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USA / JOHNSON TRL

• aus DER SPIEGEL 52/1967
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Amerikas mächtigster Mann schlüpfte durch die Hintertür. Es war am Donnerstag vorletzter Woche. Vietnam-Kriegsherr Lyndon B. Johnson hatte in New Yorks St. Patrick"s Kathedrale seinem Vietnam-Kardinal Francis J. Spellman die letzte Ehre erwiesen.

Doch noch während der Präsident betete, demonstrierten draußen die Vietnam-Kriegsgegner: »Napalm -- Johnsons Babypuder« und »LBJ, LBJ, wie viele Kinder hast du heute getötet?« ("LBJ, LBJ, how many kids did you kill today").

Durch einen Hinterausgang der Kathedrale kehrte Amerikas Staatschef zu seiner Limousine zurück. Heimlich. wie er gekommen war, verließ er die größte Stadt Amerikas: Erst als er wieder sicher in der Luft war, lobte er per Funkspruch die New Yorker Polizei, die inzwischen 300 Demonstranten festgenommen hatte: »Ihr habt verdammt gute Arbeit geleistet.«

Vier Jahre nach seinem Amtsantritt kann sich Lyndon B. Johnson nicht mehr unbeschwert in der Öffentlichkeit bewegen. Wo immer er oder sein treuester Falke, Außenminister Dean Rusk, auftreten, treten auch die Demonstranten gegen Johnsons und Rusks Krieg in Vietnam auf, der das Land »in ein Leichenhaus verwandelt« (Senator Fulbright).

Gespalten wie nie zuvor seit dem amerikanischen Bürgerkrieg, zerfällt die Nation über Vietnam in »Advise« und »Dissent«, in Zustimmung und Ablehnung -- und die Dissenters sind inzwischen bis ins Kabinett vorgedrungen.

Kaum war die Ablösung des kriegsmüden Kriegsministers McNamara publik geworden, da entfleuchten vier weitere Vietnam-Tauben:

> Foy Kohler, 59, Stellvertretender Staatssekretär für politische Angelegenheiten im State Department; > Charles Frankel, 49, Unterstaatssekretär für kulturelle Angelegenheiten im State Department; > John Doar, 46, Abteilungsleiter im Justizministerium und Spezialist für Bürgerrechtsfragen;

> W. True Davis, 47, Unterstaatssekretär im Schatzministerium und US-Vertreter bei der Interamerikanischen Entwicklungsbank.

Es war die dritte Demissionswelle innerhalb von vier Jahren. 1964, wenige Monate nach den Schüssen von Dallas, hatten John F. Kennedys Eggheads dem texanischen Berufspolitiker Johnson gekündigt. 1965/66, als sich die Vertrauenslücke zwischen Johnson und seinen Landsleuten auftat und vertiefte (SPIEGEL 53/1966), quittierten sogar Johnson-Freunde und -Zöglinge wie Bill Moyers, Jack Valenti oder George Reedy den Dienst. Jetzt, ein Jahr vor den Präsidentschaftswahlen von 1968, droht über Vietnam der Exodus des Kabinetts.

Denn McNamara und Kohler, Frankel, Doar und Davis werden nicht die letzten sein. Zwar versicherte Johnson auf einer Pressekonferenz: »Mir ist nicht bekannt, daß irgendein Kabinettsmitglied Rücktrittsabsichten hat.« Zugleich aber schränkte er ein. »Natürlich könnte ich mir vorstellen, daß ein, zwei oder mehr Minister unter bestimmten Umständen zurücktreten würden.«

Die Namen jener »ein, zwei oder mehr Minister« sind in Washington längst offenes Geheimnis:

> John W. Gardner, 55, Minister für Gesundheit, Erziehung und Sozialwesen;

> Orville Freeman, 49, Minister für Landwirtschaft;

> Henry Fowler, 59, Minister für Finanzen;

> Willard Wirtz, 55, Minister für Arbeit, und außerdem

> Arthur Goldberg, 59, US-Botschafter bei den Vereinten Nationen. Sie alle zögern ihren endgültigen Abgang nur hinaus, um dem Staatschef die Demütigung zu ersparen, zur gleichen Zeit von den wichtigsten Mitarbeitern verlassen zu werden.

Je länger sie aber ihren Rücktritt hinausschieben, desto gefährlicher wird die Situation für den Präsidenten: Es wird ihm schwerfallen, fähige neue Mitarbeiter zu gewinnen, die bereit sind, möglicherweise für weniger als ein Jahr ein Amt zu übernehmen.

Denn wer immer sich heute mit Lyndon Johnson liiert, muß damit rechnen, im nächsten Jahr im Lager des Verlierers zu stehen.

Zwar stieg Johnsons Popularitätskurve erstmals seit dem Sommer wieder an, aber die Umfrage war unmittelbar nach jener spektakulären Pressekonferenz gestartet worden, auf der sich LBJ, beflügelt durch den konzertierten Optimismus seines Vietnam-Generals Westmoreland und seines Vietnam-Botschafters Bunker, erstmals wieder als TRL ("The Real Lyndon« -- Der wahre Lyndon) präsentiert hatte.

Dieses Bild des dynamischen Präsidenten aber ist längst wieder überschattet. Selbst als Johnsons Älteste, Lynda, am vorletzten Wochenende Hochzeit machte, blieb das Gesicht des Präsidenten sorgenvoll. Nicht texanischer Frohsinn, sondern getragene Festlichkeit herrschte im Weißen Haus -- obwohl Amerikas Staatschef in Charles Spittal Robb einen Schwiegersohn gewann, der ihm wichtige Wahlhilfe leisten wird.

Denn von Mitte Februar an, wenn der Hauptmann Robb an die Vietnamfront geht, ist nun auch die Familie des Präsidenten -- wie Hunderttausende anderer US-Familien -- unmittelbar vom Krieg betroffen.

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