TV-Rückblick
Joachim Bublath
2. November, ZDF
Ein wenig hatte der verdiente Wissenschaftsredakteur Joachim Bublath, 62, am vergangenen Mittwoch die Attitüde des welterklärenden alten Schulfunks: Höret, liebe Schööler, wie allerlei direkte Einflüsse aufs Gehirn durch Gerüche, Hormonsprays, Physiognomien oder Musik unseren freien Willen trüben. Das Fernsehen holte den glitzernden Zeigestock heraus: Die Mandelkernregion im Hirn entscheide über Sympathie, raunte ein Sprecher. Sogleich blinkte ein Punkt im blau gehaltenen Neuronengeflecht unterm Schädeldach auf. Lügen sei anstrengend, wusste der Film, besonders für Fremdgänger. Als wäre das eine nobelpreisreife Erkenntnis, blitzte es gewaltig in der durchleuchteten Birne. Vertrauen, Liebe? Alles nur eine Frage des richtigen Hormons. Was früher Einfluss von »geheimen Verführern« hieß, schien nun neurologisch überführt. Wie gut, dass wir auch eine rationale Komponente im Kopf hätten, bemerkte der Moderator zum Schluss, scheute allerdings die radikale Konsequenz eines mechanistischen Menschenbildes. Denn danach wären ja auch hehre Instanzen wie Gewissen und Moral biochemisch erweckbar. Die Welt würde nach den Düften fürs Gute suchen, Ethik zum Spezialgebiet der Chemie werden. Ein wissenschaftlich fundiertes Casting für die Apostel der Weltmoral müsste her. Wie schrecklich schön: Alles würde gut.