SENIOREN Tödlicher Qualm
Der erste Hinweis klang noch mysteriös. Eine Altenpflegerin sprach Dirk Stahl auf der Beerdigung seines Vaters ihr Beileid aus und fügte hinzu, falls er »etwas unternehmen wolle«, könne er mit ihrer »Aussage rechnen«. Ein Angebot, mit dem der Landwirt aus dem holsteinischen Drage zunächst nichts anzufangen wusste.
Denn Stahls 71-jähriger Vater, seit einem Unfall geistig verwirrt, war Opfer eines Brandes geworden, der auf den ersten Blick wie ein tragischer Unglücksfall aussah. Zusammen mit fünf weiteren Demenzkranken war er Heiligabend in der geschlossenen Abteilung eines Seniorenheims im schleswig-holsteinischen Reher nahe Itzehoe erstickt. Einen technischen Defekt schloss die Polizei weitgehend aus, für Brandstiftung gab es keine Hinweise.
Nun aber, vier Wochen danach, mehren sich die Anhaltspunkte, dass weniger eine Fügung des Schicksals als vielmehr Schlamperei und Geiz verantwortlich für die schlimmste Brandkatastrophe in einem deutschen Altenheim seit Jahren sein könnten. Der Fall Reher wird zum Beispiel, wie beim Brandschutz in Altenheimen geschlampt wird - auch weil die Vorschriften zu lasch und die Kontrollen zu oberflächlich sind. Zudem gehört das Heim in Reher ausgerechnet Friedrich Klösges, dem Vorsitzenden der Landesgruppe im Bundesverband privater Alten- und Pflegeheime e. V. - einem Mann, dessen Organisation bundesweit die Interessen der Betreiber von über 16 000 Einrichtungen mit rund 86 000 Plätzen vertritt.
Dirk Stahl hat mittlerweile über einen Anwalt Strafanzeige gegen Unbekannt erstattet. »Ich habe in den letzten Wochen eine Reihe von Hinweisen erhalten, die mich daran zweifeln lassen, dass in Reher alles in Ordnung war.« Sein Verdacht: Kühles Kostenkalkül des Betreibers, gepaart mit oberflächlichen Kontrollen der zuständigen Aufsichtsbehörden, hätten den Tod der alten Menschen mitverschuldet.
Für den Arzt Klösges sind die Vorwürfe haltlos. Zwar räumt er ein, mit dem teilweise reetgedeckten Objekt »ein altes Haus« übernommen zu haben, betont jedoch, er habe viel investiert, um das Heim sicherer zu machen.
Pflegekräfte erinnern sich anders. Cornelia Leckzut, die bis Ende September 2001 als Pflegedienstleiterin in Reher gearbeitet hat, wirft dem Verbandschef vor, er habe »überall und immer kräftig gespart«. Erst nach einer Kontrolle des für den vorbeugenden Brandschutz zuständigen Bauamts des Kreises Steinburg im Juli 2001 seien »die gröbsten, aber längst nicht alle Mängel« behoben worden. Klösges bestreitet dies: »Nach Übernahme des Hauses Reher im Oktober 2000 haben wir im Kontakt mit den Behörden uns erteilte Auflagen erfüllt. Auftretende Mängel wurden selbstverständlich sofort beseitigt. Dies gilt auch bezüglich des Brandschutzes.«
Der Mann vom Bauamt hatte unter anderem eine defekte Rauchschutztür sowie Müll und Kleidersäcke auf den Fluren, die als Fluchtwege frei gehalten werden müssen, moniert. Außerdem kritisierte er, dass sich die Brandmeldezentrale des Gebäudekomplexes damals noch in den Wohn- und Schlafräumen des ehemaligen Besitzers befand - weit weg vom Personal, das sie im Blick haben sollte.
Das hatte der Hamburger Architekt Helmuth Schulz bereits im März 2000 beanstandet. Der Diplomingenieur, dessen Büro auf den Bau von Alten- und Pflegeheimen spezialisiert ist, hatte die Gebäude im Auftrag eines anderen Kaufinteressenten begutachtet und »gravierende Brandschutz-Mängel« notiert.
Als Punkt 34 einer 59 Punkte umfassenden Liste hielt er fest: »Die beleuchteten Fluchtwegtransparente sind nicht funktionsfähig.« Besonders kritisch beurteilte er »brennbare Fußbodenbeläge« und »Kunststoffdeckenverkleidungen«. Unter Punkt 54 heißt es: »Alle Patientenzimmer weisen ebenfalls Deckenverkleidungen mit Kunststoffpaneelen auf. Allein deswegen scheint angeraten zu sein, auch hier Brandmelder zu installieren.«
Doch die gab es, wie das Kreisbauamt 16 Monate später vermerkte, in der geschlossenen Abteilung nur im Gemeinschaftsraum und auf dem Flur. Auch die Kunststoffpaneele, dies bestätigt Stahl, der seinen Vater noch am Tag vor Heiligabend besuchte, wurden nicht entfernt. Dass die schwelenden Plastikplanken bei einem Brand für eine tödliche Qualmwolke sorgen können, scheint zweitrangig gewesen zu sein. Der Brandschutzbeauftragte des Kreises verweist darauf, dass Klösges die nach der Inspektion im Juli 2001 gemachten Auflagen erfüllt habe. Dies hätten Nachkontrollen gezeigt.
Allerdings: »Umfassende Sicherheit existiert auch nach einer Begehung nicht.« Ihm seien, klagt der Behördenvertreter, wegen zahlreicher Gesetzeslücken in vielen Fällen »die Hände gebunden«. So gebe es in der Heimmindestbauverordnung des Bundes nicht eine einzige Vorschrift zum Brandschutz. Auch die Landesbauordnung berücksichtige die Besonderheiten von Pflegeheimen nicht. Brandmelder in jedem Zimmer könne er nicht verlangen, weil es eine entsprechende Vorschrift nicht gebe. »Auch bei Kunststoffverkleidungen in Patientenzimmern kann ich gegenüber den Betreibern nur auf die Gefahren hinweisen und versuchen, Überzeugungsarbeit zu leisten. Mehr ist nicht drin.«
Die missliche Rechtslage exkulpiert die Brandschützer in Reher aber nur zum Teil. Denn die Kontrollen waren offenbar nicht besonders gründlich. So übersah der Inspekteur, dass die Zimmer über dem Gruppenraum, in dem das Feuer ausbrach, erst als Personalwohnung, dann als Büro der Pflegedienstleiterin dienten. Die Nutzung dieser Räume hatte das Kreisbauamt aber schon vor Jahren verboten - wegen der besonderen Brandgefahren in dem Reetdachhaus. Ex-Pflegedienstleiterin Leckzut: »Sowohl Klösges als auch sein früherer Geschäftsführer haben uns mehrfach eingeschärft, nichts über die Nutzung der Räume verlauten zu lassen und bei Kontrollen dafür zu sorgen, dass dort keiner nachschaut.« Klösges äußert sich dazu nicht.
Tanja Wiese, die bis November vergangenen Jahres als Pflegehelferin in Reher gearbeitet hat, bestätigt den Vorwurf und benennt weitere Schwachstellen, die ihrer Ansicht nach dem Kontrolleur entgangen sind: »Die Elektroinstallation in Teilen der geschlossenen Abteilung war derart marode, dass wir in den Deckenstrahlern nur 25-Watt-Birnen benutzen durften.« Dennoch seien häufig »Birnen durchgeknallt«. Oft hätten Pfleger und Bewohner »im Dunkeln gestanden, weil die Sicherungen rausgesprungen waren«.
Mitarbeiter eines Elektroinstallationsfachbetriebs, so Wiese, habe sie im Heim trotzdem nie gesehen. Die meisten einschlägigen Arbeiten seien ihrer Kenntnis nach von einem Klösges-Elektriker durchgeführt worden. »Den habe ich öfter neue Strippen ziehen sehen, weil er mit dem Durcheinander von alten Leitungen nicht klarkam.« Seit dem Brand macht sich die ehemalige Pflegehelferin Vorwürfe, dass sie den Bauamtsprüfer nicht darauf hingewiesen habe. Schließlich sei das Feuer im Gruppenraum ausgebrochen, genau dort, »wo die Birnen reihenweise kaputtgingen«.
Und noch einen Missstand wirft Wiese Klösges vor: die dünne Personaldecke. »Wir waren ständig am Rande des Machbaren. Laut Vorschrift musste in jeder Abteilung pro Schicht eine examinierte Pflegekraft da sein, doch das war so gut wie nie der Fall.« Deshalb informierte Wiese am 28. September den für die Heimaufsicht zuständigen Mitarbeiter des Kreises, Hans-Peter Stürck. Der erschien am Abend zu einer unangemeldeten Kontrolle und traf im Heim nur nicht examinierte Hilfskräfte an.
Cornelia Leckzut, die von Stürck ins Heim beordert worden war, musste gleich am nächsten Tag mit den Dienstplänen in die Klösges-Zentrale nach Itzehoe. Dort habe ihr eine leitende Mitarbeiterin die Pläne abgenommen und rückwirkend und wahrheitswidrig sich selbst und eine weitere examinierte Kraft für die entsprechenden Schichten eingetragen.
Klösges bestreitet dies: »Bezüglich der Personalsituation haben wir nach Maßgabe der gesetzlichen Regelung und den Vorgaben der Heimaufsicht gehandelt.«
Leckzut, die zu diesem Zeitpunkt bereits wegen ständiger Auseinandersetzungen über Personal- und Ausstattungsfragen gekündigt hatte, war fassungslos. Gleich nach ihrer Rückkehr machte sie Kopien der Papiere und schickte sie Heimaufseher Stürck. Der versprach, sich um die Sache zu kümmern - doch Sanktionen verhängte er nicht.
Obwohl er selbst gesehen hatte, dass gegen geltende Vorschriften verstoßen worden war, glaubte er den Einlassungen des Betreibers. »Die betreffende Mitarbeiterin und Herr Dr. Klösges haben mir versichert«, rechtfertigt sich Stürck auf Anfrage des SPIEGEL, »dass die eingetragenen Kräfte tatsächlich gearbeitet hätten.« Trotz der Tatsache, dass Wiese die Version ihrer Vorgesetzten Leckzut bestätigte, verzichtete der Heimaufseher auf weitere Nachforschungen. Knapp drei Monate später starben sechs hilflose Menschen in den Flammen. GUNTHER LATSCH