Am Rande Tutnix
Der erste Satz, bei dem man schon mal anfangen sollte, sich nach Fluchtmöglichkeiten umzusehen, lautet: »Der tut nix.« Der Satz fällt in der Regel, wenn man sich einem Hund gegenüber sieht, der alle Feinheiten jener Körpersprache beherrscht, die auch Spezies-übergreifend verstanden wird: aufgestellte Nackenhaare, leicht hochgezogene Lefzen, angespannte Muskeln. »Keine Angst«, sagt Herrchen, mühsam die Leine haltend, »der will nur spielen.« Was der Hund aber in Wahrheit meint, ist: »Mein Name ist Bull. Pit Bull. Und ich hab verdammt schlechte Laune.«
Kein Wunder, dass niemand, von Herrchen mal abgesehen, solche Begegnungen mag. Und wäre man Briefträger, dann dürfte man jetzt neidisch werden. Neidisch auf die Kollegen Schaffner von der Bahn, deren Uniform offenbar ähnlich schlechte Laune in der Hundeseele auslöst wie die Briefträgerkluft. Denn die Bahn hat beschlossen, künftig keine Kampfhunde mehr in ihren Zügen zu dulden. Das Problem ist nur, dass niemand so genau weiss, was ein Kampfhund ist und was nur eine extrem gefährliche, bissige, bösartige - aber erlaubte Kreuzung. Und nicht nur das macht den Job der Zugbegleiter schwer. Künftig werden die Fahrgäste vom Schaffner (von wem auch sonst?) verlangen, sofort das gefährliche Tier aus dem ICE zu werfen. Der arme Kerl muss daraufhin möglichst taktvoll Herrchen (erkennbar an Jogginghose, Bierdose und Handy) beibringen, dass er nicht erwünscht ist. Herrchen nimmt dann die Füße vom Sitz, hält die Leine kurz und spricht den ers-ten vollständigen Satz des Tages: »Der tut nix.«