Trödel oder Schatz - DER SPIEGEL
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PROZESSE Trödel oder Schatz

Ein bizarres Verfahren vor dem Landgericht in Halle sät Zweifel an der Echtheit der Himmelsscheibe von Nebra. Seit acht Monaten streiten die Gutachter.
• aus DER SPIEGEL 19/2005
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An Superlativen bestand kein Mangel: Als Weltsensation, vergleichbar mit dem Fund des Grabes von Tutanchamun, wurde die Entdeckung der sogenannten Himmelsscheibe im sachsenanhaltischen Nebra gefeiert. Teile des Geschichtsbildes der alteuropäischen Bronzezeit müssten erneuert werden. Selbst die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) witterte den »Aufbruch zu neuen Horizonten«.

Sechs Jahre nach dem Fund der angeblich 3600 Jahre alten Bronzescheibe, die wohl Sternenbilder zeigt, ist der Aufbruch ins Stocken geraten. Jetzt streiten Gutachter vor dem Landgericht in Halle an der Saale verbissen um die alles entscheidende Frage: »Ist das Ding echt?« Seit 23 Verhandlungstagen versucht das Gericht, der Wahrheit auf die Spur zu kommen. Und ein Ende des inzwischen achtmonatigen Sachverständigendisputs scheint nicht in Sicht.

Angeklagt wegen Hehlerei sind ein Lehrer und eine Museumspädagogin. Sie hatten die Scheibe von zwei Schatzsuchern erworben und dann dem Landesmuseum zum Kauf angeboten. Wäre die Scheibe Trödel aus neuerer Zeit, kämen die Ankläger in Nöte, weil dann der Vorwurf der Hehlerei mit bedeutsamem Kulturgut nicht mehr greifen könnte. Deshalb haben die beiden erfolgreich Zweifel an der Echtheit des Fundstücks gesät - und damit den Zuschauern unfreiwillig Erlebnisse wie am königlich-bayerischen Amtsgericht beschert: Da hämmerte ein Gutachter vor dem Richter auf einer Scheibe Weichbronze herum und schwang später zwecks Wahrheitsfindung gar den Maurerhammer. Dann wieder ratterte die Kammer mit der Straßenbahn zum Landesmuseum für Vorgeschichte, um die Verhandlung direkt neben dem Corpus delicti weiterzuführen.

Peter Schauer, Professor für Vor- und Frühgeschichte an der Universität Regensburg, ist so etwas wie der Kronzeuge der Verteidigung, weil er das umstrittene Blech in der Vitrine für eine plumpe Fälschung hält. Die Verantwortlichen im Landesamt für Archäologie handelten in einer »gutgläubigen Verirrung« oder seien Opfer eines »ausgemachten Schwindels«, sagt er. Denn die Scheibe sei letztlich »nichts als ein undatiertes Kuriosum«.

Tatsächlich quält sich die Wissenschaft merklich, den von den Raubgräbern aufgespürten Fund eindeutig zu datieren. Die Scheibe ist ein Unikat, vergleichbare Stücke gibt es nicht. Und die Naturwissenschaft stößt an ihre Grenzen: Zwar fand eine 18köpfige Forschergruppe an der Scheibe keine messbare Radioaktivität eines bestimmten Isotops, doch das lässt nur die Aussage

zu, dass der Fund mindestens hundert Jahre alt ist. Ob die Himmelsscheibe aber tatsächlich vor Jahrtausenden in die Erde gelangte, müssen Archäologen bestimmen. Mit Materialanalysen, glaubt der Berliner Professor Josef Riederer - ein international anerkannter Experte für Echtheitsprüfungen archäologischer Objekte -, sei da nichts zu machen.

So bleibt Platz für Spekulationen. Mal meldet sich ein Professor aus Freiburg, der in der Himmelsscheibe den Teil einer sibirischen Schamanentrommel entdeckt haben will, mal sagt Schauer, der Rand der Scheibe sehe aus, als sei er mit einer durchaus neuzeitlichen Fräse bearbeitet worden.

Und zu allem Überfluss gelten manche akademischen Befürworter der Echtheit Zweiflern als befangen: Geht es bei dem Streit doch auch um 3,3 Millionen Euro, die von der DFG für die Erforschung der Funde von Nebra bereitgestellt werden. Ist das Ding unecht, wäre manches Projekt samt Stellen obsolet. Zudem machen die Raubgräber, die ihren Fund zunächst für den Deckel eines Eimers hielten, den um Aufklärung bemühten Archäologen das Leben schwer. Denn die Scheibe sei von den Sondengängern, so hieß es zunächst, zusammen mit Bronzeschwertern, Beilen, einem Meißel und Bruchstücken von Armreifen gefunden worden. Diese Stücke - eindeutig alt - dienten den Experten bislang zur Altersbestimmung der Himmelsscheibe.

Aber die Fundgeschichte wankt nun: Die Schwerter stammten wohl aus Nebra, ließ einer der Schatzgräber kürzlich verlauten, der Fundort der Scheibe sei jedoch in Wahrheit woanders zu suchen. Die falsche Spur in den bronzezeitlichen Schrotthaufen habe man gelegt, um potentiellen Käufern der Scheibe eine schöne Geschichte zu liefern.

Lagen die Fundstücke nun aber nicht beieinander, wackelt die Zeitbestimmung. Bodenanalysen sollten Klarheit bringen, doch selbst da gerieten am vergangenen Montag die Sachverständigen aneinander. Es wurden nur winzige 0,113 Gramm Sandkörner analysiert, die an der Scheibe hafteten. Ein Gutachter meint, der Sand stamme doch vom Fundort der Schwerter, ein anderer hält die Analyse aber für Unfug.

Möglicherweise sorgt jedoch das Insiderwissen der Raubgräber bald für neue Bewegung in der beim Publikum inzwischen beliebten Verhandlung. Bei Ebay versteigerte vergangene Woche einer der Schatzsucher die wahre Geschichte: Er versprach gegen Höchstgebot ein zweistündiges Gespräch »über das Auffinden und Bergen« des Schatzes.

Für 555 Euro bekam ein Bieter den Zuschlag, dessen Pseudonym gerichtsbekannt ist: Es ist der Nachname der wegen Hehlerei angeklagten Museumspädagogin.

STEFFEN WINTER

* Mit Sachsen-Anhalts Landesarchäologe Harald Meller.

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