VERKEHR Tolldreist ins Chaos
Die Bauern wussten es schon immer: »Ist der Oktober warm und fein, kommt scharfer Winter hinterdrein.« Im Schnitt alle vier Jahre ist der Oktober so lauschig, wie er es diesmal war - und fast immer läuft es dann nach der alten Regel, das wissen die Meteorologen heute.
Diesmal war es das Tiefdruckgebiet »Laurin«, das Bauernweisheit und Statistik bestätigte, recht pünktlich zum Winteranfang. Kurz vor dem Weihnachtswochenende schickte es vom Baltikum her einen Ausläufer Richtung Deutschland. Er kam über Brandenburg, zog dann erst mal nach Sachsen und weiter Richtung Westen.
Zur selben Zeit machten sich am Boden Hunderttausende Autofahrer auf den Weg nach Süden in den Skiurlaub oder zur Familie unter den Tannenbaum - und direkt hinein in die schlimmste Bescherung seit Jahren.
Denn Laurins Ausläufer brachte vor allem in die Mittelgebirge und nach Bayern Massen von Schnee - wie es die Meteorologen angekündigt hatten. Auf Hunderten Kilometern deutscher Autobahnen ging am Wochenende vor Heiligabend deshalb gar nichts mehr. Zu Zehntausenden saßen Autofahrer frierend in Mega-Staus, stundenlang oder auch die Nacht hindurch, allenfalls mit dem Nötigsten versorgt von Lebensrettern, die stellenweise nur noch mit dem Snowmobil vorankamen.
Die Bundeswehr griff ein, in Bayern gaben Landkreise Katastrophenalarm, im Berchtesgadener Land wurde die Rekordtemperatur von minus 45,9 Grad gemessen - ein Hauch von Alaska. Aber auch in den Niederungen der norddeutschen Tiefebene, rund um Hannover etwa, krachte es nun fast im Minutentakt, und in Berlin zählten Polizisten Freitag und Samstag vor Weihnachten 640 Unfälle. An den Autobahnen mussten unterkühlte Kleinkinder in Krankenhäuser gebracht werden, mehrere Menschen starben bei der »schlimmsten Schneekatastrophe, die wir je hatten«, so Bayerns Innenminister Günther Beckstein.
Schon Tage vorher hatte es ähnlich im Süden Europas ausgesehen: Im griechischen Thessaloniki etwa musste der Flughafen im wilden Schneetreiben geschlossen werden, Hunderte Dörfer waren abgeschnitten, auf den Autobahnen stellten sich die Lastwagen quer. Selbst in Vororten von Athen schneite es - ebenso wie im Süden Italiens oder auf dem spanischen Festland.
In Deutschland litten nicht nur die Autofahrer, auch viele Fernzüge hatten Verspätung, und der Luftverkehr geriet ebenfalls heftig durcheinander. In Frankfurt mussten über 230 Starts und Landungen gestrichen werden. In Nordrhein-Westfalens Oberbergischem Kreis knickten Bäume unter der Schneelast weg und rissen Überlandleitungen mit sich, mehr als 100 000 Menschen saßen im Dunkeln.
General Winter versuchte gar, die Parlamentsentscheidung für den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr zu torpedieren: Bei der Abstimmung am Samstag vor Weihnachten fehlten 85 der 666 Abgeordneten, einige davon steckten im Schneetreiben auf den Autobahnen fest.
Auf der Sauerland-Linie A 45 etwa gab es zwischen Gießen und Siegen mehr als zwölf Stunden lang kein Vor und kein Zurück mehr. Erst kam der Schnee, dann taute es zeitweilig, schließlich panzerte erneuter Frost die Fahrbahn mit blankem Eis. Auch auf der A 3 von Köln Richtung Frankfurt standen Autos und Lastwagen, Stoßstange an Stoßstange, auf 50 Kilometern.
Besonders schlimm traf es die Autofahrer auf der A 9 zwischen Thüringen und Nürnberg. Dort standen sie, rund 20 Stunden lang, auf über 100 Kilometern: der perfekte Stau. Helfer von Rotem Kreuz und Technischem Hilfswerk brachten den Eingeschlossenen Decken, heißen Tee, Müsliriegel.
Über 1000 Menschen mussten sich in Notunterkünfte retten. Andere hatten genug Diesel oder Benzin im Tank, um den Motor und somit die Heizung laufen lassen zu können, sie richteten sich häuslich ein: »Meine Kollegen haben sich zu Fuß auf den Weg zum Bäcker gemacht«, so Christian Kiebak, Handwerker auf dem Heimweg ins thüringische Saalfeld.
Seine Truppe war in der Nähe von Bayreuth stecken geblieben, am Freitag vor Weihnachten. Und am Samstagmittag kam der Wagen der Männer immer noch nicht recht voran. Was sollten die Ostler also anderes tun? Helfer drangen nicht bis zu ihnen vor, Räumfahrzeuge kapitulierten vor Schneeverwehungen, die der stramme Wind immer wieder flott auftürmte - oder sie wurden von quer stehenden Lastwagen und Autos mit leerem Tank blockiert.
Über dem Chaos auf der A 9 kreiste Minister Beckstein im Hubschrauber und konnte von oben auch flugs die - neben dem Tiefausläufer - Hauptschuldigen des Desasters ausmachen: Dummköpfe am Lenkrad, und zwar massenhaft.
Der Christsoziale sah »mit großem Zorn« Lastwagenfahrer, die mit ihren Brummern zu viert nebeneinander die Autobahn sperrten, statt auf dem Rastplatz zu schlafen. Und die Pkw-Piloten seien mit ihrer »Disziplinlosigkeit« auch nicht besser, hatten sich doch viele tolldreist ins Chaos gestürzt, den Tank nur viertel voll, die Sommerreifen dafür ganz abgefahren.
Fassungslos beobachteten Polizisten, wie sich Autofahrer sogar noch vor blockierten Auffahrten anstellten, als locke es sie unwiderstehlich zu all ihren Artgenossen - die sich derweil kein Stück intelligenter benahmen: Überall klagten die Arbeiter der Räumdienste über ungeduldige Rüpel, die sich vermeintlich clever direkt hinter die Schneepflüge hängten, während deren Fahrer mühsam versuchten, eine Gasse für Rettungsdienste freizuräumen. Sobald die Drängler dann auf der natürlich noch immer glatten Fahrbahn erneut festlagen, war die Schneise schon wieder dicht.
Andere Reisende gingen einfach zu Fuß ins nächste Dorf - und ließen ihre abgeschlossenen Autos als Barrikaden auf der Spur stehen. Bei der Arnsberger Autobahnpolizei etwa riefen 200 Leidtragende an, um zu klagen. Entspanntere Charaktere setzten unterdessen erst mal Schneemänner auf die Böschung.
Nach seinem Hubschrauber-Flug sann der Christsoziale Beckstein umgehend auf Abhilfe. Bei solchem Wetter könne man durchaus mal über ein Fahrverbot für Lastwagen nachdenken, so der Minister. Und die Räumdienste sollten bei derartiger Lage doch schon vorbeugend Salz streuen.
Die Experten konterten, prophylaktisch gestreut werde schon längst - nur gegen Schneeverwehungen dieses Kalibers, so sprang ihnen ein ADAC-Mann bei, könne man nichts machen.
Wer bei solchem Wetter fahren wolle oder müsse, sagt Klaus Reindl von der Münchner Zentrale des Automobilclubs, solle auf Winterreifen und einen vollen Tank achten. Und wenn alle stehen, helfe heißer Tee und Schokolade als Notnahrung. Bei soliden Minusgraden sei schließlich auch die Gefahr gering, dass die Kinder damit die Polster verschmieren. CLEMENS HÖGES