TOLLWUTBEKÄMPFUNG - DER SPIEGEL
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TOLLWUTBEKÄMPFUNG

• aus DER SPIEGEL 31/1968
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Der neue Intendant war am Ende seiner Antrittsrede angelangt. Er hatte »Verständnis für eine Generation« verlangt, die durch das »Gerede vom deutschen Spießbürger« verunglimpft werde, er hatte Ernst Bloch »geistigen Hochmut« vorgeworfen, und nun bat er die Zuhörer, seine Schlußbemerkung »so heiter, wie sie gemeint Ist«, zu nehmen. Franz Barsig, einstiger SPD-Sprecher und jetzt neuer Intendant des Senders Freies Berlin, zitierte -- und noch wußte niemand, was dies mit seinem Amt zu tun haben sollte -- eine Dienstanweisung der Münchner Polizei zur Bekämpfung tollwütiger Hunde: »Notwendig werdende Abwehr solcher Hunde erfolgt am besten mit zwei kräftigen Stöcken

Indes, wer die ersten Wochen von Barsigs Intendanten-Tätigkeit beobachtet hat, dem erschließt sich rasch ein Sinn dieser rätselhaften Bemerkung. Während Berlins Regierender Bürgermeister Schütz gerade erst Bemühungen ankündigte, damit Berlin auch »kulturell auf Dauer gesichert« werden könne, hat sein Parteigenosse Barsig Im Berliner Kulturleben so gründlich aufgeräumt, als seien seine Träger tollwütige Hunde, die schleunigst verjagt werden müssen.

Barsigs bisherige Jagdstrecke: Ernst Schnabels wöchentliche

»Literarische Illustrierte«, Paradestück und Hauptanteil des SFB-Fernsehens am gemeinsamen norddeutschen III. Programm, und Hans Werner Richters Studio, unter dem Namen »Berlin 33 Hasensprung« Treffpunkt literarischer und politischer Prominenz.

In seiner Antrittsrede würdigte sich Barsig als »Förderer der engagierten Meinung«. Als jedoch wenige Tage danach Ernst Schnabel in seiner »Literarischen Illustrierten« eine Studentendiskussion unter Professor Kogon veranstalten wollte, lehnte Meinungsförderer Barsig entschieden ab. Kogon, schrieb er, sei »zu einseitig festgelegt«.

Eine Woche später nahm Barsig, der in seiner Antrittsrede das »Grundübel« bekämpft hatte, kräftig im Austeilen und »überempfindlich beim Einstecken« zu sein, heftigen Anstoß, weil die »Literarische Illustrierte« einen Kommentar zum Intendantenwechsel gebracht hatte. Zwar fand Barsig den Text »vom Wortlaut her völlig in Ordnung«. Aber -- so sein entschiedener Einwand -- »ich traue mir auch zu, zwischen den Zeilen zu lesen«. Barsig -- 14 Tage im Amt -- zieh Schnabel der Illoyalität und kündigte eine Änderung seines Status an. Schnabel, selbst einmal lange Jahre NWDR-Intendant und ohne Verständnis für den SPD-Baracken-Ton Barsigs, legte die Redaktion seiner »Literarischen Illustrierten« nieder. Es war noch der »Fall Haffner« hinzugekommen.

Bei einer seiner frei gesprochenen politischen Plaudereien für die »Litetarische Illustrierte« hatte Sebastian Haffner eine Kiesinger-Rede kritisiert, in der der Bundeskanzler härtere Maßnahmen gegen studentische Aufrührer angekündigt hatte. Barsig warf Haffner vor, er habe Kiesinger »unzulässig« und »unkorrekt« zitiert, weil dieser härtere Maßnahmen nur für den Fall angekündigt habe, daß die Studenten »die ungesetzlichen Aktionen fortsetzen«. Weil Haffner in seiner frei improvisierten Plauderei die Kanzler-Argumentation um diese selbstverständliche Voraussetzung verkürzt hatte, warf ihm Barsig öffentlich -- in der nächsten Sendung -- vor, »wichtige Grundsätze sauberer journalistischer Arbeit nicht beachtet« zu haben. Schriftlich kündigte er Haffner an, er könne nur noch alternierend mit einem anderen Kommentator alle zwei Monate »eingesetzt werden«.

Drei Tage vor dieser Belehrung hatte Barsig seine Antrittsrede gehalten, in der er Ernst Bloch »geistigen. Hochmut« vorwarf, weil er »das Lebensziel, ein Häuschen zu haben, ordentlich und gewissenhaft seiner Arbeit nachzugehen und seine Kinder etwas Besseres werden zu lassen, als stinkendes, verfettetes und langweiliges, inhaltsloses Leben bezeichnet« und Menschen so »beschimpft« habe,

In Wirklichkeit hatte Bloch, anders als Zitier-Experte Barsig, nicht von »stinkendem«, sondern von »sinkendem« Leben gesprochen, Häuschenbauer und ordentliche Arbeiter kommen bei Bloch überhaupt nicht vor, und somit erhebt er auch keine Vorwürfe gegen sie, sondern konstatiert ganz im Gegenteil, daß es auch in Wohlstandsgesellschaften zu Revolutionen kommt, weil »ein sinkendes, ein verfettetes ... ein langweiliges, inhaltsloses Leben« zu einem unmenschlichen Zustand und damit zum Wunsch nach Veränderung führt. Aber Barsig gegen Haffner: »Ich finde, die Wiedergabe von Zitaten, ob mit oder ohne Anführungsstriche, muß peinlich genau und korrekt sein.«

Otto Köhler
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