Todesstrafe u. a. - DER SPIEGEL
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DENKMÄLER Todesstrafe u. a.

Außer den Gefallenen des Krieges sollen in Kassel auch Deserteure geehrt werden, die eingekerkert oder umgebracht wurden. *
• aus DER SPIEGEL 30/1985
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Ardennenoffensive, die das Kriegsglück wenden sollte, war gescheitert. Aus der Eifel zogen sich die Reste der deutschen Truppen über das Vorgebirge an den Rhein zurück.

Am Ortsrand von Duisdorf bei Bonn, ungefähr dort, wo heute das Bundesverteidigungsministerium seinen Standort hat, ging mit ein paar Haubitzen und Kanonen, die übriggeblieben waren, das Artillerie-Regiment 162 in Stellung.

Als der 8. März 1945 heraufdämmerte und die Batteriechefs mit ihren Doppelgläsern den Horizont absuchten, kam ihnen ein ungewohntes Ziel ins Fadenkreuz: Leute der eigenen Infanterie, die sich in den Äckern eingegraben hatten und weiße Tücher aus den Löchern wehen ließen.

Bei Hitlers Jungvolk schon hatten die Artilleristen singen gelernt: »Verloren ist ein Feldzug nicht, wenn einer desertiert, wir halten ihm ein Strafgericht, daß er die Spieße spürt.«

Sollte das nun immer noch gelten, da der Feldzug doch offenkundig verloren war? In der Feuerstellung, wo die Rohre schon gerichtet waren, behielt, wohl erstmals, eine Vernunft die Oberhand, die im »Reibert«, der Dienstvorschrift, nicht verzeichnet war. »Laßt sie laufen«, erging die Parole. Das Feuerkommando blieb aus.

Wie der Trupp der Infanteristen bei Duisdorf wußten auch viele andere, und viele schon viel eher, nicht mehr ein noch aus. Zermürbt, entmutigt und ausgemergelt dachten deutsche Soldaten an allen Fronten immer mal wieder daran, aus dem sinnlosen Krieg auszusteigen, die Knarre wegzuwerfen, die Hände zu heben, überzulaufen, sich vom Feind überrollen zu lassen.

Manche Landser ließen es, aus Angst. Manche hatten den Mut und taten es. Manche versuchten es halb und wurden gefaßt wie der 21 Jahre alte Matrose Walter Gröger, der kurz vor Kriegsende in Norwegen seine Flucht ins neutrale Schweden schon vorbereitet hatte, dann aber doch bei der Truppe blieb.

Das brachte ihm erst recht den Tod. Ein Standgericht verurteilte ihn, der Ankläger in Wehrmachtsuniform leitete die Hinrichtung: Hans Karl Filbinger, später Ministerpräsident des Bundeslandes Baden-Württemberg. Filbinger, mit der Tat konfrontiert, wußte nur: Was damals Rechtens gewesen sei, könne heute kein Unrecht sein.

Die Filbinger-Affäre, die der politischen Karriere des Ministerpräsidenten ein Ende machte, wirkt bis heute fort - in Kassel. Bis heute dauert in der nordhessischen Stadt die Diskussion darüber an, ob, was damals Unrecht war, heute noch immer als Unrecht gelten soll, ob Fahnenflucht noch immer als ehrenrührig verurteilt wird, auch wenn die Fahne das Hakenkreuz trug.

In Gang gebracht hat den Kasseler Disput schon vor fast sechs Jahren, als Filbingers Fall eben publik geworden war, der Lehrer Ulrich Restat, der behinderte Kinder unterrichtet und seit 1981 Stadtverordneter der Grünen

ist. »Provokativ« und von »Wut erfüllt« forderte Restat in der lokalen »Stattzeitung«, auch für Deserteure wie das Filbinger-Opfer Gröger ein Denkmal in Kassel zu errichten.

Die Fraktion der Grünen im Kasseler Rathaus griff den Vorschlag in der Stadtverordnetenversammlung auf und beantragte, »im Ehrenmal für die Opfer des Faschismus eine Gedenktafel für die nordhessischen Deserteure des Zweiten Weltkrieges« zu errichten, »die durch die Nazi-Justiz zu Tode kamen«, wenigstens das.

Den Text auf der Gedenktafel hatte die grüne Fraktion auch schon formuliert: »Wir schließen«, sollte da stehen, »alle Soldaten unserer Heimat, die sich nicht mehr am Krieg beteiligen wollten und deshalb von den Nationalsozialisten zum Tode verurteilt wurden, in unsere Trauer ein. Auch sie sind es wert, nicht vergessen zu werden.«

»Wie kann man«, argumentierte Restat vor den Stadtverordneten, »die Widerstandskämpfer ehren und gleichzeitig die vereinzelten kleinen Leute, die keine andere Möglichkeit als ... das Weglaufen hatten, weiterhin als ehrlose Verbrecher verachten?«

Geehrt werden in Kassel nicht nur die Widerstandskämpfer. Am Kriegerdenkmal in der Fulda-Aue steht zu lesen, daß Soldaten »in freier Pflichterfüllung« und »in Kämpfen um Bestand und Größe des Vaterlandes« den sogenannten Heldentod gestorben seien. Die »Panzerdivision Großdeutschland« feiert sich da mit dem Spruch: »Es wurde gespannt ein einzig Band um alles deutsche Land«, und es fehlt auch nicht: »Deutschland muß leben, und wenn wir sterben müssen.«

Sprüche wurden in der Sitzung der Stadtverordneten gleichfalls geklopft. Der CDU-Fraktionsvorsitzende Wolfgang Frei verordnete, »Soldaten, die ihre Stellungen verließen und nicht weiterkämpfen wollten«, dürften »auch durch unseren heutigen demokratischen Staat nicht geehrt werden«. Und frei nach Filbinger: »Die Deserteure haben damals gegen das damals geltende Recht verstoßen, das dafür die Todesstrafe u. a. vorsah«, so das Protokoll - u. a. sah das Recht ohnehin nicht vor.

Auch außerhalb des Stadtparlaments schlug die nationale Woge hoch. Der ausgediente Bundeswehr-Oberst Günter Heistermann, Sprecher einer Kasseler »Arbeitsgemeinschaft der Soldaten- und Kriegsopferverbände« - darunter der schwarzweißrote Kyffhäuser-Bund, die »Hilfsgemeinschaft der Waffen-SS« sowie eine »Notgemeinschaft ehemaliger Reichsarbeitsdienstführer« -, kündigte Konsequenzen an: »Wenn die Tafel angebracht wird«, drohte er, würden seine Traditionstruppen am Kasseler Ehrenmal »keine Gedenkfeiern mehr abhalten«.

Knapp erklärte Heistermann seine Sorge: »Der Text ist eine Aufforderung an junge Bundeswehrsoldaten zur Desertion.«

Die Sozialdemokraten, im Stadtparlament in der Mehrheit, waren für die Tafel, nur nicht so schnell. Sie beauftragten den Magistrat erst einmal, eine Dokumentation »über diese Soldaten« in Auftrag zu geben.

Die liegt, verfaßt von dem Kasseler Politikprofessor Jörg Kammler, nun vor und zeigt auf, daß die Deserteure von einst noch heute als Deserteure verfemt sind: »Bei einer Diskussion, an der ehemalige Soldaten der Wehrmacht teilnahmen«, so der Autor, »ist mir sehr deutlich geworden, wie tabuisiert und aggressiv besetzt dieses Thema bei der älteren Generation ist.«

Kammler recherchierte in 114 Fällen das Schicksal von Soldaten aus Kassel, die sich dem »totalen Machtanspruch nationalsozialistischer Kriegspolitik« widersetzt hatten: 56 von ihnen wurden zum Tode verurteilt, davon 29 hingerichtet.

Die am Leben blieben, wurden, wie der Forscher Kammler herausfand, »nur selten rehabilitiert und als Verfolgte anerkannt«, haben sich unterdes aber »mit dem feindseligen Schweigen, das sie auch nach dem Krieg umgab, verbittert abgefunden« - an ihnen wurde wahr, was Kriegsherr Hitler verheißen hatte: Deserteure »für immer aus dem öffentlichen Gedächtnis« zu löschen.

Zum erstenmal nun in Kassel soll das Gedächtnis an sie erneuert werden. Gegen das Votum von CDU und FDP beschlossen Sozialdemokraten und Grüne im Stadtparlament, den Deserteuren eine Gedenktafel zu widmen, dreißig mal vierzig Zentimeter, aber ohne den »harten Text« (Restat), der vorgeschlagen war.

Neue Inschrift: »Zur Erinnerung an die Soldaten des Zweiten Weltkriegs, die in der Fortführung des Krieges keinen Sinn mehr sahen und dafür verfolgt, eingekerkert oder getötet wurden.«

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