TODESSTRAFE - DER SPIEGEL
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Briefe

TODESSTRAFE
• aus DER SPIEGEL 43/1964
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

TODESSTRAFE

Die Todesstrafe (oder auch: »Die Rübe muß 'runter") ist zum ständig wiederkehrenden Wohlstandsgeplauder der Bundesbürger geworden.

Die Abschaffung der Todesstrafe in der Bundesrepublik halte ich für die größte menschliche Tat der Deutschen. Die Hinrichtung von Verbrechern ist überholt. Ich hoffe, daß die Legislative einen Rückfall ins finstere Mittelalter oder in die unfaßbare braune Vergangenheit verhindert. Die unmittelbare Entscheidung über Leben und Tod in die Hände einer Regierung zu legen, kann der erste Schritt zum Massenmord sein. Dagegen gibt es keine Versicherung.

Gilching (Bayern) WERNER E. LANGER

Laut eines meiner Kolleghefte prägte Prof. Dr. Thomsen, weiland Ordinarius für Strafrecht an der Westfälischen Wilhelms-Universität zu Münster, gelegentlich eines Praktikums im Winter-Semester 1924 folgende rechtsschöpferische Fundamentalthese. »Derjenige Gesetzgeber ist der beste, der Delikte nicht trachtet zu bestrafen, sondern sie de causa zu verhindern.«

Bad Oeynhausen HERBERT SCHMIDT

Bei oder bald nach einer etwaigen Wiedereinführung der Todesstrafe würde verlangt werden - und das scheint mir das Hauptziel gewisser Leute zu sein -, diese Strafe auch bei dem Verbrechen des »Landesverrats« anzuwenden. Da aber heute schon jede Kritik an der Regierung, jede unerwünschte Veröffentlichung nur allzu schnell als »Verrat« betrachtet wird, kann man sich ausmalen, wie leicht dann unbequeme Kritiker eingeschüchtert und mundtot gemacht werden können.

Berlin HELMUT WOLF

Wäre die Todesstrafe schon 1949 eingeführt worden, gäbe es für Sie wohl keine Möglichkeit mehr, im SPIEGEL zu schreiben. Spätestens in der »Nacht der langen Drähte« hätte man ihre Redaktion zum Schafott geführt

Neuendettelsau (Bayern) JÜRGEN KALECK

Ich stelle mir das so vor: Sonntag, nach Tagesschau und Wetterkarte, übertragen Erstes. Zweites und Drittes Programm die öffentliche Exekution. Großaufnahmen des Richters, der das Urteil nochmals vor dem Mikrophon verliest, und des Geistlichen, der dem Verbrecher letzte Segensworte zuspricht. Über Fernleitung löst der Oberbundesscharfrichter den Brenner aus, der die Holzscheite entfacht. Polizei mit Sprechfunkgeräten hält die Masse zurück; Feuerwehr steht bereit.

Schade, daß es noch kein Odeur-Fernsehen gibt; der Geruch verbrennenden Fleisches würde die Abschreckung gewiß um zehn Prozent erhöhen.

Kelkheim (Hessen) HANS J. KELLER

Es läuft mir kalt über den Rücken. Auch das technische Problem hat der Herr Vizepräsident Jaeger schon durchdacht.

Hagen KARL HEINZ ALTENHENNE

Ich bin der Auffassung des Vizepräsidenten Richard Jaeger - jedem Mord seine entsprechende Sühne, Justizmord nicht ausgeschlossen. Für solche Fälle wäre vorzuschlagen, daß sie an den prominentesten Befürwortern der Todesstrafe vollzogen wird.

München

FRANZ WEIDL

Zur Sache gibt es keine neuen Argumente, nur Wiederholungen. Ein gescheiter Mann hat einmal formuliert (vor längerer Zeit stand es in Form einer Leserzuschrift so im SPIEGEL): »Ich bin für die Wiedereinführung

der Todesstrafe - für die Befürworter der Wiedereinfuhrung der Todesstrafe!« Dieser Vorschlag wäre sicher die eleganteste Lösung dieses Problems, obwohl bei der Durchführung einige Schwierigkeiten auftreten würden. Immerhin ist mit Namen wie Adenauer, Jaeger, Rasner und Barzel ein guter Anfang gemacht. Die genannten Herren werden sich hoffentlich auch darüber noch einigen, ob sie den Galgen oder die Guillotine bevorzugen wollen.

Stuttgart ALEXANDER SCHMITT

Galgen oder Guillotine? Da kann man nur sagen: selbstverständlich Guillotine, denn wo kämen wir denn mit der Freundschaft für Frankreich hin, wenn in deutschen Landen noch einmal Karls V. bewährtes Hackebeil Verwendung fände! Freilich, daß die Guillotine gar nicht von dein Franzosen Dr. Guillotin, sondern mehrere Jahrhunderte früher von einem Schotten erfunden worden war, wahrscheinlich aus Sparsamkeitsgründen ...

Der »Fall Maria Rohrbach« ist nur einer von mehreren, die in letzter Zeit eindeutig für immer wiederkehrende Justizmorde zeugen. 1947 verurteilte eine Strafkammer des Heidelberger Landgerichts den Bauern Wilhelm Lang wegen Mordes zu lebenslangem Zuchthaus. Dem Staatsanwalt genügte das nicht, er wollte ihn hinrichten lassen, damals gab es noch die Todesstrafe, also legte er Revision ein. Ebenso der Verteidiger. Endergebnis: Lang wurde freigesprochen. Seine erste Verurteilung hatte entscheidend auf den großartigen Ermittlungen eines geisteskranken Kriminalkommissars beruht. Aber Dr. Hirschberg zählt in seinem ausgezeichneten Buch der Justizmorde über hundert solcher Fehlurteile auf. Nicht alle später unschuldig Befundenen konnten in Freiheit gesetzt werden. Sie waren bereits hingerichtet worden.

Freilich, auch all dies wird die unter

Führung von Dr. Jaeger und MdB Kühn losmarschierenden Hinrichtungsfreunde nicht auf ihrem Wege zurück ins Zeitalter der Höhlenbewohner hindern.

München FRANK ARNAU

Für manche, die die Todesstrafe fordern, muß es doch recht peinlich sein festzustellen, daß der Anlaß dazu keineswegs der Frankfurter KZ-Prozeß ist.

Heidelberg LOTHAR SCHUCKERT

In den letzten Jahren standen 100 000fache Massenmörder vor Gericht, und kein Ruf nach der Todesstrafe - auch nicht von Konrad Adenauer - erscholl. Im Gegenteil! In zahlreichen Leserzuschriften wurde immer wieder die Einstellung der Verfahren gefordert. Nachdem diese Massenmörder mit einigen Jährchen Zuchthaus davonkamen, wartet der Rest auf das Jahr 1965, das Jahr der Verjährung von NS-Verbrechen. Danach können dann wieder die Köpfe rollen!

Rodenkirchen (Westf.) WALTER NELLEN

Natürlich sind die Morde an Taxifahrern scheußlich und verdammenswert. Aber wer hat mal gehört, daß bei den Auschwitz- und ähnlichen Prozessen von dieser Seite der Tod der Mörder von ungezählten KZ-Häftlingen auch mit gleicher Empörung gefordert wurde? Bestehen da Zusammenhänge mit möglichen Wahlargumenten?

Frankfurt K. W. DILL

Wir Deutschen haben in den vergangenen 50 Jahren genug Menschen getötet, der Bedarf ist gedeckt.

Reutlingen MARTIN SCHANZ

Ich persönlich bin gegen Mord, ganz gleich an wem. Da die Taxifahrer der Bundesrepublik sich als Sondergruppe zu fühlen scheinen, ist man wohl auch berechtigt, die Frage zu stellen: Wieviel

Morde sind von Taxifahrern seit Ende des Krieges begangen worden (Mordwaffe: das Auto)?

Bonn KENNETH AMES*

Wann endlich hat der oberste Unternehmerfunktionär und Taxibesitzer, Herr Himioben, welcher fortgesetzt mit seinen Beziehungen zum Bundestag prahlt, den Mut zur Unpopularität und verlangt von den Unternehmern den Einbau einer Trennwand? Mit Pappschild, Trauerflor, Einheitskranz und Einheitsgrabrede ist den gefährdeten Taxifahrern längst nicht mehr gedient. Ihnen ist auch nach 182 Morden nicht mit der nach billiger Effekthascherei riechenden Propagierung der Todesstrafe gedient, wie sie jetzt auf einmal nach jahrelanger Regierungszeit von dem Abgeordneten Herrn Konrad Adenauer erhoben wird.

Köln GEWERKSCHAFT DER TAXIFAHRER E.V.

Man kann nicht soweit gehen zu sagen, der Ermordete sei schuldig. Es ist aber eine Tatsache - und in diesem Zusammenhang haben Sie meines Erachtens die fehlenden Selbstschutzmaßnahmen des Taxigewerbes viel zu schonend angedeutet -, daß zwar bei jedem neuen Zwischenfall der Ruf nach der Todesstrafe erhoben wird, daß die Taxifahrer bzw. -besitzer aber jede positive Eigenmaßnahme vermissen lassen.

Als Beweis möchte ich Ihnen meine Erfahrungen mit den Münchner Taxifahrern anführen. Vor Jahresfrist wurden alle (damals 2000) Münchner Taxifahrer eingeladen, an Speziallehrgängen in Selbstverteidigung teilzunehmen. Ergebnis: fünf Meldungen. Von den auf persönliche Ansprachen gezeigten Ansichten ließe sich ein Handbuch der Ignoranz und Bequemlichkeit verfassen. Offensichtlich lesen die Taxifahrer in den Wartezeiten nur die »Bild«-Zeitung und schreien in den Lesepausen nach der Todesstrafe, zu deren Durchführung sie sich natürlich nicht persönlich von dein bequemen Platz hinter dem Steuer erheben müßten.

Sachliche Einwände dürften bei diesem Mißerfolg keine Rolle gespielt haben, da immerhin die Münchner Schutzpolizei und Funkstreife sowie andere Dienststellen durchaus von der Wirksamkeit und Zweckmäßigkeit einer Selbstverteidigungsausbildung überzeugt sind und meine Hilfe in Anspruch nehmen.

München CARL WIEDMEIER

Vereinigte Jiu-Jitsu- und

Judoschulen

Die Frage der Todesstrafe ist zwar ein beliebtes Diskussionsthema, kann aber eigentlich von Laien nicht hinreichend beantwortet werden, weil rechtsgeschichtliche, religionswissenschaftliche, ethische, philosophische, anthropologische und zuletzt auch kriminologische Probleme zuvor geklärt werden müssen. Ich habe kürzlich auf einem Kongreß in der Universität Wien die Frage zu beantworten versucht, wie es kommt, daß die Öffentlichkeit so unterschiedlich auf Nachrichten über Verbrechen reagiert. Die Kulturanthropologie kann heute eine Antwort darauf geben. Der Mensch reagiert nicht nur mit seinen Denkfunktionen der heutigen Entwicklungshöhe, sondern mit dem Beieinander längst durchlaufener früherer Kulturstufen, das heißt mit archaischem und prälogischem Denken. Dieses ist noch von magischen und mythischen Vorstellungen durchsetzt, und die auf diesen Entwicklungsstufen vorherrschenden primitiven Gefühle von Rache und Vergeltung bestimmen daher die emotionalen Gehalte der Reaktionen auf Verbrechen. So kommt es, daß der heutige Mensch nicht allein seiner Kulturstufe gemäß reagiert, sondern auch mit den Denkfunktionen früherer Entwicklungsstufen.

Das Volksempfinden beruht nicht nur auf logischen Überlegungen, sondern ist durchsetzt mit diffusen Vorstellungen, emotional, gefärbten Meinungen und archaischen Denkvorgängen. Normen, die für unsere Kulturstufe gelten sollen, können aber nicht mit Hilfe archaischer Denkfunktionen aufgestellt werden. Wer Normen aufstellen oder kritisch betrachten will, sollte sich während dieses Denkvorganges zuerst von Denkfunktionen früherer Entwicklungsstufen befreien. Der Rückfall auf frühere Kulturstufen ist mit unserer heutigen Kulturhöhe nicht vereinbar. Es gibt andere, unserer Kultur gemäße und wirksamere Mittel, um Kapitalverbrechen zu verhindern.

Wiesbaden DR. GUSTAV NASS

Vizepräsident der Deutschen Kriminologischen Gesellschaft

Wenn diese Herren, die da nach der absoluten Strafe rufen, wenn die doch endlich einmal einsehen würden, daß die Todesstrafe keine abschreckende Wirkung hat. Kann denn ein vernünftiger Mensch Statistiken und Fakten ignorieren? Sicherlich nicht. Und darum kann die Phrase von der Abschreckung auch nur der Schafspelz sein für etwas, das man nicht gern öffentlich ausspricht: Rückstände aus primitiver Vorzeit.

Hannover JOACHIM DUNZ

Es ist bekannt, daß zum Beispiel in Spanien die Todesstrafe besteht. Morde an Taxifahrern sind dort unbekannt.

Bad Salzuflen DR. ERNST PFÄNDER

Es ist bezeichnend für die Befürworter der Todesstrafe, daß sie, wie jetzt wieder die Taxifahrer, nicht nach Schutz und Sicherheit verlangen, sondern nach einer »der Tat angemessenen Bestrafung« des Täters. Für den Ruf nach der Todesstrafe Ist also eindeutig ein niedriger Beweggrund verantwortlich: Rachedurst. Wer das in die christlichen Vokabeln Sühne und Buße kleidet und sich dabei noch einbildet, im Auftrage einer höheren und irdischen Gerechtigkeit zu sprechen, entbehrt nicht einer gewissen Primitivität.

Münster FRANZ KÖSTERS

Das »gesunde Volksempfinden« war schon immer für die Todesstrafe. Aber dieses gesunde Volksempfinden ist auch verantwortlich für religiöse Autodafés, Judenpogrome, Kriegsgreuel und Lynchmorde. Wen die Möglichkeit des Justizirrtums nicht schreckt, den werden auch politische Übergriffe und KZ-Schandtaten innerlich kalt lassen. Das aber ist genau die Mentalität, die bei jedem »Appell an den inneren Schweinehund« willfährige Unrechtsvollstrecker hervorbringt.

Bielefeld RUDOLF GRUBE

Die christlich-demokratischen Antragsteller für die Wiederaufrichtung des Galgens oder der Guillotine werden nun auch von dem Knock-out-Schläger Peter Müller, genannt »de Aap«, unterstützt. Der Kölner »Express« berichtete in seiner Ausgabe vom 9. Oktober: »Zahlreiche Trainingsbesucher waren in der Sportschule von Jupp Thelen vor Überraschung sprachlos, als Peter Müller einen anstrengenden Trainingskampf in der siebten Runde plötzlich unterbrach und aus dem Ring heraus nach dem Henker für Mörder rief.« Da der »Express« diese Meldung auf seiner Titelseite in großer Aufmachung brachte, entstand der peinliche Eindruck, daß »de Aap« unter den Befürwortern der Todesstrafe eine gewichtige Persönlichkeit ist.

Köln K. THOMA

Die Volksmassen wundern sich, weshalb noch nicht die Todesstrafe eingeführt ist. Die zahllosen Mörder schreien zum Himmel!!! Die Einwende der Bundesregierung und des Bundestags sind fadenscheinlich.

Weddingstedt (Schl.-Holst.) WILFRIED ZECH

* Chef des Bonner Büros des amerikanischen Nachrichten-Magazins »Newsweek«.

Frankfurter-Rundschau

Arnau*

* Kriminalschriftsteller ("Schuß ohne Echo") und Verfasser von kriminalistischen Sachbüchern ("Das Auge des Gesetzes").

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