TRANSZENDENZ - DER SPIEGEL
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Briefe

TRANSZENDENZ
• aus DER SPIEGEL 12/1971
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TRANSZENDENZ

(Nr. 9/1971, Musik)

Daß Stockhausen nicht die Musik entwickelt, sondern den Personenkult, ist eigentlich schon lange klar. Den Musikern, die sich um den Meister scharen, kann man nur raten: Vergeßt doch endlich die Komponisten und versucht, mal selbst Musik zu machen. z.Z. Tokio (Japan) WOLFGANG DAUNER

Sie schreiben: »Stockhausens Texte erschienen ab 1955 regelmäßig in der von Stockhausen publizierten Zeitschrift 'Die Reihe'.« Die Schriftenfolge »Die Reihe« (1955 bis 1962) wurde nicht von Stockhausen, sondern von mir als Herausgeber publiziert. Auf dem Titelblatt jedes Heftes figurierte Stockhausen als »Mitarbeiter«.

Widdersdorf (Nrdrh.-Westf.) PROFESSOR DR. HERBERT EIMERT

Daß Sie Stockhausens jüngste kompositorische Entwicklungen defätistisch als ein »Bergab« abqualifizieren, scheint mir symptomatisch für einen (allerdings weit verbreiteten) intransigenten Standpunkt, wonach künstlerische Artikulationsformen« sofern sie sich den Normkategorien des technokratischen Kulturbetriebs entziehen, von vornherein auf Unbehagen treffen. Das subjektive Hörerlebnis zum Beispiel der Komposition »Stimmung« kann aber durchaus Bereiche einer »immanenten Transzendenz« tangieren, wie sie sonst nur etwa im langsamen Satz der Beethovenschen Hammerklaviersonate oder in bestimmten Mahler-Symphonien vorgefunden werden mögen. Warum also einen Komponisten der Häresie zeihen (selbst wenn dieser möglicherweise einen gewissen Hang zum Narzißmus haben mag), wenn seine Musik aus innerer Kraft der »Industrialisierung des Bewußtseins« entgegenzuwirken vermag, eine Eigenschaft, die sie luzid von den kommerziell beliebig austauschbaren und manipulierbaren Mode-Erzeugnissen der Kelemens und Wittingers unterscheidet?

Hamburg PETER RUZICKA

Obwohl ich als Jungkomponist der autoritären Haltung Karlheinz Stockhausens ebenfalls kritisch gegenüberstehe und von ihm auch schon einmal zum SA-Mann »befördert worden hin, möchte ich doch einiges in ihrem Bericht klarstellen. Der Protest des »Darmstädter Nachwuchses« anläßlich der Ferienkurse 1970 für Neue Musik richtet sich in keiner Weise gegen die musikalischen Ausführungen Stockhausens. Er vermochte als einziger dort in klaren, zum Teil faszinierenden Vorträgen ein umfassendes Bild seiner kompositorischen Gedankengänge zu geben. Das waren keine »weihrauchgeschwängerten Botschaften«, sondern einleuchtende Beiträge, denen man alles Wesentliche der Neuen Musik entnehmen konnte. Erst in späteren Diskussionen ist man aneinandergeraten.

Berlin PETER MICHAEL HAMEL

Als langjähriger treuer SPIEGEL-Leser bin ich ganz bekümmert, weil ich bemerken muß, daß Ihnen zu Ihrer Stockhausen-Story ein paar Enten zugeflogen sind: Die »Mikrophonie I« ist als Beispiel »autoritärer Praxis« ziemlich ungeeignet. Das Opus ist, genaugenommen -- ein Sextett, bei dem vier Musiker am Tamtam spielen und zwei weitere die Filter und Lautstärkeregler bedienen. Dabei ist die Bedienung der elektronischen Geräte in der Partitur genauso minuziös notiert wie jede Aktion der Instrumentalisten. Eine der größten Schwierigkeiten des komplizierten Stücks besteht gerade darin, zwei Spieler im Saal mit den vier Musikern auf der Bühne zu synchronisieren. (Für die Brüsseler Uraufführung benötigten wir mehr als fünfzig Proben.) Ihr Mißverständnis kommt wahrscheinlich von dem bekannten »Mikrophonie«-Film der OBTF. Der Film dokumentiert vorzüglich die Aktionen der Instrumentalisten, vermittelt aber einen falschen Eindruck von Stockhausens Tätigkeit bei der Aufführung. Man sieht gelegentlich den Komponisten in Großaufnahme seine Regler bewegen und möchte meinen, er manipuliere seine Interpreten nach Belieben. Stimmt aber nicht. Die Leute haben nach der Aufführung »ein paar charakteristische Bewegungen« von Stockhausen aufgenommen und später in den Film eingeblendet. Den armen Hugh Davies -- unseren zweiten Mann im Hintergrund -- haben sie fast ganz unterschlagen. Für simultane Aufnahmen aller Spieler während der Aufführung war das Studio nicht ausgerüstet. Ich weiß nicht, wer Ihnen weisgemacht hat, Stockhausen habe bei der Darmstädter Aufführung von »Ensemble« die Kompositionen seiner Kollegen per Lautstärkeregler »nach höchst eigenem Ermessen« unhörbar gemacht. Der Mann muß nicht nur schwerhörig, sondern auch kurzsichtig gewesen sein. Ich war einer der Solisten und weiß es besser: Stockhausen hatte überhaupt keinen Regler in erreichbarer Nähe. Seine ganze Tätigkeit während der Aufführung bestand darin, die von ihm selbst komponierten Einschübe zu dirigieren und gelegentlich durch diskrete Zeichengebung die Koordinierung der zwölf weit auseinander plazierten Gruppen (es spielten also viel mehr als »zwölf Interpreten« mit) zu ermöglichen. Die Fabel von der Unterdrückung des anderen Komponisten ist leicht zu entlarven, wenn man die zwölf Partituren mit den Tonbändern der Aufführung vergleicht. Das gesamte Material befindet sich im »Internationalen Musikinstitut« zu Darmstadt.

Köln ALOYS KONTARSKY

Pianist

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