Tod oder Glas - DER SPIEGEL
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SICHERHEITS-TAXI Tod oder Glas

• aus DER SPIEGEL 42/1964
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Hände des Würgers umkrallten den Hals des Fahrers. Blitzschnell löste der Frankfurter Taxifahrer Martin Hölzer den Riegel seines Vordersitzes und rammte das Sitzmöbel gegen den Angreifer. Der Räuber verlor das Gleichgewicht und ließ sein Opfer los. Hölzer sprang aus dem Wagen, riß die Fondtür auf und drosch auf seinen Fahrgast ein. Dann schleifte er ihn auf die Straße, kletterte wieder in seine Droschke, zerrte den Arm des Täters zum Vorderfenster herein, kurbelte die Scheibe hoch und gab Gas. Im Laufschritt hechelte der verhinderte Taximörder zur nächsten Revierwache.

Mit diesem unfreiwilligen Nachteinsatz vermied es Martin Hölzer am 6. Januar 1961, als 35. Opfer in die vom Bundeskriminalamt penibel geführte Liste der Taximorde aufgenommen zu werden.

Inzwischen ist Fahrer Hölzer zum Bundesgeschäftsführer des »Zentralverbandes der Taxifahrer Deutschlands e.V.« avanciert und die Mordziffer - nach dem letzten Überfall auf den Bonner Taxifahrer Karl-Heinz Koch auf 50 angestiegen. Die von den Taxifahrern verbreitete Behauptung, seit dem Krieg seien 182 Fahrer umgebracht worden, hält der Kriminalstatistik nicht stand.

Während Taxigewerbe und die Mehrheit der gut katholischen Bundestagsabgeordneten Henkersbeil und Schafott beschwören, kehren immer noch Nacht für Nacht 18 000 westdeutsche Taxifahrer ihren Fahrgästen voller Arg den ungeschützten Rücken zu.

Dabei hatte Bundesverkehrsminister Hans-Christoph Seebohm bereits am 7. Juli 1960 - ein halbes Jahr vor Hölzers nächtlichem Abenteuer - mit der bindenden Vorschrift, Kraftdroschken seien mit vier Türen auszurüsten, die gesetzliche Voraussetzung für den freiwilligen Einbau kugelsicherer Trennwände geschaffen. Überdies hatte die Daimler-Benz AG ein Jahr später, auf der Frankfurter Automobil Ausstellung 1961, zum erstenmal einen Mercedes 190 D

als Sicherheitstaxi mit kugelsicherer

Trennwand zum Mehrpreis von 1200 Mark angeboten.

Die Taxi-Unternehmer aber blieben bei den ungeschützten Wagen und der stereotypen Forderung: Tod den Mördern! »Trauerflore sind billiger als Trennwände«, verkündete die Kölner Gewerkschaft Taxifahrer e.V.

Taxi-Obmann Hölzer - in seinem Verband sind überwiegend Lohnfahrer organisiert - deutet die Gründe für den Verzicht auf Sicherheit so: »Die Taxifahrer sind das zersplittertste und vergammeltste Gewerbe. Wo keine gesetzliche Pflicht besteht, da machen die Brüder nicht mit.«

Zwei Tage nach dem Mord an dem Bonner Droschken-Chauffeur Karl -Heinz Koch jagte Hölzers Fahrerverband ein »Protesttelegramm« an den Deutschen Bundestag. Er forderte »gesetzliche Verankerung der Einbaupflicht geeigneter Sicherheitsvorkehrungen«.

An Vorschlägen für solche Sicherheitsvorkehrungen mangelt es den Taxiverbänden nicht. Die meisten freilich sind unbrauchbar. So ließ sich ein Erfinder von der Arbeitsgemeinschaft Personenverkehr eigens einen patentrechtlichen Geheimhaltungsrevers für die schriftliche Anregung unterschreiben, Westdeutschlands Droschkenfahrer sollten auf allen ihren Wegen eine Tüte Pfeffer in Reserve halten.

Bei Hölzers Zentralverband ging der Vorschlag einer Photographin ein, die Taxifahrzeuge mit einer Blitzlichtkamera auszurüsten, die Taximörder im Bild festhält. Desgleichen wurde empfohlen, Tresore an Ausfallstraßen aufzustellen, in denen die Fahrer ihre Tageskasse deponieren können, ferner, die Droschkenmänner mit Leuchtkugel -Raketen oder einem batteriegespeisten Starkstrom-Stab »Elektro-Blitz« auszustatten, um gewalttätige Fahrgäste zu schocken (Hölzer: »Bestenfalls zum Viehtreiben geeignet").

Auch der Vorschlag, Taxis mit einer Anlage zu versehen, die bei Gefahr gleichzeitig Hupe und Blinklicht in Betrieb setzt und die Funkzentrale verständigt, erweist sich bei näherem Zusehen als problematisch: Bei Überfällen in unbelebten Vororten und auf entlegenen Landstraßen vermögen die kombinierten Hup-, Licht- und Funksignale nichts zu bewirken.

Als einzig brauchbarer Schutz blieb in der Tat nur jene Trennwand mit Sicherheitsscheibe und Zahlteller übrig, die von der Daimler-Benz AG (siehe Martin Morlock, Seite 155) und außerdem von dem Frankfurter Karosseriebauwerk Berger mit einer Scheibe der Deutschen Tafelglas AG (Kosten: 500 Mark) konstruiert worden ist.

Die Trennwand zwischen Fahrer und Fahrgast bietet hinreichend Sicherheit vor Würgegriff, Stich und Pistolenschuß. Tatsächlich wurden die meisten Überfälle innerhalb der Fahrzeuge verübt. Hölzer: »Außerhalb des Wagens kann man sich ja wehren.«

Von 56 Raubüberfällen während der letzten sieben Jahre in Baden-Württemberg wurden allein 51 innerhalb der Taxis verübt, in Bayern waren es seit Anfang 1963 acht von elf. In Nordrhein -Westfalen wurden seit 1959 von 73 überfallenen Taxifahrern allein 32 während der Fahrt bedrängt. Hierin nicht enthalten ist die Zahl der Überfälle, die in stehenden Taxis verübt wurden. Offenbar aber bewerten die weitaus meisten Droschkenfahrer ihre persönliche Sicherheit geringer als die Annehmlichkeit, beim privaten Familienausflug am Sonntag ein normales Auto zu lenken. Auch die Aussicht, beim Verkauf der Trennwand-Taxis Verluste hinnehmen zu müssen, wiegt offenbar schwerer als die Abwendung von Leibesgefahr.

Selbst von überzeugenden Beispielen im Ausland hat sich das eigensinnige Droschkengewerbe nicht überzeugen lassen. So kutschieren Englands Taxis schon seit eh und je mit glasverkleidetem Führerhaus durch Londons City, obwohl Isolierkabinen gesetzlich nicht vorgeschrieben sind. Auch in Deutschland waren vor dem Kriege Trennscheiben durchaus üblich.

Schweden hat in einer königlichen Verordnung vom 16. Mai 1958 die Zwischenwand aus splitterfreiem Glas sogar dekretiert. In den ersten beiden Jahren nach Einführung der Trennwand allerdings schlugen sich rund 200 Fahrgäste beim Bremsen oder bei Auffahrunfällen an der schwedischen Glasgardine die Köpfe blutig.

In der latenten Bedrohung der Mitfahrer-Köpfe sieht Taxameter-Führer Hölzer das größte Hindernis für die obligatorische Trennscheibe. Auch der Mercedes 190 biete im Fond nicht genügend Sicherheitsabstand zur Panzerscheibe: »Es gibt auf dem deutschen Markt außer dem Kombiwagen des großen Citroen noch kein Fahrzeug, in das die Trennscheibe wirklich paßt.«

Daher müsse die Automobilindustrie zunächst eine große einheitliche Taxikarosse konstruieren, die auf zwei oder drei handelsübliche Chassis passe. So »auf Raum getrimmt« wie ehemals der »Adler Standard«, biete die deutsche Kraftdroschke der Zukunft genügend Platz für Fahrer, Trennscheibe und Fahrgast.

Für die Mehrkosten (schätzungsweise 5000 Mark pro Fahrzeug) soll freilich der Staat aufkommen. Hölzer: »Die Taxi-Unternehmer können dafür keine Mark aufwenden.«

Sein Zentralverband fordert daher von Bonn

- eine einmalige Subvention für die Erstausstattung der Sicherheitstaxis von 5000 Mark je Fahrzeug (zusammen 90 Millionen Mark) und

- den laufenden Erlaß der Kfz-, Mineralöl- und Versicherungsteuer als

Ausgleich für den Verlust beim Wiederverkauf der Fahrzeuge (jährlich fünf Millionen Mark).

Die Daimler-Benz AG hatte ihren Prototyp einst nicht nur mit Trennwand, Sicherheitsscheibe und Zahlteller, sondern auch noch mit einer automatischen Verriegelung der Fondtüren ausgestattet.

Mit diesem Sicherheitskomfort kann der Fahrer seine Droschke notfalls jederzeit in einen privaten Gefängniswagen verwandeln.

Taxifahrer-Funktionär Hölzer

Subventionen gegen Hieb und Stich

Mercedes-Sicherheitstaxi: Trauerflore sind billiger

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