TV-Rückblick
»Tod eines Kritikers« - Martin Walser liest aus seinem neuen Buch
13. Juni, ARD
Die meisten Dichter schaffen es nie ins Fernsehen; selbst Günter Grass muss mittlerweile den Bundeskanzler mitbringen, um sich in einer Talkshow räuspern zu dürfen. Martin Walser dagegen hat der Streit um sein neues, noch nicht erschienenes Buch immerhin die ARD-Einladung zu einer Lesung aus dem skandalumwitterten Werk eingebracht - gesendet wurde das Ganze allerdings zur fortgeschrittenen Geisterstunde. Walser saß in seinem Garten am Bodensee, das Hemd einen Knopf zu weit offen für einen Herrn von 75 Jahren, und gab Auszüge aus dem Roman »Tod eines Kritikers« zum Besten. Das heißt: Die Stellen, die Walsers neuem Buch schon vor dem Erscheinen den Vorwurf eingetragen hatten, es sei antisemitisch, wollte er dem Publikum offenbar ersparen. So fehlte gegenüber der vom Suhrkamp Verlag in Umlauf gebrachten Version etwa der Halbsatz über die Abstammung der Romanfigur, die Marcel Reich-Ranicki zum Verwechseln ähnlich sieht («... schließlich sei allgemein bekannt, dass André Ehrl-König zu seinen Vorfahren auch Juden zähle, darunter auch Opfer des Holocaust"). Das Wort »Jude« nahm Walser in der ARD nicht in den Mund. Feigheit? Späte Einsicht? Oder war alles wieder nur ein großes Missverständnis? Während der Abspann lief, sah man den Dichter jedenfalls durchs Gelände stapfen wie nach der Gartenarbeit - seinen Text hatte er zurechtgestutzt wie einen englischen Golfrasen.