Medien TV-Rückblick
Dichter, Bürger, Moralist
9. Oktober, ARD
So weihe-, ja huldvoll und untertänig, aber auch sterbenslangweilig und steinbieder fragend sah man den verdienten Journalisten Fritz Pleitgen selten: Wie er denn heute das »Vaterland« sehe, wollte der WDR-Intendant von Günter Grass wissen - wie er zu Willy Brandt stehe und wie zu Auschwitz, Krieg und deutscher Schuld, wie zu Freund Martin Walser und schließlich: zur Kritik an seinen Büchern. Wer nun wenigstens hier etwas Überraschendes erwartet hatte, wurde abermals enttäuscht. Der streitbare Jubilar - am Mittwoch dieser Woche wird Grass 75 - ist längst zum Staatsdichter entrückt, zum deutschen Denkmal mit Pfeife und Schnurrbart. Wer seine Romane kritisiert, übt nicht Literaturkritik, sondern will sein Werk »totmachen«, wie er notorisch Marcel Reich-Ranicki vorhält, ohne ihn beim Namen zu nennen. Chance zur Versöhnung? Wohl kaum. Vorher jedenfalls müsse der andere »das zurücknehmen« - gemeint ist das Titelbild des SPIEGEL (34/1995) mit der Allegorie vom »Verriss« des Grass-Romans »Ein weites Feld«. Nicht nur hier dokumentiert Grass seine unbekümmerte Kenntnisfreiheit jenseits der eigenen Schreibstube - überhaupt zeigen die vergangenen 30 Jahre, dass die Menge der politischen Irrtümer und des im Lauf der Zeit geäußerten Unsinns nur groß genug sein muss, um irgendwann als goldener Schatz geistiger Erbschaft ans Vaterland weitergereicht und pontifikal gewürdigt zu werden. Bei allem Verständnis für Geburtstagsgrüße: ein schlimmer Fall von Staatsfernsehen.