Tote Seele - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 24 / 66

Tote Seele

• aus DER SPIEGEL 23/1949
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Henry Piening wurde ein Opfer des Neids. Als in Hamburg-Niendorfs Schrebergärten ein Schwein gestohlen wurde, winkten gute Nachbarn die Polizei an Henry's Bretterbude heran. Die Polizisten fanden nicht das Schwein, aber fünf Kilo frischgeschlachtetes Fleisch. Henry umarmte seine Braut Alma und folgte den Polizisten unauffällig zur Wache.

Dort verlangte der Wachhabende Henrys Personalausweis. »Hab' ich nicht,« sagte Piening. »Ihre Kennkarte!« - »Hab' ich auch nicht«, antwortete Piening und schlenkerte nervös mit den langen Armen.

Er hatte außer seinem längst ungültigen Seefahrtsbuch (letzte Eintragung 1938) überhaupt keine Papiere. Dabei lebt er seit 1938 ständig in Hamburg, ist höchstens einmal für ein paar Tage unterwegs gewesen, »zum Einkauf«. »Wie haben Sie denn seit 1939 Lebensmittelkarten bekommen?« Henry zuckte mit seinen Hängeschultern. »Hab' ich auch nicht - noch nie 'ne Lebensmittelkarte gehabt«. Der Wachhabende verlor die Geduld: »Mensch, das gibts doch nicht in ganz Deutschland - jemand, der von 1938 bis 1949 ohne Papiere lebt!«

Die Sache war ganz einfach. Als Henry Piening vor dem Kriege als Heizer auf einem Fischdampfer fuhr, war er bei seiner Freundin Alma in Hamburg gemeldet. Ende 1938 verkrachte sich das Paar. Henry ging wütend an Bord, Alma aufs Polizeirevier, um Henry abzumelden. Von diesem Tage an war Henry Piening bürokratisch eine tote Seele.

Von der Doggerbank zurück, die Heuer in der prallen Brieftasche, ging er jedoch wieder zu Alma. Ueber der Freude des Wiedersehens vergaß Alma die Anmeldung.

Am 1. September 1939 brachte der Funk die ersten Sondermeldungen vom Polenfeldzug. Auch Henry sah sich bereits als Kriegsmatrose an Bord. Da beichtete Alma: »Du existierst nicht mehr. Du bist ja gar nicht gemeldet!«

Dabei blieb es. »Ich hatte doch keine Lust, Soldat zu werden,« sagte Henry aus. Auf die Lebensmittelkarten verzichtete er. Er machte Aushilfen bei Schlachtern und Bäckern, bisweilen schob er. »Sie wissen ja, wie das so ist.«

Für die Sache mit dem Schweinefleisch bekam er drei Wochen Gefängnis; für den Verstoß gegen die Meldeordnung 15 DM Geldstrafe. Die darf er auch noch abstottern.

Alma war stolz auf Henry. »Hast du gehört, was auch der Richter sagte: 'Das gibts kein zweites Mal in Deutschland: Zehn Jahre ohne Papiere!'«

Zur Ausgabe
Artikel 24 / 66

Mehr lesen über