EL SALVADOR Tödliche Lawinen
Politischer Streit und schwerfällige Bürokratie verzögern die Hilfe für die mindestens 45 000 Obdachlosen, die ihre Häuser bei dem verheerenden Erdbeben in El Salvador am vorvergangenen Samstag verloren. Politiker der Linkspartei und ehemaligen Guerrilla-Organisation FMLN sind verärgert, dass die von ihnen verwalteten Gemeinden in den Katastrophengebieten durch die konservative Regierung von Präsident Francisco Flores vernachlässigt werden. Ähnlich war es schon nach dem Wirbelsturm Mitch vor gut zwei Jahren. Einige Oppositionsdörfer wurden in Schadensstatistiken gar nicht vermerkt. Die Rebellen der FMLN hatten vor neun Jahren ihre Waffen niedergelegt und eine politische Partei gegründet. Heute ist sie stärkste Fraktion im Parlament und stellt in etwa 80 Gemeinden den Bürgermeister, so auch in der Hauptstadt San Salvador. »Wir sind auf internationale Hilfe angewiesen, denn von der Regierung erhalten wir nur das Allernötigste«, klagt Moisés Salvador Alvarado, Stadtoberhaupt der weitgehend zerstörten Gemeinde Armenia, 40 Kilometer westlich von San Salvador. Gut ein Viertel der 55 000 Einwohner sind obdachlos, sie schlafen im Freien. Es fehlt vor allem an Medizin, Trinkwasser und Baumaterial zum Wiederaufbau der zerstörten Häuser. Das Erdbeben der Stärke 7,6, bei dem nach offiziellen Angaben bis Ende letzter Woche 681 Tote registriert und noch Tausende Menschen vermisst wurden, hat besonders in Armensiedlungen und auf dem Land fürchterliche Schäden angerichtet. Die Hütten der meisten Bauern waren aus Lehmziegeln gebaut und stürzten sofort zusammen. Viele Dörfer im Landesinnern sind verschüttet und von der Umgebung abgeschnitten. Vor allem die fortgeschrittene Bodenerosion in dem weitgehend entwaldeten Kleinstaat von der Größe Hessens trug zur Katastrophe bei. So wurde die Mittelschichtsiedlung Las Colinas bei San Salvador von einem Erdrutsch begraben, weil die Bewohner ihre Häuser an einem steilen Berghang errichtet hatten. Es gab eine richterliche Baugenehmigung, obwohl die Stadtverwaltung den Bau zunächst untersagt hatte. Wahrscheinlich wurden mehr als 800 Menschen von der Erdlawine verschüttet. Inzwischen gibt es keine Hoffnung mehr, Überlebende zu bergen. Die Rettungsarbeiten werden zusätzlich durch chaotische Zustände bei den Behörden erschwert, die völlig überfordert sind. Trotz internationaler Unterstützung fehlen selbst in den Obdachlosen-Lagern der Hauptstadt Lebensmittel. Privat organisierte Hilfskonvois erreichen oft schneller das Katastrophengebiet als Vertreter des staatlichen Notstandskomitees. »Die Regierung ist einfach nicht Herr der Lage«, kritisiert die Stadträtin Morena Herrera, Leiterin der Frauenorganisation »Las Dignas« (Die Würdigen). Ihre Organisation stellte in den ersten Tagen nach dem Beben auf eigene Kosten Hilfslieferungen zusammen, die sie an Not Leidende verteilte.