht gar wie Sklaven zu halten« - so sei das Leben in Ichtershausen. Die Diener, so Teigler, müssten nachts aufstehen und das Klo putzen. Sie müssten mit Besenstielen im Po nackt auf Stühlen tanzen und singen.

Auch Bergmann hatte zu spuren, wenn seine Zellengenossen nach dem »Diener«, dem »Neger« oder der »Ritze« riefen - denn mit alldem war er gemeint. Die Anstaltsleitung des überfüllten Knastes war dagegen ohnmächtig, und das hätte auch das zuständige Justizministerium wissen können.

Zwei Monate vor Bergmanns Tod verhandelte das Landgericht Erfurt einen versuchten Mord in Ichtershausen. Im Haftraum 218 sollte ein Jugendlicher Wäsche eines Mithäftlings zusammenlegen. Bald setzte es Faustschläge, damit machte der Zellenboss Druck.

Eines Nachts legte der Peiniger seinem »Diener« einen Gürtel um den Hals und zog zu, bis der Riemen riss. Mit einem Handtuch ging das Würgen weiter. Erst in letzter Minute griff ein Mitgefangener ein.

Auch brutale Sexualdelikte sind in der Anstalt keine Seltenheit. Das Gothaer Amtsgericht verhandelte im Mai gegen Gefangene, die einen Jugendlichen nachts fünf Stunden lang vergewaltigt, zum Oralsex gezwungen und mit Fäusten geschlagen hatten. Das Opfer schnitt sich schließlich in größter Not die Pulsader auf, wurde aber von Wachen noch rechtzeitig ins Krankenhaus geschafft.

Schon während der Ausbildung im Knast war der kräftige Volleyballer Bergmann von seinen Mitgefangenen attackiert worden; die Anstalt verlegte ihn in einen besonders geschützten Bereich. Dort, sagte das Ministerium, sei die »Betreuungsdichte stärker«. Offenbar nicht stark genug, denn dann kam der 14. Oktober. In Zelle 224 wurde zuvor der Geburtstag eines Häftlings gefeiert, Bergmann hatte wohl die Rolle des Dieners zu übernehmen.

Aber schon bald gerieten seine Peiniger laut Anklage völlig außer Kontrolle: Bergmann musste sich, so die Erkenntnisse der Staatsanwaltschaft, auf einen Stuhl setzen, sie fesselten ihn mit Strümpfen und Streifen, knebelten ihn mit einem Strumpf, einem Schnürsenkel und einem Handtuch. Dann wurde er nach Überzeugung der Ermittler von den beiden wegen Mordes angeklagten Zellengenossen mit einem Stoffstreifen aus einem Bettlaken erdrosselt.

Der Todeskampf, sagt der Anwalt der Familie Bergmann, habe 35 Minuten gedauert. Am nächsten Morgen attestierte eine Allgemeinmedizinerin als Todesursache Selbstmord - die Häftlinge hatten behauptet, Bergmann von der Lampe im Toilettenraum abgeschnitten zu haben, an der er sich aufgehängt habe. Erst die Obduktion führte zum Mordverdacht.

Für die SPD-Landtagsabgeordnete Petra Heß, Vorsitzende des Anstaltsbeirates in Ichtershausen, trägt Justizminister Andreas Birkmann (CDU) die politische Verantwortung. Erst nach dem Gewaltverbrechen ließ Birkmann 40 Häftlinge in andere Anstalten verlegen. Nun sind in Ichtershausen höchstens noch zwei Gefangene in einer Zelle, damit können die Schließer sie besser unter Kontrolle halten.

»Das Problem wurde einfach in die Jugendarrestanstalt Weimar verlegt«, sagt der Jenaer Rechtsanwalt Andreas Wiese resigniert. Auch Jugendrichter Holger Pröbstel - der nun den Fall Bergmann am Erfurter Landgericht verhandelt - hegt Zweifel, ob der Justizminister aus dem Tod eines 16-Jährigen im Knast tatsächlich gelernt hat. Auf Pröbstels Kritik an den Zuständen in Ichtershausen reagierte das Ministerium immerhin: Die Beamten tadelten den Richter schriftlich, weil er sich öffentlich geäußert hatte. STEFFEN WINTER

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