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»Tot war er erst später«

Hätten sie die Bluttat verhindern können? Christel und Günter Steinhäuser, die Eltern des Attentäters von Erfurt, über Schuld und Solidarität und ihr Leben ein Jahr danach
Von Klaus Brinkbäumer und Felix Kurz
• aus DER SPIEGEL 18/2003
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL: Frau Steinhäuser, Herr Steinhäuser, vor einem Jahr hat Ihr Sohn Robert im Gutenberg-Gymnasium 16 Menschen und sich selbst erschossen. Wie halten Sie es hier aus, warum sind Sie nicht fortgezogen aus Erfurt?

Günter Steinhäuser: Das Schicksal ist doch das gleiche, egal, wohin man zieht. Wir kriegen Post aus ganz Europa, aus Amerika und sogar aus Australien. Diese Tat war so groß, dass wir vor ihr gar nicht fliehen konnten. Wohin denn? Hier sind wir wenigstens nicht allein. Weder Freunde noch Nachbarn oder Kollegen haben sich von uns abgewandt. Es wäre eine Katastrophe, wenn wir hier nicht bleiben könnten.

Christel Steinhäuser: Dann hätten wir das alles gar nicht überlebt. Was damals passiert ist, bleibt immer da, jeden Tag, das wird nicht mehr weggehen. Natürlich hatten wir zuerst gedacht, dass wir hier in Erfurt und in unserer Wohnung nicht mehr leben können.

SPIEGEL: Ist es nicht gruselig, ständig an der Tür vorbeizugehen, hinter der Ihr Sohn

das Verbrechen und seinen Selbstmord vorbereitet hat?

Christel Steinhäuser: Ich lasse diese Tür immer offen. Es ist die letzte Verbindung zu Robert, so ist noch ein Stück von ihm da. Wir reden auch so: »Wo ist der Staubsauger?« - »Bei Robert.« Und in seinem Bett schläft heute die Katze.

SPIEGEL: Seit wann arbeiten Sie wieder?

Günter Steinhäuser: Sechs Wochen nach dem Ereignis habe ich als Einsatzleiter Service bei Siemens wieder angefangen. Ich war körperlich anwesend, mehr nicht.

Christel Steinhäuser: Ich war sechs Wochen krankgeschrieben. Als ich wieder anfing, war die Arbeit lange Zeit extrem anstrengend. Das zumindest hat sich geändert: Ein kleines bisschen Leichtigkeit ist zurück, manchmal kann ich mit den Patienten auf der Station wieder Scherze machen.

SPIEGEL: Haben Sie professionelle Hilfe gesucht?

Günter Steinhäuser: Ja, das war schwierig hier. Es gibt nicht so viele Therapeuten in Erfurt, und es gibt viele Angehörige von Opfern und traumatisierte Schüler, und dass dann die Eltern des Täters kamen, das war ... nun ja, schwierig eben. Wir müssen nach Meiningen fahren, rund 80 Kilometer weit, aber da sind wir gut aufgehoben.

SPIEGEL: Zermartern Sie sich das Hirn mit Gedanken an mögliche Fehler und verpasste Chancen?

Günter Steinhäuser: Vor dem Einschlafen sind es die letzten Gedanken, nach dem Aufwachen sind es die ersten.

Christel Steinhäuser: Jeden einzelnen Tag sind sie da. Ich denke immer, dass ich gerade in den letzten Monaten nicht wirklich für Robert da war. Es war so hektisch damals. Hier in Erfurt wurden die Kliniken zusammengelegt, unser ganzes Haus ist umgezogen, da ist mir alles andere entgangen. Und mein Vater ist gestorben. Und ich hatte einen Befund vom Frauenarzt. Es kreiste so viel in meinem Kopf herum.

SPIEGEL: Deshalb haben Sie übersehen, was Sie hätten sehen können?

Christel Steinhäuser: Ich glaube schon. Ich habe zu viel geschimpft und zu wenig nach Ursachen gesucht. Ein paar Monate vor der Tat saß Robert am Küchentisch und sagte: »Es hat alles keinen Sinn.« Ich habe nur geantwortet: »Was redest du für einen Quatsch?« Heute sage ich mir ständig, dass ich nur ein einziges Mal hätte reagieren müssen. Oder an diesem Tag ...

SPIEGEL: ... dem 26. April 2002?

Christel Steinhäuser: Ja, da habe ich mich zum Beispiel darüber gewundert, wie er sich anzog. Die uralte Hose mit den Seitentaschen - zur letzten Abiturprüfung? »Lass den Jungen in Ruhe«, habe ich gedacht. Also habe ich gesagt: »Heute ist endlich Schluss«, und ich meinte natürlich die Schule. Aber er hat gesagt: »Ja, dann ist Schluss.« Was er meinte, weiß ich heute.

SPIEGEL: Wie treten Sie den Familien der Opfer Ihres Sohnes gegenüber?

Christel Steinhäuser: Ich halte die Schicksale der Opfer kaum aus. Wenn die Fakten und Zahlen mit konkreten Bildern, mit Gesichtern und Geschichten zusammengebracht werden, dann erschlägt mich das alles. In der Hautklinik haben wir zum Beispiel die Mutter eines Lehrers behandelt, und dann erschießt mein Sohn ihren Sohn ... Die Frau Wolff, die Ehefrau des ebenfalls getöteten Lehrers Peter Wolff, hat uns besucht. Es war furchtbar traurig.

Günter Steinhäuser: Es gab noch einen Besuch: Ein Lehrer, der Lebensgefährte eines Opfers, kam und hat uns ein wenig von Robert erzählt: dass Robert sich sofort nach hinten gesetzt und signalisiert hat, er wolle seine Ruhe.

Christel Steinhäuser: Dieser Lehrer hat auch erzählt, dass er selbst am 26. April von einem Kollegen vertreten wurde, der dann erschossen wurde. Und seine Freundin hatte am Tag vorher die Nachricht bekommen, dass sie verbeamtet würde. »Jetzt kann ja nichts mehr schief gehen«, hat sie gedacht. Nun ist sie tot.

Günter Steinhäuser: All diese Zufälle! Eine andere Lehrerin war im Erziehungsurlaub und nur zur Vertretung da, und ein Schüler, das einzige Kind seiner Familie, stand im falschen Moment hinter der Klassentür.

SPIEGEL: Haben Sie selbst recherchiert, wollten Sie alles ganz genau wissen?

Christel Steinhäuser: Nein. Alles, was wichtig war, haben wir von der Polizei erfahren.

Günter Steinhäuser: Wir haben lange ohne Fernsehen und ohne Zeitung gelebt. Wenn in den Nachrichten über das Waffengesetz geredet wurde, tauchte im Hintergrund ja sofort das Bild unseres Sohnes auf - das hält man irgendwann nicht mehr aus.

Christel Steinhäuser: Wir haben in dieser Zeit Bücher, Blumen, Einladungen und über 1500 Briefe gekriegt, und das ist keine Floskel: Die waren eine Hilfe.

SPIEGEL: Keine Beschimpfungen, keine Morddrohungen?

Günter Steinhäuser: Zwei Beschimpfungen, eine davon per SMS, und der Absender hat sich eine Woche später entschuldigt. Ganz wenige Briefe kamen aus der rechten Ecke, und da stand dann, Robert sei ein Held. Alles andere war Trost.

SPIEGEL: Worin bestand der?

Christel Steinhäuser: Wir waren nicht mehr so einsam.

Günter Steinhäuser: Vor allem haben wir uns natürlich den Vorwurf gemacht, dass wir ein halbes Jahr lang nicht erkannt haben, dass unser Sohn nicht mehr in die Schule ging, obwohl er bei uns wohnte. Gelernt haben wir aus den Briefen, dass Sie es manchmal einfach nicht sehen können: Wenn jemand nicht die Wahrheit sagt, wenn jemand etwas aufbauen will, was Sie gerade nicht durchschauen sollen, dann kann es eben sein, dass Sie es tatsächlich nicht durchschauen. Selbst wenn es um Ihren eigenen Sohn geht. Wer gekonnt belogen wird, kann die Lüge nicht erkennen.

Christel Steinhäuser: Eltern haben geschrieben, dass sie jahrelang nichts von der Drogensucht ihrer Kinder wussten. Frauen haben berichtet, dass sie ein halbes Jahr lang nicht gemerkt haben, dass ihre Männer arbeitslos waren. Die haben sich jeden Morgen pünktlich fertig gemacht und sich dann irgendwo versteckt ...

SPIEGEL: ... und die Fassade erhalten ...

Christel Steinhäuser: ... ja, und wenn man kein Misstrauen hat und sich das gar nicht vorstellen kann, dass man ausgetrickst wird, dann sieht man natürlich auch die Zeichen nicht. Robert saß hier und sagte: »Die Stunde fällt aus.« Ich dachte immer: »Das sind ja Zustände, so kurz vor dem Abitur.« Es fehlte einfach das eine Schlüsselerlebnis, das zu einem Verdacht geführt hätte - dann hätte vieles ins Bild gepasst.

SPIEGEL: Was denn? Gab es Momente, wo Sie ihn beinahe enttarnt hätten?

Christel Steinhäuser: An diesem Tag stand die schwarze Tasche im Flur, die Sporttasche, und ich dachte noch: »Warum geht er mit der Sporttasche zur Prüfung?« Es war nur ein Gedanke, schnell vorbei, aber natürlich hätte ich reinschauen müssen. Oder einmal, da wollten wir verreisen, und die Reisetasche stand in seinem Zimmer. »Was hast du denn in der Tasche drin?«, habe ich gefragt, er hat irgendwas gesagt, ich habe nicht weiter nachgefragt. Als wir die Tasche dann später fanden, war sie voller Munition. Es war oft so knapp: Die Waffen waren im Zimmer versteckt, sagt die Polizei, hinter dem Schrank habe ich später die Schachtel gefunden, in der die Pistole war. Staubsaugen musste er ja selbst, aber ich war jeden Tag ein paar Mal in dem Zimmer, habe die Wäsche reingetragen. Ein einziger Zufall ...

Günter Steinhäuser: Er hat uns bewusst getäuscht. Einmal hat er von einer Prüfung in Geschichte erzählt, »Machtergreifung« bis Kriegsbeginn ...

SPIEGEL: ... die es nie gegeben hat?

Günter Steinhäuser: Doch, die hat es schon gegeben, nur nicht für ihn. Wir hätten konkreter nachfragen müssen. Ich habe ihn mal zur Seite genommen und gesagt: »Unter uns Männern: Packst du das mit dem Abi?« Und er hat gesagt: »Jaja, das kriege ich in den Griff.« Da war er schon längst nicht mehr auf der Schule.

Christel Steinhäuser: Er hat mir sogar das Buch gezeigt, um das es in Deutsch ging, »Romeo und Julia auf dem Dorfe«. »Darüber habe ich jetzt geschrieben«, hat er gesagt. Und wir waren so froh, dass sein letztes Halbjahreszeugnis ordentlich war, dass er zum Abitur zugelassen wurde; den Gedanken, dass er sein Zeugnis gefälscht haben könnte, hatte ich nie.

Günter Steinhäuser: Er hat das ja auch geschickt gemacht, nicht zu gut, gerade passend. Sein Bruder sagte: »Wenn er jetzt nicht totalen Mist macht, reicht das fürs Abi.« Wir waren so froh.

Christel Steinhäuser: Einmal hatte ich sogar die Mappe vom Schützenverein in der Hand. »Interessiert dich sowieso nicht«, dachte ich. Also legte ich sie wieder weg. Da lagen die Bescheinigungen über seine Waffen drin.

Günter Steinhäuser: An dem Tag selbst hat er all die Formulare auf seinen Schreibtisch gelegt, wie einen Abschiedsbrief. Die hat am Mittag des 26. April sein Bruder Peter gefunden. Und dann hat er die Tasche mit der Munition aufgemacht.

SPIEGEL: Das war gegen 14 Uhr, als noch niemand wusste, wer der Täter war. Sie waren sich in diesem Moment schon sicher?

Christel Steinhäuser: Ja.

Günter Steinhäuser: Nein.

Christel Steinhäuser: Ich wusste es.

Günter Steinhäuser: Da hieß es doch noch, es seien mehrere, mindestens zwei Täter. Wir hatten ja im Autoradio von der Tat gehört, sind sofort zur Schule gefahren, konnten Robert aber nicht finden. Dann haben wir versucht, ihn auf seinem Mobiltelefon anzurufen. Hier in der Wohnung haben wir die Oma erreicht, und die sagte, dass Robert mit Zigarette im Mund noch einmal das Haus verlassen habe. Seit wann rauchte der Junge? Da war klar, dass etwas nicht stimmen konnte. Und dann saßen wir stundenlang hier in diesem Zimmer und hofften, dass irgendwer kommt und uns Klarheit verschafft. Und draußen hämmerten schon die Reporter an die Tür, und das Telefon klingelte ohne Pause.

Christel Steinhäuser: Gegen sechs kamen die Polizisten. Da war es endgültig klar.

Günter Steinhäuser: Es ist unfassbar, wie sich so eine Erkenntnis über Stunden bildet, von der Angst um den Sohn über den Verdacht über Gefühle und Halbwissen bis hin zur Klarheit.

SPIEGEL: Er wollte sich an der Direktorin und den Lehrern des Gutenberg-Gymnasiums rächen, die Robert fallen gelassen hatten.

Günter Steinhäuser: Vorwürfe zu machen steht uns ganz einfach nicht zu.

Christel Steinhäuser: Die Schule ist im Recht.

SPIEGEL: Der Rausschmiss erfolgte aber ohne Elterngespräch, ohne Schulkonferenz, ohne zweite Chance.

Günter Steinhäuser: Robert war 18, die Schule musste uns nicht einbeziehen. Sie haben genau so gehandelt, wie es die Vorschriften bestimmen.

SPIEGEL: Wenn einer seiner Lehrer bei Ihnen angerufen hätte ...

Günter Steinhäuser: ... bitte, es ist mir wichtig, dass wir nicht mit dem Finger auf die Schule zeigen. Natürlich, ein Anruf, da bin ich sicher, und die Dinge wären anders abgelaufen oder vielleicht verhindert worden. Dann wäre Robert nicht in diese Gedankenwelt abgeglitten, die aberwitzige Idee von Rache. Dieses Quäntchen Menschlichkeit hat nicht stattgefunden, darum sitzen wir heute hier zusammen.

SPIEGEL: Ihr Sohn war dem Leistungsdruck nie gewachsen.

Günter Steinhäuser: Der Druck kam nicht durch uns. Wir haben gesagt, dass das Abi eine Riesenchance ist, aber mehr nicht. Wir haben auch gesagt, wenn es nicht klappt, gibt es andere Wege.

Christel Steinhäuser: Wir hätten Robert nie aufs Gymnasium schicken sollen.

Günter Steinhäuser: Wenn man das Abitur nicht schaffte, hatte man nichts, nicht mal Hauptschulabschluss. Jetzt kann man Prüfungen machen und hat einen Abschluss. Auch das Waffengesetz ist nach der Tat geändert worden. Wäre das vorher schon so gewesen, wäre diese Tat nicht passiert.

SPIEGEL: Weil sich 18-Jährige Waffen wie eine Pistole und eine Pumpgun jetzt nicht mehr legal beschaffen können?

Günter Steinhäuser: Ja, er hätte 21 sein müssen und ein Gutachten vorlegen müssen. Robert hatte keine kriminellen Freunde, er hätte auch die kriminelle Energie nicht gehabt, sich die Waffen illegal zu besorgen. Und das Geld schon gar nicht. Damals konnte er sich für etwa 1000 Mark legal bewaffnen.

Christel Steinhäuser: Bis an die Zähne. Sogar ein Messer hatte er dabei ...

Günter Steinhäuser: ... und meine Zuckerrohrmachete aus Kuba.

SPIEGEL: Können Sie, mit einem Jahr Abstand, die Motive Ihres Sohnes nachempfinden? Verstehen Sie ihn?

Günter Steinhäuser: Er wollte Lehrer töten, das steht fest, die Kinder wurden ja durch die Tür erschossen. Er muss die Lehrer also abgrundtief gehasst haben, obwohl er nie voller Hass über sie gesprochen hat.

Christel Steinhäuser: Dass er den Rauswurf nicht verkraftet hat, dass er gedacht hat, er habe ohne Abschluss keine Zukunft, dass der Hass so groß wurde, dass es schon fast krankhaft war - das ist das, was ich heute glaube. Und dass er darüber nicht reden konnte, dass er zu uns kein Vertrauen mehr hatte und deshalb am Ende so allein war, dass er keinen anderen Weg sah.

Günter Steinhäuser: Aber verstehen? Nein. Da ist etwas in ihm vorgegangen, was ich mir nicht erklären kann. Das wirkt schizophren, krank, ich erkenne ihn nicht wieder.

SPIEGEL: Hassen Sie Ihren Sohn manchmal?

Christel Steinhäuser: Überhaupt nicht. Er hat unser Leben komplett verändert. Aber mein Kind hassen? Robert tut mir so Leid. Ich finde es so furchtbar, dass ich ihn allein gelassen habe.

SPIEGEL: Konnten Sie im vergangenen Jahr um Ihren Sohn trauern?

Christel Steinhäuser: Erst nach langer Zeit. In den ersten Tagen nicht. Das kam so nach und nach.

Günter Steinhäuser: Zuerst war er der Täter. Ausschließlich. Tot war er erst später.

Christel Steinhäuser: Wenn ein Kind stirbt, ist es für die Eltern immer grauenhaft. Wenn das Kind sich selbst umbringt, ist es noch viel grauenhafter.

SPIEGEL: Und wenn das Kind vor seinem Selbstmord 16 Menschen tötet ...

Günter Steinhäuser: ... dann stehen Sie da und wissen, dass in diesem Sarg Ihr Kind liegt. Aber glauben können Sie das alles nicht.

SPIEGEL: Frau Steinhäuser, Herr Steinhäuser, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Gespräch führten die Redakteure Klaus Brinkbäumer und FelixKurz.

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