Tödliche Post - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 125 / 154

NOVEMBER 2001 Tödliche Post

Milzbranderreger in Briefen an US-Senatoren und Redaktionen schüren die Furcht vor Bio-Waffen-Attacken auch in Deutschland.
• aus SPIEGEL Chronik 54/2001
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es sah ganz so aus, als reichte den Terroristen vom 11. September das Entsetzen noch nicht. Nun kommt der Tod per Post, in Briefen, aus denen ein weißes Pulver rieselt. Es enthält tödliche Sporen des Milzbrandbazillus (Bacillus anthracis). Der amerikanische Präsident George W. Bush spricht im November aus - voreilig vielleicht -, was alle Welt befürchtet: Das sei eine »zweite Welle terroristischer Angriffe«.

In den Poststellen von Redaktionen tauchen die Killerbriefe auf, in Post- ämtern, in Regierungsgebäuden. Die Büros des US-Senators Patrick Leahy und des demokratischen Senatsführers Tom Daschle werden zu Zielen von Milzbrandattacken, bei den Senatoren Edward Kennedy und Christopher Dodd finden sich ebenfalls die Mikroben. Zwischen dem 5. Oktober und dem 21. November sterben in Florida, Washington, New York und in Connecticut fünf Menschen an Lungenmilzbrand. Es sind meist Postangestellte, Medienschaffende und Lagerarbeiter wie auch die anderen 13 Personen, die sich bis Ende November infiziert haben. Sieben von ihnen haben Glück im Unglück, sie hatten es mit dem weniger bedrohlichen Hautmilzbrand zu tun.

Die Ermittler vom Federal Bureau of Investigation (FBI) tappen im Dunkeln. Es gibt handgeschriebene Begleitzettel ("Death To America. Death to Israel. Allah is Great."), aber keinen ernst zu nehmenden Bekennerbrief, der auf einen terroristischen Hintergrund seitens einer islamistischen Gruppe schließen ließe. Überdies handelt es sich bei den nachgewiesenen Sporen um Mikroben des so genannten Ames-Stamms, mit dem auch US-Militärs experimentieren. Darum will das FBI nicht ausschließen, dass es sich bei den Attentätern um amerikanische Rechtsradikale handelt. Ende November gerät zudem ein verschwundener Biochemiker der Harvard University in Verdacht. Die Fahnder rätseln.

Das vermutliche Ziel der Täter, Angst und Schrecken zu verbreiten, ist erreicht. Mehrere Gebäude um das Kapitol werden vorübergehend geschlossen, Postämter stillgelegt, Krankenhäuser geräumt. Die US-Regierung stellt als Notfallreserve für zwölf Millionen Menschen Antibiotika bereit. Männer der Armee, Feuerwehr und Polizei, umhüllt von eindrucksvollen Schutzanzügen, sind wochenlang im Großeinsatz. Und selbst Reporter rücken oft nicht mehr ohne Atemmasken an die wechselnde Anthrax-Nachrichtenfront aus.

Millionen Briefkastenbesitzer fürchten sich vor dem winzigen Milzbrandbazillus, der im Ersten Weltkrieg gegen die Pferde der Alliierten zum Einsatz kam. Später wurde die Bio-Waffe Milzbrand international geächtet, gleichwohl in Militärlabors weiter gezüchtet. Für eine Infektion reicht ein simpler Wundkontakt aus oder nur das Einatmen der Sporen. Nach zweitägiger Inkubationszeit kommt es beim Lungenmilzbrand zu Atemnot, hohem Fieber und starken Brustschmerzen. Nur die rechtzeitige Behandlung mit dem richtigen Antibiotikum bewahrt vor dem Kollaps.

Die lähmende Angst droht auch die Deutschen zu befallen, wo Trittbrettfahrer der Hysterie bereits allerlei Terrorbriefe mit Pülverchen, Weizenmehl oder Tapetenkleister in Umlauf gebracht haben - 3400 Anthrax- Verdachtsfälle werden offiziell registriert.

Am 2. November meldet dpa: »Thüringer Ministerium: Erstmals Milzbrand-Probe positiv.« Wenn »Bild« auch verkündet, »mitten in Deutschland rieselt das Grauen aus der Post«, so ist schon zu ahnen, dass hier mit Entsetzen Scherz getrieben wird. Der an das »Arbeitsamt Jena, Geschäftsstelle Rudolstadt« gerichtete Brief mit einem Gesundheitstee-Tütchen darin, das Vitamin C enthält, deutet nicht gerade auf einen internationalen Top-Terroristen hin. Der Absender, der eine Phantomadresse in Islamabad angibt, schreibt den Landesnamen falsch ("Pacistan") und benutzt das Briefzentrum Gera. »Keine Intelligenzbestie«, so der Staatsanwalt.

Am 29. Oktober werden im schleswig-holsteinischen Neu- münster verdächtige Pakete aufgelesen, angeblich ebenfalls »Milzbrand positiv«. Im Berliner Kanzleramt beruft Staatssekretär Frank-Walter Steinmeier die Sicherheitslage ein. Bundeskanzler Gerhard Schröder erreicht die Schreckensnachricht auf dem Weg nach Moskau. Bis die erlösende Entwarnung kommt, vergehen aufgeregte Stunden.

Im Fall Neumünster kommt heraus, dass sich der arbeitslose Sozialarbeiter und Künstler Stefan H. zum 30. Geburtstag eine »Kunstaktion« gönnte, indem er 30 Pakete mit Gips vom Baumarkt über die Kleinstadt verteilte. Den Tätern drohen Strafen, in Itzehoe wird einer zu acht Monaten auf Bewährung verurteilt.

Schön, wenn alle Fälle so ausgingen wie der mit dem rieselnden Päckchen aus Islamabad, das im sachsen-anhaltinischen Bad Lauchstädt Schrecken verbreitet hat. Die Post ruft den Absender an, und der erklärt, er habe seinem Bruder in Halle ein paar Kilo tibetisches Weizenmehl geschickt. Das war die Wahrheit. SEBASTIAN KNAUER

Zur Ausgabe
Artikel 125 / 154

Mehr lesen über