Top secret
Es war der ganze Stolz des kleinen Befehlsempfängers, mit dem der Tunesier »Mohammed« am 26. Februar, abends um 17.34 Uhr, seinem Führer Rapport erstattete: Mein Bruder Saber! Ich teile dir mit, dass ich die falschen Personalpapiere habe. Und es war der ganze Zorn, einen solchen Volltrottel in seiner Organisation zu haben, mit dem der Mailänder Terrorchef Essid Sami Bin Khemai erwiderte: Dass Gott dich verfluchen möge! So redest du am Telefon?
Zu spät. Abgehört, aufgenommen, festgenommen: Dank monatelanger Horcharbeit gelang der italienischen Polizei nicht nur ein entscheidender Schlag gegen das al-Qaida-Netz Osama Bin Ladens - mit der Sprengung der Mailänder Zelle im April, der Verhaftung des Münchner Bin-Laden-Statthalters Lased Bin Heni im Oktober und dem Nachweis einer Fährte zur Frankfurter Meliani-Bande, die schon im Dezember aufgeflogen war. Die spektakulären Abhörprotokolle geben den Fahndern nun auch wichtige Aufschlüsse über die konspirativen Taktiken der Bin-Laden-Kader.
Ihre erste Regel: Telefon nur im Notfall.
Bin Khemai in einem Gespräch mit Bin Heni: Bei al-Qaida gibt es vieles, was top secret ist, aber es gibt Leute, die wissen nicht, wie sie miteinander kommunizieren sollen.
Bin Heni: Das stimmt.
Bin Khemai: Wenn ich am Telefon was sage, dann frage ich nur, wie es ihm geht oder ob er arbeitet ... Aber wenn ich ihm wirklich etwas sagen muss, benutze ich den Boten. Man muss ... ein Fuchs sein ... schlau ...Warum kennt niemand Abu Salman? Er kennt 5000 Leute, aber kein Schwein kennt ihn ... Er hat es so gemacht, wie es sich gehört ... keine Briefe, keine Telefonate ... keine Namen ... Die Telefone müssen ununterbrochen gewechselt werden. Schau mich an ... alles ist falsch ... so haben sie nichts Greifbares.
Die zweite Regel: keine unverschlüsselten Telefonnummern nennen.
Bin Khemai zu einem Komplizen namens Mohammed: Wenn du von diesen Dingen sprechen willst, benutze das andere Telefon.
Mohammed: Ich habe die Nummer nicht.
Bin Khemai: Fang an zu schreiben, nach der internationalen Nummer 338, kennst du den Trick?
Mohammed: Ja.
Bin Khemai: Ohne mich zu stressen, wende diesen Trick an. 4874406.
Mohammed: Die Technik fängt mit 4 an.
Bin Khemai: Rede nicht an diesem Telefon.
Die entschlüsselte Nummer ergibt sich aus der Differenz jeder einzelnen Ziffer zur 10, in diesem Fall lautete die echte Telefonnummer nach der 338 also 6236604 - eine Handy-Nummer Bin Khemais.
Die dritte Regel: nie einem »Ungläubigen« vertrauen.
Bin Heni zu einem Gotteskrieger namens Harun: Die Feinde Gottes sind viele. Sie lächeln dich an, aber du darfst denen nie zu viel Vertrauen schenken.
Die vierte Regel: die Gegner töten.
Bin Khemai: Harun, haben wir es vielleicht vergessen, dass wir diese anderen erledigen wollten?
Bin Heni: Was haben sie getan?
Bin Khemai: Sie haben gefragt, wer ich sei.
Bin Heni: Worauf wartet ihr denn? Wenn sie schon hier sind, lass uns hinge-
hen und sie erledigen! Bevor ich abfahre, würde ich gern sehen, welche Farbe deren Blut hat ... Saber, warum hast du sie nicht schon längst erledigt?
In fast jedem Gespräch geht es um die Gefahr der Entdeckung. Achte auf die Schlangen, warnt Bin Khemai. Doch weil weder er noch seine Männer sich an die eigenen Regeln halten und die Polizei nicht nur Telefone, sondern auch Wohnräume verwanzt, hören die Lauscher Ansprachen wie Bin Henis Eloge auf Bin Laden:
Glaube mir: Der Scheich ist nicht nur Zuschauer. Er plant etwas ... Es ist kein kleines Ding, was er vorhat ...Vielleicht sind die Amerikaner davon überzeugt, dass die Bombardierung der Ausbildungszentren des Scheichs für sie ein Sieg war. In Wirklichkeit war sie eine Niederlage. Denn der größte Teil der Raketen ist nicht mal explodiert - und nun bereichern sie das Arsenal des Scheichs ... Wenn du nach Kandahar fährst, dort in den Grotten - dort sind ja Arsenale, du kannst es dir nicht vorstellen. Massenweise Waffen jeder Art ... Aus jedem Land auf der ganzen Welt sind Geschäftsleute zu ihm gekommen, die die Amerikaner hassen, um die Strategie der amerikanischen Raketen zu erforschen, vor allem aus China. Er arbeitet viel mit China, hat gute Beziehungen zu den Chinesen. Auch in seiner Gruppe, die die amerikanischen Waffen erforscht, sind chinesische Professoren dabei.
Der Libyer Bin Heni, der in München von Sozialhilfe lebte und mal drei Monate in einem Restaurant jobbte (Dann hat der Besitzer mir gesagt, ich soll das Klo sauber machen, ich habe mich geweigert und bin weggegangen), gibt sich damit als Schlüsselfigur des Bin-Laden-Netzes in Europa zu erkennen.
Zusammen mit Bin Khemai, dem Kopf der Mailänder Gruppe, plante er offenbar einen Chemie-Anschlag. Bin Khemai in einem Gespräch mit Komplizen: Sie legen Gas und tschüss ... so hat keiner was gesehen ... und für sie ist es, als ob gar nichts passiert wäre. Das alles haben die Fahnder auf Band, auch Bin Khemais Beschwörung: Man muss diskret sein - abgehört in einem Apartment an der Via Dubini 3 in Gallarate, Provinz Varese, am 22. März um 5.24 Uhr. JÜRGEN DAHLKAMP, GEORG MASCOLO
»Worauf wartet ihr denn? Wenn sie schon hier sind, lass uns hingehen und sie erledigen! Bevor ich abfahre, würde ich gern sehen, welche Farbe deren Blut hat.«
* Wohnung im italienischen Gallarate.