UNGARN Ueber 55 Jahre alt
Ungarn braucht Arbeiter. Der sowjetbefohlene Fünfjahresplan hat noch viele offene Stellen. Die Volksdemokratie ist gezwungen, die arbeitsfähigen Menschen zu bewirtschaften. Wer aus dem Lande heraus will, muß drin bleiben. Wer draußen ist, soll wieder hereinkommen. Auswandern möchte die Mehrzahl der Juden. Zurückwandern sollen die ungarischen Verstreuten in aller Welt.
Seit Monaten wird zwischen Budapest und Tel Aviv verhandelt. Der junge Staat Israel ruft seine Brüder heim in das Land der Väter. Aber seit Dezember 1948 ist die Judenauswanderung aus Ungarn verboten. Jetzt will die volksdemokratische Regierung den Juden die Tore einen Spalt breit öffnen. Doch auch dann nur mit Vorbehalten.
Bis Ende 1948 konnte der Verband ungarischer Zionisten legal einige Hundert junger Glaubensgenossen aus dem Lande herausbringen. Dann, nach der Gründung des selbständigen Staates Israel, schlossen sich plötzlich die ungarischen Tore. Trotzdem schmuggelten die Zionisten noch etwa 1500 junge Leute über die Tschechoslowakei nach Palästina.
Das ging nur einige Monate gut. Dann flogen die jüdischen Auswanderungszentralen auf. Ihre Leiter wanderten in die Gefängnisse, der Zionistenverband wurde aufgelöst.
Jetzt versuchte es Tel Aviv mit Verhandlungen. Budapest lehnte es ab, den Abschluß eines Handelsvertrages von der Auswanderungserlaubnis für mehrere Tausend Juden abhängig zu machen. Israel gab nach und unterzeichnete ein Handelsabkommen ohne die Auswanderungsklausel. Die Juden blieben im Land.
Trotzdem wurde weiter verhandelt. Anfang 1950 gab Budapest eine einmalige Auswanderungsquote von 3000 Juden frei. Unter einer Bedingung: Die Auswanderungswilligen mußten über 55 Jahre alt sein. Diese Jahrgänge sind für das volksdemokratische Arbeitstempo ohnehin nicht mehr zu gebrauchen. Trotzdem kamen nur etwa 600 Juden aus Ungarn heraus.
Noch leben etwa 180000 Juden in Ungarn. Selbst wenn es zu einem neuen Auswanderungsvertrag kommt, werden bestenfalls einige Tausend abwandern dürfen. Facharbeiter, Ingenieure, Aerzte bleiben weiter volksdemokratisch zwangsverpflichtet. Nur alte Juden werden ziehen dürfen. Und vielleicht die selbständigen Geschäftsleute von einst, die Bankiers und Makler. Für sie hat eine Volksdemokratie keine Verwendung.
Dafür würde sie um so lieber über die vielen Tausende Verschleppter verfügen, die Ungarn während und nach dem Kriege freiwillig und unfreiwillig verließen. Sie sucht Budapest mit einer Generalamnestie anzulocken. Wer bis zum 5. Oktober 1950 zurückkommt, wird straffrei ausgehen.
Die Verschleppten, denen die Volksrepublik diesen Köder hinwirft, werden in zwei Kategorien unterteilt. Da sind einmal jene, die während des Krieges, also vor dem 5. April 1945, westwärts gingen. Ihnen allen soll die volle Gnadensonne leuchten, sofern sie nicht Minister, Staatssekretäre oder Generäle unter den beiden letzten, stark angebräunten ungarischen Kriegsregierungen Sztojay und Szalasi waren.
Der zweiten Kategorie gehören Ungarns Nachkriegsflüchtlinge an. Wenn ihnen nicht inzwischen die Staatsbürgerschaft aberkannt wurde, können sie, sagt Budapest, unbesorgt zurückkehren. Viele Tausend sind seit 1945 geflüchtet. Nur einige Hundert wurden aus den Staatsbürgerlisten gestrichen.
Niemand weiß, wie viele Ungarn in und nach dem Kriege davongingen. Den stärksten Westschub gab es in den letzten Kriegstagen. Ganze Honved-Regimenter setzten sich mit ihren deutschen Waffenbrüdern ab. Mit ihnen Tausende von Zivilisten.
Heute sitzen sie in Westdeutschland, in der Schweiz, in Frankreich und in Schweden. Unter der DP-Flagge segelten viele nach Kanada, den USA, nach Südafrika und Südamerika und nach Australien.
1945 rief und sammelte die alte Heimat mit Repatriierungskommissionen. Der Erfolg war gering. Die meisten blieben draußen. Sie wollen auch weiter draußen bleiben.