Todesfährte aus Fernost
Ein eisiger Wind bläst über die Boddenlandschaft um Rügen. Im vereisten Uferschilf, an der Wittower Fähre im Norden der Insel, entdecken wetterfeste Touristen einen weißen Schwan. Das mit einer blauen Manschette um den Hals markierte Tier ist tot.
Kadaverproben werden ins Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) auf dem südlich von Rügen gelegenen Ostsee-Eiland Riems gebracht und untersucht. FLI-Virologen analysieren Gewebe von Hirn und Lunge. Das Ergebnis der dreistündigen Untersuchung ist eindeutig: Auf den sanften Schwingen eines Singschwans ist der Erreger der asiatischen Vogelgrippe in der Bundesrepublik angekommen - am 14. Februar, dem Valentinstag.
Seit Monaten schon verfolgen Biologen, Seuchenforscher und Gesundheitspolitiker weltweit das Vordringen des Geflügelpest-Virus H5N1. Dass er bei seinem Vormarsch Europa verschonen würde, erwartet niemand. Gleichwohl mangelt es an durchdachten Strategien und Taktiken für den Tag X.
»Die Rasanz seiner Ausbreitung hat uns dann doch völlig überrascht«, gesteht der oberste deutsche Seuchenschützer Reinhard Kurth, Präsident des Berliner Robert-Koch-Instituts (RKI). Verbraucherschutzminister Horst Seehofer hält die Lage für sehr ernst: »Das wird nicht auf Rügen beschränkt bleiben, das Virus wird in weiteren Regionen auftauchen.« Bundeskanzlerin Angela Merkel ist auf Beruhigung bedacht: »Menschen brauchen sich im Moment keine Gedanken zu machen.«
Doch die Einsicht, dass H5N1 vorerst und vor allem der Erreger einer Tierseuche ist und - bei aller Aggressivität des Virus - nur bei engem Kontakt menschliches Leben bedrohen würde, ist der aufgeschreckten Öffentlichkeit nur schwer vermittelbar. Denn die täglichen Lageberichte aus der Seuchenregion sind alles andere als beruhigend.
»Tornados« der Bundeswehr fahnden im Tiefflug nach Kadavern von Schwänen und Greifvögeln. Freiwillige Feuerwehrmänner in Sicherheitsanzügen und mit Atemschutzmasken stecken verendete Enten und andere Wildvögel in Plastiksäcke, die den Veterinären überstellt werden. Auf dem Rügendamm haben Soldaten eine Desinfektionsschleuse aufgebaut. Jedes die Insel verlassende und anfahrende Fahrzeug wird mit verdünnter Ameisensäure gereinigt.
Vor Ort herrscht allerdings Hilflosigkeit. Tagelang rangeln Bund und Land um ein praktikables Krisenmanagement, bis offiziell Katastrophenalarm ausgelöst wird. 574 Kilometer Küstenlinie gilt es abzusuchen. In den Gewässern rund um die Ostseeinsel werden bis Monatsende mehr als 2200 tote Tiere, mehrheitlich Sing- und Höckerschwäne, eingesammelt. Die meisten von ihnen wandern ungeprüft in die Tierkörperbeseitigungsanlage in Malchin. Von den 825 tatsächlich untersuchten Proben ist rund jede achte H5N1positiv.
Zusätzliche Tests lassen Rückschlüsse auf die Herkunft des Erregers zu. Er ist mit jenem Typ verwandt, der im Frühling letzten Jahres am nordwestchinesischen Qinghai-See für das Verenden von mehr als 5000 Wildvögeln verantwortlich war. Von dort lässt sich eine molekulargenetische Fährte bis in die Provinz Guangdong verfolgen. Diese an Mensch und Federvieh besonders dicht besiedelte Region Chinas gilt als Ursprung vieler Grippe-Viren. Auch der aktuelle, weltweit gefürchtete Erreger war dort Mitte der neunziger Jahre erstmals aufgetaucht. Er sei dort »mittlerweile fest unter Wildvögeln verbreitet und greift regelmäßig auf Nutztierbestände über«, sagt FLI-Virologe Martin Beer.
Es brauchte neun Jahre, von 1996 bis Ende 2005, um 15 Länder mit Vogelgrippe zu infizieren. Betroffen waren ostasiatische Staaten wie Vietnam, Thailand, Südkorea und Indonesien. Die nach gesicherter Diagnose sofort verfügte und kontrollierte Keulung von Millionen von Hühnern und anderem Geflügel konnte allerdings nicht verhindern, dass sich der Erreger weiter verbreitete und immer wieder Menschen infizierte. Der enge Kontakt zwischen Mensch und Vieh ist entscheidend für eine Ansteckung.
Auffällig ist, dass der Geflügelpest-Erreger sich seither gewandelt hat. Er ist aggressiver geworden, behält seine Infektionskraft länger und hat beim Verbreitungstempo erheblich zugelegt. Seit Anfang des Jahres wird er in rund 40 weiteren Ländern diagnostiziert, darunter Irak, Israel, Pakistan, Nigeria und Kamerun. 153 Menschen starben weltweit seit 2003 an der Vogelgrippe, 75 davon allein 2006.
Nirgendwo in der EU wird das Geflügelpest-Virus bei Wildtieren so häufig nachgewiesen wie in Deutschland. Über 340 Fälle zeigen, dass sich H5N1 in acht Bundesländern eingenistet hat. Die sofort verfügten seuchenhygienischen Maßnahmen, wie etwa die von Verbraucherschutzchef Seehofer verfügte Aufstallpflicht von Geflügel aus Freilandhaltung, beruhigen nicht nur den verunsicherten Normalverbraucher. Sie verschaffen auch den mehr als 120 Millionen deutschen Hühnern, Puten und Enten eine Galgenfrist.
Schon ein einziger Geflügelpestfall im Stall könnte für sämtliches Federvieh im Umkreis von drei Kilometern das Todesurteil sein, das nach Maßgabe der amtlichen Notfallpläne innerhalb von 48 Stunden zu vollstrecken wäre. So geschehen im April in Sachsen, als in einem Betrieb tote Truthühner entdeckt und daraufhin 30 000 Tiere gekeult werden. Ausgeklügelte mobile Tötungsgroßgeräte sind in Bereitschaft. Auf dem Spiel steht das Schicksal einer Industrie, die pro Jahr fast zwei Milliarden Euro umsetzt.
Das sind freilich Peanuts gegenüber den zahllosen Menschen, die im Gefolge einer weltweiten Influenza-Epidemie wohl stürben, wenn H5N1 leicht von Mensch zu Mensch übertragbar wäre. In den einschlägigen Labors der Welt sind ganze Heerscharen von Wissenschaftlern mehr denn je dabei, die trickreichen Eigenarten des Aggressors aufzudröseln, Abwehrstrategien auszutüfteln und den medizinischen Super-GAU zu verhindern. RAINER PAUL