»Totalitäres System« - DER SPIEGEL
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»Totalitäres System«

Autor und Sportmoderator Werner Schneyder, 65, über den Niedergang olympischer Ideale und kritischer Berichterstattung
• aus DER SPIEGEL 7/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL: Glaubt man Ihnen, hat am Freitag eine der überflüssigsten Leistungsmessen der Welt begonnen: Olympia.

Schneyder: Ja, es ist die dümmste Sportveranstaltung von allen, weil ihr die Uridee entzogen worden ist, einmal in vier Jahren die Sportler der Welt zusammenzuholen. Faktum ist, dass die sich so oft sehen, dass sie sich nicht mehr riechen können. Und die hehren Helden sieht sowieso keiner mehr, weil sie in Luxussuiten oder auf Privatyachten separiert werden. Die Veranstaltung ist zu einer vom Fernsehen hysterisch inszenierten Mustermesse der Sportindustrie verkommen und gehört im Grunde totgeschwiegen.

SPIEGEL: Wie weit hat sich der TV-Sportjournalismus dem Wandel unterworfen?

Schneyder: So weit, wie sich der Sport selbst verändert hat. Und der ändert sich mit der Gesellschaft, mit dem steigenden Bedürfnis nach Show. Von einem Sportjournalisten erwarte ich, dass er diese Veränderungen registriert. Er muss nicht nur wissen, wie das Fußballspiel ausgegangen ist. Er muss wissen, welche Bestechungssummen bei der Vergabe von Olympischen Spielen gezahlt werden, und sollte die Lebensqualität korrupter Funktionäre kennen.

SPIEGEL: In Ihrem neuen Buch beschreiben Sie, dass Sportjournalisten nur noch erkunden wollen, was nicht zu erkunden ist, weil es ohnehin jedem Menschen klar sei*.

Schneyder: Sie müssen immer banalere Sachen erkunden, denn überall passiert permanent was: Da rutscht einer beim Trainingslauf zum Trainingslauf ins Kiesbett. Da umarmt einer irgendein »Boxenluder«. Für diese Nichtigkeiten wer-

den so viele »Sportreporter« benötigt, dass es schwer fällt, die Posten noch mit intelligenten Menschen zu besetzen.

SPIEGEL: Klingt, als verkomme der Berufsstand zu einer Garde von PR-Assistenten.

Schneyder: Vielleicht, aber an der Entwicklung ist ja vor allem das Fernsehsystem schuld. Die Sender gaukeln dem Publikum eine Übertragung vor, aber eigentlich veranstalten sie die Sache. Es gibt Kameras in allen Lagen. Informierter ist man am Ende nicht. Man hat nur mehr Reize empfangen. Die Sportjournalisten sind oft nur die Mauerschützen dieses zunehmend totalitären Systems.

SPIEGEL: Kann man sich der Entwicklung überhaupt noch entziehen?

Schneyder: Ja, wenn man es gut macht. Ich könnte mir wunderbar einen Journalisten vorstellen, der sich bei einer Formel-1-Übertragung mal richtig auskotzen würde. Es ist ja noch nicht ausgelotet, wie viel Quote raffinierte Kritik bringt. Vielleicht gibt es auch bald eine Übersättigung, wie in der Musikbranche. Man spielt »unplugged«, weil man den endlosen Krach nicht mehr hören will. Möglicherweise veranstalten bald einige Leichtathletik-Stars eine Gegenolympiade, irgendwo in einem kleinen Stadion ohne Kameras, wo dann gemischte Staffeln aus Nigeria und Finnland zusammen laufen.

SPIEGEL: Nach dem letzten Boxkampf von Axel Schulz haben Sie aufgehört, Sport im Fernsehen zu kommentieren. Würden Sie noch mal zurückkehren?

Schneyder: Nein. Das heißt: doch, wenn ich ein Formel-1-Rennen kommentieren könnte. Dann würde der Sender brennen, sag ich Ihnen. Ich könnte Millionen erklären, wie langweilig das ist, und die Chefs würden wahnsinnig.

INTERVIEW: NILS KLAWITTER

* Werner Schneyder: »Ansichten eines Solisten«. Verlag Kremayr& Scheriau, Wien; 448 Seiten; 22,90 Euro.

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