Tolles Fahren - DER SPIEGEL
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LONDON Tolles Fahren

Der Stadtrat senkte die berüchtigt hohen Fahrpreise der U-Bahn - und will dafür die Steuern rabiat erhöhen.
• aus DER SPIEGEL 47/1981
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Sie standen Schlange wie einst in den ersten Kriegsnächten, als Zehntausende Londoner in den U-Bahnhöfen ihrer Hauptstadt eigens noch Tickets kauften, um bei Fliegeralarm Schutz zu suchen.

Diesmal aber schien der Anlaß für die Reihen von Billettkäufern der freudigste seit langem. Londons Stadtrat nämlich, der von einer linken Labour-Mehrheit kontrolliert wird, machte ein Versprechen wahr, das die Haushaltskasse Hunderttausender entlastet und obendrein verkehrspolitisch Sinn macht.

Um den Autostau im abgasreichen Zentrum aufzulösen, dessen Straßenraster seit der Pferdekutschenzeit praktisch unverändert blieb, wurden am 5. Oktober erstmals Londons berüchtigt hohe U-Bahn-Preise gesenkt.

Anstatt wie bisher sieben Mark täglich für die Fahrt zur Arbeit und zurück, hat ein City-Angestellter etwa aus dem Nordlondoner Stadtteil Wood Green nunmehr nur noch vier Mark zu zahlen. Zwischen Kensington im Westen und Aldgate im Osten wurden die Fahrpreise zum Teil um die Hälfte zurückgenommen.

Touristen beispielsweise, die von den Hotels im St. James Park zur Baker-Street-Station fahren, um das Wachsfigurenkabinett der Mme. Tussaud zu sehen, kostet dieser Abstecher nur 80 Pfennig.

»Billigtarife - ein tolles Fahren«, so lautete am ersten Tag des jähen Preissturzes die Schlagzeile der Abendzeitung »The Standard«, die sonst gewohnheitsmäßig gegen die Labour-Fraktion im sogenannten Greater London Council (GLC) giftet, diesmal aber jene Laufkundschaft nicht ärgern wollte, die das Blatt hauptsächlich auf der Achse liest.

Doch die Freude wurde schnell gedämpft; denn parallel zur Fahrpreisermäßigung bei U-Bahnen und Bussen erhöhten Londons Labour-Bosse die Gemeindesteuern auf Haus- und Grundbesitz, S.171 um mit Hilfe derber Zuschläge das neue Defizit im Untergrund - rund eine halbe Milliarde Mark im ersten Billig-Fahrjahr - wettmachen zu können.

Hunderttausenden von Londonern im Vorstadtring, dessen Bewohner größtenteils im Eigenheim mit Garten siedeln, bleibt deswegen unterm Strich von den geringeren Tarifen kaum etwas. Die meisten zahlen auf dem steuerlichen Umweg sogar ungleich mehr als früher, selbst wenn sie häufiger als bisher mit der U-Bahn oder per Bus ins Zentrum fahren.

Auf diese Weise rächt sich nun ein altes Übel, an welchem die mit sozialen Wohltaten schon immer geizenden Regierungen in Whitehall Schuld tragen: Londons Stadtrat bekommt die Betriebs- und Unterhaltskosten der städtischen Verkehrsgesellschaft nur zu einem Viertel mit Subventionen vom Staat ausgeglichen - die Pariser Verkehrsbetriebe zum Beispiel erhalten die Hälfte vom Staat erstattet.

Margaret Thatchers zuständiger Kabinettsminister Michael Heseltine zeigte sich besonders hart, indem er diesjährige Zuschüsse in Höhe von 400 Millionen Mark nicht auszahlte, um die ausgabenfreudigen GLC-Politiker zu strafen.

Doch schon allein aufgrund der reduzierten Fahrpreise müßten bis 1985 Gemeindesteuerzuschläge in Höhe von rund drei Milliarden Mark erhoben werden, unter anderem auch von Londons Firmen, die der rote Stadtfiskus gründlicher denn je schröpfen möchte.

Großhotels im West End etwa, die jährlich bereits bis zu vier Millionen Mark Gemeindesteuern zahlen, werden nun mit 400 000 Mark zusätzlich veranschlagt. Jedes fünfte Unternehmen, das bei einer Umfrage der Handelskammer von Westminster Auskunft gab, drohte mit »personeller Ausdünnung«, falls billigeres Bus- und U-Bahn-Fahren künftig mit höheren Steuern bezahlt werden müsse. Für steuerlichen Mehraufwand von jeweils 10 000 Mark, so lautet die Unternehmer-Faustregel, gehe prompt ein Arbeitsplatz verloren.

»Es war verdammt richtig, die niedrigeren Tarife durchzusetzen, die Ansprache des Publikums ist überwältigend«, rechtfertigt dagegen Dave Wetzel, Chef des GLC-Verkehrsausschusses, die Entscheidung. Wetzel hatte sich schon vor der Billigpreis-Premiere ganz persönlich festgelegt: »Lieber mache ich Bankrott, zahle Strafe oder gehe ins Gefängnis, als an dem neuen Preissystem herumzudoktern. Immerhin habe ich ein sozialistisches Mandat.«

Ein Gefängnisaufenthalt von Wetzel ist seit letzter Woche nicht einmal mehr auszuschließen: Das Appellationsgericht gab dem Einspruch eines konservativen Südlondoner Stadtbezirks recht, der die Gemeindesteuerzuschläge zum Zweck der Fahrpreisfinanzierung als »illegal« gewertet wissen will.

Die Labour-Fraktion im GLC, so entschied am Dienstag der Gerichtsvorsitzende Lord Denning, 82, habe »dümmlich« gehandelt und mit der Fahrpreisreduzierung »ein Geschenk« verteilt, das »völlig aus der Luft gegriffen« sei. Die Maßnahme sei deshalb »ungesetzlich« und müsse revidiert werden.

Erwartungsgemäß legte GLC-Chef Ken Livingstone, 37, nun seinerseits Revision ein. Damit die höchste Instanz, das House of Lords, aber sogleich erfährt, worum es geht, kündigte er an, im Falle einer neuerlichen Niederlage die Tarife wieder zu verändern - und zwar, falls eine Kostendeckung ohne steuerliche Hilfe verlangt werde, »um das Dreifache nach oben«.

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