REALITY-TV Tod und Spiele
Weltweit erfolgreiche Fernsehunterhaltung hat ein Gesicht: Es sieht chronisch müde aus und gehört John de Mol, 45. Der Chef der niederländischen TV-Produktion Endemol wirkt chronisch zerknittert, aber momentan erwischt es ihn besonders hart.
Gerade war er in Los Angeles. Gleich muss er wieder rüber. Dazwischen hat er allenfalls Zeit, auf den halben Meter Presseberichte zu starren, der sich auf dem Schreibtisch seines Sprechers stapelt. Die Ausbeute weniger Tage weltweiter »Big Brother«-Hysterie. De Mols »Big Brother«.
Am vergangenen Mittwoch startete sein TV-Knast auch in den USA: Der Dachdecker George könnte es zum Zlatko Amerikas schaffen. Sabrina heißt diesmal Jamie und ist eine Baywatch-Veteranin. Aber ansonsten kommt einem das Bohei schrecklich bekannt vor, auch wenn die Gladiatoren mit Jeeps statt S-Klasse vorfuhren. Über 22 Millionen Neugierige sahen die US-Premiere und bescherten dem sonst arg gebeutelten TV-Sender CBS einen Marktanteil von 23 Prozent.
Zwar schimpfte »USA Today«, Amerikas auflagenstärkste Tageszeitung, hinterher: »Das lethargische Debüt hatte nicht einen einzigen ordentlich zweideutigen Moment.« Zwar giftete die »Washington Post«, »Big Brother« sei »eine sadistische Ausrede für Menschenversuche« - »beschämend wie schamlos«. Doch das passt alles wunderbar in den Fünf-Phasen-Plan der Verantwortlichen.
Nach den ersten »BB«-Spektakeln in den Niederlanden, Deutschland und Spanien ist klar, welche Stadien die inszenierte wie die reale Seifenoper durchlaufen werden: 1. Gratis-PR durch allerhand öffentliche Entrüstung. 2. Alle Beteiligten verausgaben sich so weit, dass die ersten Container-Wochen mit purer Langeweile und lauen Quoten vergehen. 3. Mit dem Psycho-Stress in der Baracke wächst auch der Spanner-Spaß der Zuschauer. 4. Die Vermarktung, die aus den neuen Billig-Stars auch noch den letzten Tropfen Authentizität herauspresst, bevor - 5. - die nächste Sau/Staffel/Container-Clique durchs mediale Dorf getrieben werden kann.
Italien befindet sich noch in Phase 1. Bereits ein Vierteljahr vor dem dortigen »BB«-Start fordert der prominente Christdemokrat Marco Follini: »Machen wir endlich Schluss mit der Vorstellung, dass alles nur Klatsch und Schlüsselloch-Guckerei ist.« Follini sollte es aufgeben. Es hat keinen Sinn. Auch der größte Aufschrei ist Teil eines neuartigen Programm-Genres, das noch einige Jahre überleben dürfte.
Die Holländer kennen mittlerweile alle Varianten des TV-Phänomens: Mal wurden die Kandidaten nicht in einen Container gepfercht, sondern aneinander gekettet, mal in einen Bus verfrachtet. Selbst ein Prominenten-»Big Brother« gab es schon.
»Spin offs« nennt die Branche solche Mutationen der immer gleichen Grundidee. Und John de Mol spinnt gern und viel. Bis nächstes Jahr will er allein mit seinem Original 25 Länder voyeuristisch grundversorgen (siehe Seite 100).
Die spanische »BB«-Version »Gran Hermano« erreichte in manchen Momenten Marktanteile bis zu 70 Prozent, was auch daran liegen dürfte, dass der Paarungstrieb der dortigen WG-Bewohner besonders ausgeprägt ist. Schon nach wenigen Tagen hatten sich drei eindeutige Zweier-Gemeinschaften gebildet. Deutschland erholt sich derweil noch vom ersten großen Big-Ballermann-Rausch.
Drei grottige WG-Liedchen sowie der Titel-Song schafften es unter die Top Fünf der deutschen Single-Charts. Der Bierzelt-Kracher »Ich vermiss dich ...« des Früh-Ausscheiders Zlatko verkaufte sich über eine drei viertel Million Mal und führte vier Wochen lang die Verkaufshitparade an.
Thomas Stein von der mitverdienenden Plattenfirma BMG Ariola kann sich den Erfolg auch nur mit dem »unglaublichen Hype« erklären. Mit Musik hat das eher nichts zu tun. Die Merchandising-Maschine brummt: Vom völlig sinnfreien Zlatko-Buch mit »seinen besten Sprüchen« bis zur »BB-Flauschdecke« für 69 Mark ist alles dabei. Ganz zu schweigen vom Internet-Geschäft mit Exklusiv-Livebildern auf der »BB«-Homepage oder den Telefongebühren, die die Hotlines brachten.
Die Show um die Show soll de Mol weit mehr Geld verschaffen als die schnöden TV-Gewinne, zumal längst alle Kanäle seinem Realitätswahn verfallen sind.
Damit ist noch nicht einmal jener andalusische Lokalsender gemeint, der neuerdings jede Nacht eine Hardcore-Version zeigen will: fünf Frauen, fünf Männer, die sich von Mitternacht bis vier Uhr früh vor laufender Kamera vergnügen. Aufgescheucht von der europaweiten »BB«-Epidemie basteln alle großen US-Networks längst an ähnlichen Formaten.
ABC adaptiert die belgische Serie »Der Maulwurf«, wo die Kandidaten den Saboteur in den eigenen Reihen entlarven müssen. Fox plant die Präsentation trister Highschool-Realität. Und selbst der Qualitätskanal PBS will normale Menschen drei Monate lang das Leben im 19. Jahrhundert nachspielen lassen. Derlei Experimente seien durchaus spannend, glaubt »Time": Man wisse nie, wie die unverbildeten Normalos agieren würden.
Prompt kämpfen allein in Malaysia drei TV-Kanäle mit »Big Brother«-Ablegern ums mediale Überleben: RTL 2 zeichnet die »Expedition Robinson« auf. CBS ist mit 16 Kandidaten und mehreren Kamerateams der erfolgreich lancierten »Survivor«-Show vor Ort. Und Sat 1 hetzt seit vergangener Woche die 13 Probanden des »Inselduells« auf labbrige Seegurken, Kokosnüsse und -einander.
Alle sehen, erstens, gut aus und, zweitens, das sechswöchige Projekt als persönliche Herausforderung. Die Spaßgesellschaft auf kollektivem Abenteuer-Trip. Was Sat 1 von seinen Laiendarstellern erwartet, schimmert durch die Kurz-Beschreibungen des schwitzelnden Moderators: Kerstin ist eine »mobile Spaßkanone«, Siri eine »lebenslustige Nachtschwärmerin« und Susanne eine »grazile Schönheit«, während Daniele den »fröhlichen Macho« mimt.
Zum Überleben durfte jeder drei Kondome mit auf die Insel nehmen. Komischerweise wurde bereits in der ersten Woche die »gefühlvolle Sexbombe« Nina vom Rest rausgekegelt, obwohl sie sich vorher ausgiebig beim Brust-Einölen filmen ließ. Ein drohender Sonnenbrand war bislang die größte Widrigkeit.
Dass einige Hundert Kilometer entfernt noch immer 21 Geiseln in der Gewalt philippinischer Terroristen ums ganz reale Überleben kämpfen, interessiert oder empört dabei kaum noch einen. Im Wettbewerb um Tod und Spiele haben die Fiktionen das zynische Quoten-Argument auf ihrer Seite. Die TV-Verantwortlichen streiten höchstens um Lizenzen und Rechte wie RTL-2-Chef Josef Andorfer.
Das »Inselduell« droht seiner zwar bereits in Produktion befindlichen, aber noch nicht ausgestrahlten »Expedition Robinson« die Schau zu stehlen - ohne dass Sat 1 lästige Gebühren zahlt. Empört ging der Österreicher, früher selbst Manager bei Sat 1, vor Gericht.
Andorfers Vorwurf: Die Konkurrenz klaue das Format. »Das ist Räuberei und Hehlerei«, polterte er am vergangenen Donnerstag in Zimmer 148 des Berliner Landgerichts.
Zunächst hatte er versucht, eine angebliche Abmachung zu reklamieren, die eine Abgrenzung der beiden Shows vorsah. Die will er mit dem Hamburger Bauer-Verlag getroffen haben, der pikanterweise sowohl an RTL 2 als auch an der »Inselduell«-Co-Produzentin MME beteiligt ist.
In einer eidesstattlichen Versicherung gab Andorfer an, der Verlagsmanager Bernd Baginski habe mit ihm etwa vereinbart, dass das »Inselduell« nicht wie »Expedition Robinson« in Malaysia produziert werde, »sondern an einem anderen Drehort - genannt wurde Brasilien oder die Karibik«. Baginski habe zudem versprochen, dass bei Sat 1 »keine Spiele als Gestaltungselement einbezogen werden«.
Andorfer fühlt sich ausgetrickst. Beim Zuschauer müsse der Eindruck entstehen, dass RTL 2 die Sat-1-Produktion nachahme, »obwohl es sich umgekehrt verhält«, so der Sender. Bauer-Manager Baginski dagegen erklärt, ebenfalls an Eides statt, mit dem RTL-2-Chef nichts vereinbart zu haben. »Bauer hat weder im Februar noch sonst Zusagen gemacht«, sagt Verlagsanwalt Volker Meinberg.
Aussage gegen Aussage, wer lügt? Frank Eickmeier, der als Anwalt Sat 1 vertritt: »Die eidesstattliche Versicherung von Herrn Andorfer ist falsch.« Die Berliner Richterin war selbst reif für die Insel, nachdem ihr Schlichtungsversuch scheiterte: Andorfer könne »Expedition Robinson« doch vorverlegen und früher senden, schlug sie vor. Dann hätten die Zuschauer die Wahl, welche Show die weniger schlechte sei.
Doch so mag sich der RTL-2-Chef nicht geschlagen geben. Er will das »Inselduell« wegen des vermeintlichen Ideen-Klaus gerichtlich stoppen lassen - als Präzedenzfall. »Wir sehen uns bald wieder«, raunte sein Anwalt. Das Verfahren sei »wichtig für die gesamte deutsche Fernsehbranche«.
HANS-JÜRGEN JAKOBS,
MICHAELA SCHIEßL, THOMAS TUMA