SOWJET- UNION / BARGHOORN Tragödie als Bettlektüre
Ein jugendlich aussehender Mann trat auf den Touristen zu, der sich am Abend des 31. Oktober gegen 19.30 Uhr anschickte, Moskaus Prominentenhotel »Metropol« am Swerdlowsk-Platz zu betreten. »Sind Sie Amerikaner?« radebrechte der Fremde auf englisch. Noch ehe sich Frederick C. Barghoorn, Yale -Professor und Ostexperte, von seiner Überraschung erholt hatte, drückte ihm der Unbekannte einen Packen Zeitungen in die Hand.
Arglos steckte Professor Barghoorn das Paket in die Manteltasche. Auf diesen Moment schienen mehrere Männer, die wie zufällig in der Nähe des Hoteleingangs herumlungerten, gewartet zu haben. Hurtig ergriffen sie den sich kaum sträubenden Amerikaner und verhafteten ihn wegen Spionage. Hauptbeweisstück: jenes Zeitungspaket, das angeblich militärische Informationen enthielt.
16 Tage später - nach einem Protest Präsident Kennedys - ließen die Sowjets Barghoorn überraschend frei.
Die »New York Times« kam in einer Untersuchung über die möglichen Hintergründe der Verhaftung der Wahrheit am nächsten: »Ein Motiv wäre zugegebenermaßen die Furcht der Sowjetführer vor dem Eindringen westlicher Ideen in die Sowjet-Union.«
Seit Nikita Chruschtschow im Winter 1962/63 seinen Feldzug gegen westliche Einflüsse im sowjetischen Kultur- und Geistesleben eröffnete, überschlagen sich die Parteijournale mit Anklagen gegen westliche Rußland-Reisende, die ihre Ostkontakte angeblich dazu benutzen, das kommunistische System von innen her zu unterwühlen.
Im sowjetischen Parteischrifttum bürgerte sich der Begriff des »Touristen-Spions« ein. Darunter verstehen die Sowjetideologen westliche Reisende, die in der Sowjet-Union »negative«, »zersetzende« und »dekadente« Einflüsse verbreiten -von moderner Malerei und Musik bis zur Verteilung von Bibeln und »verleumderischer Literatur«.
So beschuldigte die »Komsomolskaja Prawda« noch am vorletzten Wochenende die 21jährige Tochter des Landwirtschaftsattaches an der Deutschen Botschaft in Moskau, Verena von Wistinghausen, sie habe als Gaststudentin der Moskauer Lomonossow-Universität »provokatorische und kraß antisowjetische Literatur« unter ihren sowjetischen Kommilitonen verteilt.
Bevorzugte Zielscheibe der ideologischen Eiferer in der Sowjet-KP ist jedoch die westliche Ostforschung. Die tonangebende »Literaturnaja Gaseta« und andere Organe geißelten international angesehene Wissenschaftler, wie Boris Meissner, George F. Kennan, Walt W. Rostow und Otto Schiller, als »ideologische Diversanten« und »falsche Prediger«.
In diesem Sommer nahm die antiwestliche Kultur-Offensive des Kreml immer fremdenfeindlichere Züge an. Die Sowjetbehörden schlachteten den Fall des spionierenden Sowjetobersten Oleg W. Penkowski und des britischen Kaufmanns Greville Wynne (SPIEGEL 20/1963) propagandistisch aus, um ihre Bürger von unerwünschten Westkontakten abzuschrecken. Die »Prawda« forderte in drohendem Ton einen Boykott westlicher Diplomaten-Empfänge.
Auf einer Sondersitzung des Zentralkomitees der Sowjet-KP verkündete der Partei-Ideologe Leonid Iljitschow die
These vom »verschärften Kampf« der kommunistischen und der bürgerlichen Ideen - eine offensichtliche Analogie zu Stalins Theorie vom »verschärften Klassenkampf«, mit der die Säuberungen der späten dreißiger Jahre ideologisch gerechtfertigt wurden.
Iljitschow: »An der ideologischen Schlacht nehmen ... vier Millionen amerikanische Touristen teil, die sich jährlich über den Ozean begeben, sowie mehr als 30 000 amerikanische Missionare. Dem kann man noch die Hollywood-Filme und Comics hinzufügen*.«
In der Presse häuften sich daraufhin Berichte über ideologisch unsichere Sowjetbürger, die von wachsamen Nachbarn, Arbeitskollegen oder Kommilitonen bei den Staatssicherheitsbehörden angezeigt worden waren.
Der Schriftsteller Alexander Tschakowski verherrlichte in einem Roman das Denunziantentum am Beispiel des kommunistischen Kinderhelden Pawlik Morosow, der 1932 seinen Vater bei der GPU angezeigt hatte. Das Verbrechen: Der Vater hatte für seine hungernde Familie ein paar Sack Korn vor der staatlichen Requirierungskommission versteckt.
Opfer eines übereifrigen Denunzianten ist vermutlich auch Professor Barghoorn geworden. Sein Name war aufmerksamen Lesern der ideologischen Schulungshefte nicht unbekannt.
Erst im September hatte die parteitheoretische Zeitschrift »Kommunist« den Ostexperten Barghoorn als Störenfried der sowjetisch-amerikanischen Zusammenarbeit angeprangert.
Knapp sechs Wochen später wurde Moskau-Tourist Barghoorn in eine Zelle des Lubjanka-Gefängnisses eingeliefert. Als Bettlektüre überließen ihm seine Bewacher Theodore Dreisers »Amerikanische Tragödie« in russischer Übersetzung.
* Nach Angaben von »intourist« haben im vergangenen Jahr 17 000 amerikanische Touristen die Sowjet-Union besucht.
Krokodil, Moskau
Wunschtraum eines Touristen aus Obersee
Ostexperte Barghoorn
Militär-Informationen im Zeitungspaket?