USA Trüb und träge
Mark Twain hat ihn beschrieben, Oscar Hammerstein und Jerome Kern haben ihn besungen, und Jimmy Carter, als er um Stimmen und Volkstümlichkeit besonders bangte, hat ihn mit dem Raddampfer »Delta Queen« befahren: den meist trüben und trägen, aber stets wassergewaltigen Mississippi.
Kein anderer Fluß in den USA vereinigt in sich derart viel Baumwoll-Romantik, Sklaven-Geschichte und wirtschaftliche Bedeutung wie der Mississippi. Und kein Zweifel: Der »Ol' man river ... he keeps on rolling along«, wenn nicht alles täuscht, mächtiger und folgenreicher denn je.
Sechsmal in der Neuzeit hat der mächtige Strom, der die Vereinigten Staaten in Nord-Süd-Richtung durchfließt, sein Bett verlagert. Auch die siebte Umleitung scheint unabwendbar. Zu dieser Einsicht gelangten die Professoren Raphael G. Kazmann und David B. Johnson von der Universität des US-Staates Louisiana in Baton Rouge.
In einer zweijährigen, jetzt veröffentlichten Studie haben Kazmann und Johnson die geologischen Formationen, Wasserstände und Fließeigenschaften des Mississippi und seines Deltas sowie die wirtschaftlichen und sozialen Folgen untersucht, die auf die Region und ihre Bewohner im Süden Louisianas zukommen, wenn der Strom seine Hauptmündung verlagern sollte.
Daß dies geschieht, ist, so ein Fazit der beiden Mississippi-Experten, »nur eine Frage der Zeit«. Mit Dämmen und Schleusen »können wir die Umbettung verzögern«, sagt Ingenieur Kazmann, »doch letzten Endes wird der Fluß obsiegen -- spätestens in 30 oder 40 Jahren, vielleicht aber auch im nächsten Jahr. Schon eine einzige große Flut könnte ausreichen«.
Tatsächlich ist dem Mississippi sein jetziges Bett seit über drei Jahrzehnten aufgezwungen. In den 40er Jahren hatte das Ingenieur-Corps der US-Armee bei Simmesport, 320 Kilometer nordwestlich von New Orleans, ein Flut-Wehr errichtet. Mit dieser »Old River Control Structure« (OCS) werden die Wassermassen des Stroms auf seine beiden Hauptmündungsarme verteilt: 70 Prozent fließen an New Orleans vorbei, 30 Prozent gelangen über den Atchafalaya und dessen Mündungsarme in den Golf von Mexiko.
Geologisch ist das Atchafalaya-Bassin das aktivste Gebiet ganz Nordamerikas. Es senkt sich pro Jahrhundert um etwa 30 Zentimeter, siebenmal mehr als das Land um das jetzige Hauptdelta bei New Orleans. Gleichzeitig steigt das Flußbett durch die Millionen Tonnen von Schlamm, die der Mississippi jedes Jahr zum Meer schwemmt und teilweise im Fluß und an seinen Ufern ablagert, stetig an. Die Folgen sind: Der Strom tritt immer häufiger über seine Ufer. Das von Überschwemmungen bedrohte Gebiet wird immer größer.
Unter solchen geologischen Gegebenheiten und Abläufen ist jede Kontrolle eines Flusses, so der Kazmann-Johnson-Report, »wahrscheinlich die schwierigste Aufgabe, die Ingenieure übernehmen können«.
Wenn das OCS-Wehr bei Simmesport bricht und der Mississippi sich den um rund 200 Kilometer kürzeren Weg über den Atchafalaya in den Golf von Mexiko sucht,
* wird das jetzige Flußbett bis hinauf nach Baton Rouge verbracken und die anliegenden Städte von ihrem Frischwasser-Reservoir abschneiden;
* werden Eisenbahnlinien und Highways, die jetzt das Bassin zumeist auf Betonstelzen überspannen, weggeschwemmt und Ost-West-Verkehrsumleitungen von über 320 Kilometer nötig;
* werden wahrscheinlich die sieben großen Pipelines, über die Ostküstenstaaten wie New York und New Jersey bis zu einem Viertel ihres Erdgases für Haushalte und Stromerzeugung beziehen, neu verlegt werden müssen;
* werden Kraftwerke am Mississippi monatelang ausfallen, weil ihre Kühlsysteme vom Brackwasser beschädigt werden.
Schwere Verluste bedrohen die Austern- und Krabbenfischer. Weitreichende Veränderungen in der Fisch- und Pflanzenwelt sind bei einer Versalzung absehbar. Und New Orleans könnte eine wirtschaftliche Umstrukturierung bevorstehen. Um den Schiffsverkehr aufrechtzuerhalten, müßten Hafenbecken und Flußlauf auf einer Länge von 360 Kilometern ständig ausgebaggert werden.
Auf mindestens vier Milliarden, möglicherweise sogar auf 20 Milliarden Dollar veranschlagen Kazmann und Johnson den Überschwemmungsschaden, der bereits im ersten Jahr entstünde. Noch nicht einmal eingerechnet sind dabei die Kosten für Umsiedlungen, neue Deichbauten und Wasserwerke, neue Überlandleitungen und die Errichtung von Offshore-Pumpplattformen für die Erdgasquellen.
Die Spezialisten der Army hingegen sind überzeugt, daß es zu all dem nicht kommen wird. »Wir haben schließlich vom Kongreß den Auftrag, eine Überschwemmung zu verhindern«, sagt Bruce Sossaman vom Army-Corps. Auch er hält die Flutfolgekosten »für die Industrie, die Bewohner und die ganze Nation zu hoch«. So wollen die soldatischen Ingenieure nächsten Sommer mit dem Bau eines zusätzlichen Flut-Kontrollsystems beginnen. Veranschlagte Kosten: 216 Millionen Dollar. »Sollte das nicht genügen«, so Sossaman, »werden wir eben weitere Sicherungen bauen.«
Bei soviel befehlsergebenem Optimismus flüchtet sich Ingenieur Kazmann in die Ironie. Für ihn ist der Schauplatz am Mississippi der Ort, wo »die Regierung der Vereinigten Staaten gegen den Ol' man river« antritt: Washington wolle ihn zähmen, »doch der Strom sträubt sich dickköpfig -- und wird gewinnen«.