Tod im Päckchen - DER SPIEGEL
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Tod im Päckchen

Fälscher und Spinner nutzen das Internet, um Legenden und Lügen zu verbreiten.
• aus DER SPIEGEL 37/2003
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Terroristen von morgen kommen nicht mit dem Flugzeug. Sie werden im Lieferwagen vorfahren und braune Uniformen tragen. Darauf steht »UPS«, das ist das Kürzel des »United Parcel Service«, eines eigentlich harmlosen Paketdienstes.

Die freundlichen UPS-Boten erhalten natürlich überall Einlass: in Firmen, Behörden, Wohnungen. Niemand macht sich Sorgen, wenn der UPS-Mann irgendwo ein großes Paket abstellt. Allerdings wird im Internet die Warnung verbreitet, dass kürzlich ominöse Bieter in großem Stil bei EBay UPS-Uniformen ersteigert hätten, und zwar im Laufe eines Monats für insgesamt 32 000 Dollar. Also Vorsicht, wenn der Paketmann klingelt: In der Uniform könnte ein Terrorist stecken und in seinem Päckchen der Tod.

Seit Februar dieses Jahres läuft die Warnung durchs Internet - der Alarmruf hat nur einen Haken: Er ist falsch. Von UPS geht keine Gefahr aus. Längst hat die Firma klargestellt, dass ihre Uniformen nicht verkäuflich sind, tatsächlich muss jeder Mitarbeiter seine Uniform zurückgeben, wenn er den Job quittiert. Und laut EBay hat es zu keinem Zeitpunkt Massenaufkäufe von UPS-Uniformen gegeben.

Die ganze Sache ist ein »Hoax«, auf Deutsch heißt das Schwindel. Internet-Experten bezeichnen gezielte Falschmeldungen als Hoax; dazu zählen etwa Warnungen vor Viren, die es gar nicht gibt, die Ankündigung von Terror, Mitleid erregende Kettenbriefe oder angeblich echte Fotos, die eine abstruse Verschwörungstheorie untermauern sollen.

Mal wird vor Energiedrinks gewarnt, die angeblich Hirntumoren verursachen, oder es werden Geschichten erzählt nach dem Muster der berühmten Spinne in der Yuccapalme: »Einem Freund meines Freundes ist es passiert.«

Kein Medium eignet sich so gut dafür, Falsches als wahr zu verkaufen, wie das Internet. Nirgendwo können Irre und Scherzbolde mit weniger Aufwand eine größere Wirkung erzielen. Hoaxes verbreiten sich meist per E-Mail, viel Murks wird auf diese Weise zum Mythos befördert. In der Rauchwolke des getroffenen World Trade Center (WTC) soll man etwa die Fratze des Leibhaftigen erkennen können - und tatsächlich kursieren entsprechende Fotos. Allerdings ist es am PC auch besonders einfach, ein Teufelsgesicht in den Qualm einzuarbeiten.

Auf den ersten Blick echter wirkte ein anderes Foto, das kurz nach dem 11. September 2001 im Netz kursierte. Es zeigt einen Mann mit Mütze und Rucksack, der auf dem Aussichtsdeck des WTC steht, unbedarft in die Kamera schaut, während hinter ihm ein American-Airlines-Jet auf den Turm zurast.

Angeblich wurde die Kamera später in den Trümmern gefunden, und wer auch immer den Film entwickeln ließ - plötzlich hatte er ein Zeitdokument von sensationeller Dramatik in den Händen: ein Wimpernschlag noch, und die Katastrophe würde beginnen.

Schöne Geschichte - aber sie stimmt nicht. Zum Zeitpunkt des Anschlags war die Besucherplattform noch nicht geöffnet, so kann dort oben auch niemand ein Erinnerungsfoto geschossen haben. Außerdem ist das Flugzeug auf dem Foto eine Boeing 757, Flug 11 der American Airlines aber war eine 767.

»Tourist Guy« wurde der Unbekannte genannt, die als Hommage an ihn eingerichtete Internet-Seite heißt »touristofdeath.com«. Spaßvögel montierten sein Foto inzwischen auf Dokumente aller möglichen Katastrophen: Tourist Guy blickt etwa treudoof in die Kamera, während hinter ihm die »Titanic« versinkt oder die Raumfähre »Challenger« explodiert.

Bald nach den Anschlägen outete sich ein junger Ungar, der in den USA lebt, als Schöpfer des makaberen Original-Scherzes. Er habe das gefälschte WTC-Foto nur an wenige Freunde gemailt und nicht geahnt, wie rasend schnell es sich verbreiten würde.

Normalerweise können die Verfasser eines Hoax das besser einschätzen: Vor allem gefälschte Virenwarnungen verbreiten sich gewaltig. Aber auch offensichtlich Absurdes wird geglaubt und - wenn es sein muss - bekämpft.

Seit Jahren zum Beispiel gibt es die Internet-Seite »bonsaikitten.com«. Dort, so heißt es, könne man sich Bonsai-Kätzchen bestellen, die in Flaschen oder Glaskästen gepfercht wurden, um sie in die gewünschte Form zu bringen und am Wachsen zu hindern.

Bei Bonsaikitten handelt es sich aber um einen Studentenklamauk. Selbst das FBI hat bis heute keine gequälten Kätzchen finden können. Dennoch kursieren immer wieder neue, ernst gemeinte Unterschriftenlisten, Massenprotestmailings und Boykottaufrufe. Die Profi-Tierschützer von Pet-Abuse.Com, einer amerikanischen Organisation, bitten auf ihrer Website schon voller Verzweiflung: »Schickt uns keine E-Mails. Regt euch nicht auf. Bonsaikitten ist ein Scherz.«

ANSBERT KNEIP

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