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TÜRKEI Tür offen

Sozialdemokrat Ecevit gewann die Wahl, aber kann doch nicht regieren.
• aus DER SPIEGEL 25/1977
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Ankaras Bürger ergriff panischer Schrecken. Mitten in der Wahlnacht zum Montag voriger Woche brach das Stromnetz zusammen. Hatte die Armee geputscht?

Sie hatte nicht, und nur wenige Stunden später zogen Hunderttausende Türken tanzend und singend durch die Straßen der Hauptstadt. Mit dem rhythmischen Ruf »Ecevit Basbakan« (Ecevit Ministerpräsident) feierten sie ihren Helden.

Der zweifelte zu dieser Stunde nicht an seinem Sieg. Alle zehn Minuten trat Bülent Ecevit, 52, Führer der Republikanischen Volkspartei, auf den Balkon im zweiten Stock des Parteihauptquartiers und winkte den Massen zu. Und bald darauf, die Premierswürde fest vor Augen, begann der türkische Sozialdemokrat Erklärungen zur Innen- und Außenpolitik abzugeben.

Wie schon der Schreck der Nachtstunde war auch die Freude nur von kurzer Dauer. Die ersten Wahlergebnisse aus den Großstädten ließen die Volkspartei zwar noch auf die absolute Mehrheit hoffen, die Bauern Anatoliens indes korrigierten das Ergebnis zu Ecevits Ungunsten.

Nach einem der blutigsten Wahlkämpfe der Türkei (65 Tote) hat weder die Volkspartei noch die erzkonservative Gerechtigkeitspartei des bisherigen Premiers Süleyman Demirel die nötigen 226 von insgesamt 450 Parlamentssitzen erringen können. Wieder hat es die türkische Linke nicht geschafft, die fast ununterbrochene 27jährige Vorherrschaft der Rechten zu beenden und allein zu regieren.

An einen Sieg Ecevits hatten Türken die Hoffnung auf dringend notwendige Wirtschafts- und Sozialreformen geknüpft, Hoffnung auch auf Rettung vor drohendem Staatsbankrott, Linderung der Arbeitslosigkeit, Beendigung von Terror und Korruption.

Und auch der Westen setzte auf Ecevit: Kein anderer als der »Held von Zypern selbst könne Konzessionen im Zypern-Problem machen und sie gegenüber Volk und Armee wirksam vertreten, kaum ein anderer als der besonnene Bewunderer nordeuropäischer Sozialdemokratien könne einen drohenden Konflikt mit Griechenland in der Zypern- und Ägäis-Frage abwenden. Vom Wahlausgang in der Türkei hing es weitgehend ab, ob die Nato ihre seit der Zypern-Invasion zerrüttete Südostflanke wiederherstellen kann.

Mit 213 Parlaments-Sitzen kam Ecevit weit näher ans Ziel als sein Gegner Demirel mit 189. Beide sind aber nur regierungsfähig, wenn sie mit ihren wesensfremden Partnern koalieren.

So zog zunächst Ratlosigkeit ein in die Parteizentralen, bei der Volkspartei herrschte Katzenjammer. »Aus der Wahlurne«, stellte »Günaydin« fest, »wurde ein neues Rätsel gezogen.«

Möglich wäre eine Kopie der alten Koalition. Demirels Gerechtigkeitspartei hat 40 Abgeordnete mehr als bisher. Ihre wichtigsten Partner in der »Regierung der Nationalen Front« schnitten unterschiedlich ab:

* Die faschistische »Nationale Bewegungspartei« des Ex-Obristen und Chefs der Killertrupps der »Grauen Wölfe«, Alparslan Türkes, verfünffachte seine Mannschaftsstärke von drei auf 16 Sitze.

* Die islamische »Nationale Heilspartei« des Professors Necmettin Erbakan schrumpfte von 48 auf 24 Sitze. Der fromme Professor trug den Verlust mit Ergebenheit ins Kismet: »Allah hat es so gewollt. Immerhin glaubte er seine Partei (Symbol: ein Schlüssel) nach wie vor im Besitz des »Schlüssels zur Macht« (Erbakan).

Demirels Hoffnung, die alte Rechtskoalition mit Erbakans Hilfe wieder auf die Beine zu stellen, schwand Mitte der Woche: Der Islam-Fanatiker schob dem Premier die Schuld am Wahldebakel seiner Heilspartei zu und beschuldigte ihn der Wahlfälschung. Gleichzeitig empfahl er sich als Koalitionspartner Ecevits, der ihn während des Wahlkampfes zu den »Räubern der Regierung Demirel« gezählt hatte.

Bittere Erfahrung sowie programmatische Gegensätze halten Ecevit davon ab, die Mésalliance mit Erbakan noch einmal zu wagen. Denn der will aus der Türkei einen theokratischen Islam-Staat machen -- ein Sakrileg in den Augen der laizistischen Volkspartei und der Armee, die sich beide gleichermaßen als Hüter und Wahrer der Reformen Kemal Atatürks betrachten.

Erbakan wähnt überdies die Europäische Gemeinschaft von »Zionisten und Freimaurern« regiert, Ecevit aber will die Eingliederung der Türkei in die EG betreiben. Und während sich Kissinger-Schüler Ecevit mit den Griechen endlich über Zypern und die Ägäis einigen möchte, fordert Erbakan, Anhänger einer Großtürkei, gleich die Besetzung der ganzen Insel.

So hält der Sozialdemokrat denn Ausschau nach Überläufern, er ermutigt potentiell Abtrünnige sogar. Ecevit: »Unsere Tür bleibt allen Abgeordneten offen, die die Volkspartei und ihr Ziel, die Wiederbelebung der Demokratie, unterstützen wollen.«

Parteiübertritte sind in der Türkei seit 1950 nicht selten, als zum erstenmal mehr als nur eine Partei zur Wahl standen. Kaum eine Partei konnte bis zum Ende der Legislaturperiode ihre Mannschaftsstärke halten, Regierungen mit knapper Mehrheit betrieben stets Stimmenkauf. Bisher jedoch waren Übertritte von Links nach Rechts die Norm, Großkapitalisten ließen es sich etwas kosten, wenn es darum ging, schwache rechte Regierungen zu stützen.

Schon in der Wahlnacht -- als freilich die Zeichen noch mehr auf Sieg der Sozis standen -- kippte die alte Richtung. Etliche Kandidaten meldeten sich telephonisch in Ecevits Hauptquartier mit dem Angebot, von rechts her die Reihen der Linken zu schließen.

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